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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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527 gerungen, und auf dem unregelmäßigen Bretterzaun, der die elende Behausung einfriedigt, hängen unsaubere Männerkleider und geflickte Netze. Das blöde Antlitz eines alten verwitterten Weibes erscheint an der kunstlos zusammengefügten Bohlenthüre und glotzt aus rothumränderten Augen den Wanderer an. „Was willst?" fragte sie den Hausirer. „Js Keiner zu Haus, Alles auf'n Fang!" „Laß' mich eintreten," bittet Baruch, „ich bin müde und möchte ein wenig ruhen." Die Alte giebt die Thüre frei und schlürft in die niedrige, von Thranduft und Fischgeruch zum Ersticken gefüllte Stube. Dort kauert sie sich in einem Winkel zusammen und zieht fröstelnd eine alte grobe Decke um die Schultern. „Kaufst Du ein warmes Tuch?" fragt der Jude. „Ich Hab Tücher, weich wie Seide und glänzend wie Atlas, keine Gräfin,dürfte sich schämen, ein solches Tuch zu tragen!" „Kaufen?" Die Alte zuckt die Schultern. „Bon was? Ich Hab' keinen Kopeken, sie nehmen mir alles fort, ich brauch' kein Geld, sagen sie!" „Deine Söhne?" „Nu freilich. Wie ich mir Hab' die Knochen für sie zerschunden, da war es gut, nun ich nichts mehr arbeiten kann, bin ich ihnen zur Last." Sie spuckte heftig aus und wiegte den Oberkörper wie im Schmerze hin und her. „Nu, wenn Du hast kein Geld," sagte Baruch, „so tausch' was ein, Felle, Flachs, Kleiderzeug — ich bin's zufrieden;" und während er spricht, breitet er grellbunte Tücher aus und hält sie der Alten dicht vor die blöden Augen. „Js das eine Pracht!" seufzt das Weib und fährt mit den dürren Fingern prüfend über das warme Gewebe, „is das eine Pracht! Häng' mir einen Augenblick um das schöne Tuch, häng' es mir um, — mach' mir die Freud'." Geschäftig breitet der Jude das Tuch um die dürren Schultern — und plötzlich bleibt sein Auge wie gebannt an dem Nacken der Alten hängen. ^Was war das? Drei Reihen Perlen, von einem künstlichen Schlosse in Form einer Klaue zusammengehalten, lagen mattflimmernd in seltener Pracht um den Hals des alten Fischerweibes. Baruch griff mit Gier danach, und die Alte ließ es ruhig geschehen, daß er die Perlen von ihrem Nacken löste und prüfend durch die Finger gleiten ließ. Nein, nein, er irrte sich nicht, es waren echte Perlen von wunderbarer Reinheit, ein Schatz, wie er ihn nur in seinen kühnsten Träumen geahnt. — Aber nur nicht merken lassen, daß sie etwas werth, nur schlau zu Werke gehen, damit er sie für einen Spottpreis erhaschen kann. Da wäre ja das Glück, das er schon so lange erfleht, da wäre der Quell des Reichthums, den er mit all seiner Kraft so eifrig gesucht. „Woher hast Du die Perlen, Mutter?" fragt er scheinbar gleichgiltig und kann doch nicht verhindern, daß seine Stimme zittert. „Die Glasperlen? Ah, weiß nicht recht. Von der Mutter vielleicht, und die wieder von ihrer Mutter. Einer von den Unsrigen hat sie einst weit, weit von hier am Meeresstrand gefunden. Leg' sie mir wieder um, sie sind gut gegen Zauber uud Reißen." „Willst Du mir die Perlen eiutauschen gegen das rothe, schöne Tuch?" schmeichelt Baruch, und seine Zähne knirschen, aus Furcht, sie könnte „nein" sagen, hörbar auf einander. „Wahrhaftigen Gott, ich mache ein schlechtes Geschäft; aber Du thust mir leid, Mutter, es is kalt, und Deine alten Knochen scheuern sich an der harten Decke." „Ninnn sie hin!" sagt die Alte erfreut, „was sollen sie mir. Ich Hab' keine Tochter, der ich sie schenken möchte, und meine Jungens machen sich nichts daraus. Du bist ein guter Mensch, daß Du Mitleid hast mit einer