Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228247--54109-3268071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
528 der ehrlich sein Brod verdienen muß für seine zahlreiche Familie, und der nich kann finden einen Schatz auf der Straße. Bist Du doch uu ein steinreicher gemachter Mann und wirst mir auch tzeHn eine Kleinigkeit für meine Müh' und für die armen Leuten!" (Schluß folgt.) Sprechsaal. Sehr verehrte Redaktion! höchstem Interesse las ich den Aufsatz: „Frauenfrage und Fraueng&r beruf im Judenthum". Gestatten Sie mir, einige Bemerkungen hinzuzufügen. Die Frauenbewegung resp. Frauenfrage ist in ein Stadium getreten, daß selbst ernste, kluge und gelehrte Männer dieselbe nicht für zu unwichtig halten, um sie zu beachten; hat doch unser hochverehrter Rabbiner, Herr Dr. Guttmann, dieselbe vor wenigen Wochen in einer seiner interessanten, geist- und gedankenreichen Predigten berührt. Ich bin vor Jahren an dieser Stelle mit aller mir zu Gebote stehenden Herzenswärme in dem Aufsatze „Erziehung des jüdischen Weibes für seinen Beruf" dafür eingetreten, den jüdischen Töchtern eine gründliche Vorbildung und Ausrüstung für den eigentlichen Beruf des Weibes, Gattin, Mutter und Hausfrau zu geben. Der weibliche Arzt, der weibliche Rechtsanwalt, der weibliche Universitätsprofessor werden stets Ausnahmen bleiben; die Natur hat dem Weibe einmal andere Bahnen vorgezeichnet als dem Manne, das Haus ist und wird bis in die fernsten Zeiten die eigentliche Welt der Frau sein! In einem anderen Aussatze bin ich nicht minder lebhaft dafür eingetreten, daß, da die sozialen Verhältnisse sich derart gestaltet haben, daß es nicht jedem Mädchen vergönnt ist, in der Geborgenheit des eigenen häuslichen Herdes sein Leben sich abspielen zu sehen, die jüdischen Eltern nicht verabsäumen möchten, ihre Töchter würdig vorzubereiten, den Kampf ums Dasein auf ihre Schultern nehmen zu können. ' Ich stimme vollständig mit der geschätzten Verfasserin in der Ansicht überein, daß die Frauen der orthodox jüdischen Kreise sich der Frauenbewegung gegenüber bei Weitem ablehnender verhalten als die der freidenkenden jüdischen Kreise, ja sogar, daß Erstere von der Frauenbewegung gar nicht berührt werden. Hier in Breslau gehören gerade eine Anzahl von Frauenfreidenkender jüdischer Kreise zu den führenden Geistern der Frauenbewegung, und nicht nur ausschließlich begüterte Frauen, und sie leisten zum Theil geradezu Großartiges im Dienste der werkthätigen Nächstenliebe, nicht nur durch reiche Geldspenden, sondern noch bei weitem mehr durch Opfer von Zeit und Kraft, insbesondere als Vorsteherinnen wohlthätiger Vereine und als Armenpflegerinnen, nicht minder als Vorsteherinnen von Vereinen zur Förderung der Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechtes; Berlin und Wien sind uns allerdings mit gutem Beispiel vorangegangen. Der Hinweis der geschätzten Verfasserin, die gebildete Frau müsse sich mehr um die die Welt bewegenden sozialen Fragen, das soziale Elend kümmern, kommt demnach zu spät; das ist seit Jahrzehnten bereits geschehen, und von Tag zü Tag wächst in gebildeten jüdischen Frauenkreisen das Interesse für die leidende und darbende Menschheit. Mein großer Bekanntenkreis umfaßt treffliche begüterte Frauen beider Richtungen, und gewiß, die Frauen der orthodox jüdischen Kreise wirken auch viel Gutes im Dienste der werkthätigen Nächstenliebe; allerdings halten sie noch zumeist Geldspenden für die höchsten Wohlthaten, aber auch sie haben ihre Schützlinge, denen sie mit Rath und Thät beistehen, die sie in ihren Wohnungen aufsuchen, deren Noth sie zu lindern streben. Daß diese Frauen allerdings nicht so viel Zeit für Schützlinge erübrigen können, mag wohl auch dem Umstande zuzuschreiben sein, daß der streng rituelle Haushalt, die streng religiöse Lebensführung ihnen größere nähere Pflichten auferlegt. Was jedoch die Frauen freidenkender jüdischer Kreise anstreben, ist, daß die Frauen der orthodox jüdischen Kreise sich selbst mehr und mehr bewußt werden und ihre. Schützlinge dahin zu belehren suchen, daß Arbeit den Menschen ehrt uni» adelt, daß sie ihren Schützlingen größere Wohlthaten zuwenden, wenü strähnen Arbeit verschaffen, als wenn sie dieselben durch Geldspenden 'unterstützen'), daß das Gotteswort: „Im Schweiße deines Angesichts Ich verweise auf meinen Aufsatz „Armenpflege". i sollst du dein Brod essen", ein Segen, kein Fluch für die Menschheit ist. Man hat^ und, gestehen wir es uns offen, nicht ganz mit Unrechtz, den jüSHchM Frauen aller Kreise stets den Vorwurf gemacht, sie seien mehr oder minder arbeitsscheu; die begüterten Frauen zeiht man der Putzsucht, die einen großen Theil ihrer Zeit in; Anspruch nimmt; die Frauelt und Mädchen der ärmeren Klassen beschuldigt man, daß sie vor gröberer Arbeit zurückbeben! Man wende nicht ein, ihre körperliche Kraft reiche dazu nicht aus; es ist dies eine ganz veraltete Anschauung. In unserer Zeit, wo die Töchter der höchsten Stände in Haushaltüngsschulen eine gründliche Unterweisung in allen weiblichen Arbeiten erhalten, sollten auch alle jüdischen Mädchen, besonders die Töchter der ärmeren Klassen, nicht verabsäumen, sich alle weiblichen Fertigkeiten anzueignen. Wahrhaft werkthätige Nächstenliebe werden die begüterten jüdischen Frauen üben, wenn sie ihre Schützlinge ermuntern, das. Feld der Berufszweige für ihre Töchter auszudehnen; „das schickt sich nicht für meine Tochter" gehört der Vergangenheit an. Und eine-hohe herrliche Aufgabe ist es für die begüterten jüdischen Frauen, die Zeit ihres Daseins weise zu nützen in unablässiger Arbeit im Dienste der Humanität und somit die göttliche Verheißung zu erfüllen: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!" Breslau, 8. Oktober. Regina Neißer. * Sehr geehrter Herr! #estatten Sie mir, die sich jetzt darbietende Gelegenheit auch dazu zu benutzen, Ihre Aufmerksamkeit auf einen Uebelstand zu lenken, den ich alljährlich an den hohen Festtagen wahrzunehmen Veranlassung habe, und der einer Abhilfe dringend bedarf.' Längst hätte ich denselben schon einmal in irgend einer Weise und an irgend einer geeigneten Stelle zur Sprache gebracht, wenn ich nicht bald nach Verlauf der Festtage durch die Aufgaben des Tages davon abgelenkt worden wäre. Ich meine nicht nur die minderwerthigen, weil vermuthlich schlecht bezahlten Kräfte, welche die gottesdienstlichen Funktionen an den von Privatunternehmern in geschäftsmäßiger Weise veranstalteten Gottesdiensten an den hohen Festtagen ausüben, sondern hauptsächlich auch die gar zu scharfe, ja geradezu polizeiwidrige Ausnützung der von diesen . Privatunternehmern ermietheten Räume. Dieser letztere Uebelstand hat sich diesmal in einer derartigen Weise bemerkbar gemacht, daß darüber nicht nur vielfach geklagt wurde, sondern es sogar so weit ging, daß sich Stimmen verlauten ließen, welche ein polizeiliches Einschreiten für wünschenswerth erklärt haben. Indem ich mir erlaube. Sie, geehrter Herr, auf diesen Uebelstand hinzuweisen, gebe ich mich der Hoffnung hin, daß Sie demselben einige Beachtung zuwenden und sich dafür interessiren werden, daß geeigneten Orts an Abhilfe gedacht werden möchte. Wenn ich auch nicht so weit gehe, den Vorschlag zu 'machen, daß die Gemeinde selbst die erforderlichen Veranstaltungen des Gottesdienstes an den hohen Festtagen in den verschiedenen Stadttheilen in die Hand nehmen soll, so dürfte es immerhin angezeigt fein, der hier angeregten Frage näher zu treten und für eine würdige Ausgestaltung des Gottesdienstes an den hohen Festtagen bedacht zu sein, was der Gemeindevorstand ja vermöge seiner Autorität wohl auch durchzuführen in der Lage sein dürfte. Berlin, 9. Oktober. Hochachtungsvoll E. D. Sehr geehrter Herr! (i apokryphe Brief des Papstes an den Sultan hat Ihnen, mit Bezug auf die Mittheilung in Nr. 38 der Zeitung des Judenthums (S-447), Veranlassung zu einem Akt von Selbstverleugnung gegeben, den man wohl bewundern, aber im Interesse der Sache nicht wünschen kann. Sie haben nämlich der Zuschrift des Herrn H. Berliner in Nr. 41 Aufnahme gewährt, worin Ihnen zugemuthet wird, daß Sie die Stelle 5. Buch Moses, Kapitel 28, Vers 64 nicht kennen. Aber offenbar meinten Sie von der zweiten Hälfte der in jenem Papstbriefe citirten angeblichen Prophezeiung, daß sie in der Bibel nicht enthalten fei, da ja vielmehr das gerade Gegentheil sich vielfach darin findet, z. B. ganz in der Nähe der von H. Berliner citirten Stelle, 5. Buch Moses, Kapitel 30, Vers 3—5. S. L. Druck und Verlag von Rudolf Blosse'in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.