alten, kranken Frau!" Es steigt doch etwas wie Scham in dem Händler auf und würgt ihn im Halse. Er legt schweigend sein schönstes und wärmstes Tuch um die Gestalt der alten, ahnungslosen Frau und fügt auch noch eine große Nadel mit einem funkelnden Stein hinzu. „Ich werde versuchen, zu verkaufen die Perlen," sagt er stockend und macht sich angelegentlich mit dem Einpacken seiner Sachen zu schaffen, „sollte ich lösen mehr, wie is werth das Tuch, will ich zurückkommen und Dir bringen einen blanken Silberrubel." „Gott geleit Dich gut!" sagt das Weib ganz gerührt und faltet die unruhigen Hände fest über das köstliche Tuch, als fürchtete sie, es könnte ihr entriffen werden; und als der Jude, nach einem flüchtigen Gruße, davonhastet, sieht sie ihm nach, schlägt das Kreuz unb betet ein frommes Vaterunser. Baruch taumelt wie ein Trunkener seines Weges. „Gott Du Gerechter," murmelt er, „zürne nicht und straf' mich nicht, daß -ich Hab' genommen die kostbaren Perlen für das billige Tuch. Wie lange kann sie noch leben, die arme, alte Frau — was sollten ihr die Perlen nützen? — O Sarah, Sarah, mein Stern, meine Blume, der Baruch kommt zurück zu Dir als ein reicher Mann; er kann legen zu Deinen Füßen das rothe Gold und kann hüllen Deine schönen zarten Glieder in Sammet und köstliche Seide. Und Du wirst hängen an seinem Halse — und wirst ihn anschauen mit den strahlenden Augen und ihn küffen mit dem rothen Munde und weinen vor Freude und Stolz. — Uud meine Kinder — Euer Vater kommt zu.Euch, mit Reichthum beladen, er kairn machen Euch zu großen und gelehrten Männern und kann immer bleiben bei Euch und darf nicht mehr wandern mit dem Pack von Haus zu Haus. Er wird kaufen ein schönes Haus und wird anschaffen Diener und Wagen und Pferde und wird immer, immer sein bei seinem Weibe und seinen herzigen Kindern." Und er wirst das Pack weit von sich, kniet nieder, wühlt sein glühendes Antlitz in den kühlen Sand und weint Thränen der Freude, des Entzückens, der heißen Sehnsucht nach seinen Lieben daheim. Dann aber springt er auf und hastet weiter. Sind ihm Flügel gewachsen? Vorwärts, vorwärts, dem Glücke, dem Reichthum, der Liede entgegen. Was ist ihm jetzt sein Handel? Was sind ihm die wenigen Kopeken, die er erst durch stundenlanges Feilschen und Reden ergattern muß? Seine Hand krampst sich in der Tasche um die Perlenschnur, verächtlich stößt er mit dem Fuße nach dem Packen. Mag es doch liegen bleiben, wo es will, es würde ihn nur hindern am schnellen Vorwärtskommen. Er muß nach Petersburg, dort hat er Geschäftsfreunde, mit deren Hilfe wird es ihm gelingen, den kostbaren Schatz in klingendes Gold zu verwandeln. Er zieht die Perlen hervor und sieht sich scheu rings um, ob auch kein Lauscher in der Nähe. Wunderbar, einen solchen Schatz, Tausende und Tausende von Rubeln werth, in der elenden Fischerhütte, wer hätte das geahnt? Sorgfältig wickelt er die Schnur in weiche Tücher, und dann schlägt er den Weg nach dem Inneren des Landes ein, um so bald als möglich eine Eisenbahnstation zu erreichen. Der Geschäftsfreund in Petersburg erstarrt, als er die Perlen sieht. Bitterer Neid krampst ihm das Herz zusammen. Warum kann er nicht ein solches Geschäft machen; dem Baruch Chaim ist es im Schlafe gekommen. Mißtrauisch hörte der die Erzählung des Glücklichen an; er denkt sich sein Theil uud glaubt ihm kein Wort. Gott weiß, wo Baruch den Schmuck hergenommen. „Ich werd' Dir geben eine Empfehlung an Gregowitsch, den Hofjuwelier," sagt er endlich mürrisch, „mein Vermögen reicht nicht aus, Dir abzukaufen den Schmuck. Ich bin ein armer Mann,

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