Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · p. Seite 526

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228247--54107-3268069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

526 Nehmen Sie diese Aeußerungen eines aufrichtigen Herzens mit Liebe und Vertrauen auf. Ich würde mich sehr glücklich achten, wenn ich dadurch irgend etwas beitragen sollte, den stillen Frieden Ihrer Seele, der ein so unschätzbares Gut ist, zu befestigen. Ich füge nichts hinzu als den Gedanken, daß. Ihr Volk solcher Männer, wie Sie sind, bedarf, um innerlich zu besserer Erkenntniß und höherer Sittlichkeit erhoben zu werden, und daß Ihr Verdienst sehr groß seyn würde, wenn Sie in Vereinigung mit andern Gleichgesinnten dahin kräftig wirken könnten, daß das Schroffe, Fehlerhafte, Jsolirenve, die Erhebung des Geistes Lähmende aus der Mitte Ihrer Glaubensgenossen immer mehr entfernt werden möchte. Mit den besten Wünschen für Sie und der Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung bin ich Ew. Wohlgeboren Gotha, ganz ergebenster den 4. April 1837. Dr. G. Bretschneider. P. S. Wollen Sie in der Zukunft wieder an mich schreiben, so soll mir es angenehm seyn, und ich werde Ihnen jederzeit mit Vergnügen antworten. In der That, der Fall mag damals wie heute, freilich heute mehr als damals, geradezu ein einziger gewesen sein: Ein hoher evangelischer Geistlicher warnt einen Jüngling, der sich vertrauensvoll an ihn wendet, auf das Dringendste davor, den Glauben zu wechseln, das Judenthum zu verlassen und zu der Religion überzugehen, deren eifrigster Vorkämpfer er selbst ist! Und mit welchen Gründen belegt er seine Warnung! Und wie eindringlich spricht er zu dem Herzen, wie klar und schlicht zu dem Geiste des Jünglings! Mit wahrhaft goldenen Worten verkündet er ihm in einem einzigen Satze das große Geheimniß des Lebens, daß die Religion überall zuerst ein Heiligthum des eigenen Gemüthes sei, ein Verhäliniß, in welches sich der Mensch zu seinem Schöpfer selbst stelle, und wofür er nur diesem verantwortlich sei. Kurz, der ganze Brief ist ein rechtes Kleinod, ein Schmuckstück reiner Ethik, an dem man nicht drehen und deuteln und am wenigsten mäkeln soll wegen einzelner Widersprüche in den Anschauungen über Juden und Judeuthum, die man. ebenso leicht herausfinden wie durch die Zeitverhältuisse erklären kann. Ueber allem steht ja doch die Thatsache, daß der sittliche Muth, aus dem dieses Schreiben geflossen, um so höherer Anerkennung werth ist, je seltener er zu finden sein mag. Ehre dem Andenken des edlen Mannes! Und nun wäre ich eigentlich zu Ende. Aber ich fürchte, daß meine m Leser nicht ganz zufrieden mit mir sein werden, weil sie noch eine Auskunft über den Abschluß dieser Lebenstragödie erwartet haben. Nun denn, ich bin in der erfreulichen Lage, auch das Ende meiner Geschichte mittheilen zu können. Der Eindruck, den der Brief auf unfern Jüngling hervorbrachte, war ein tiefer und mächtiger. Die weise, milde Rede des Seelenhirten bannte die schweren Zweifel und Kümmernisse, die ihn vordem erfüllt, sie wies ihm den rechten Weg, den er fortan einzuschlagen habe, und den er auch eingeschlagen hat. Aus irrigen, aber um der Motive willen achtungswerthen Gedanken war er auf den Scheideweg gelangt. 9hm kehrte er hochgemuth und lebensfreudig zu seiner alten Heimath, zu den theuren Eltern, zu dem Väterglauben wieder. Ein reich und feingebildeter, hochsinniger, reiner, liebenswerther Mensch von einer seltenen Lauterkeit und Unsträflichkeit der Seele, entwickelte er sich zu einem Manne von Ansehen und Bedeutung in weiten Kreisen, der für die Ideale der Freiheit und der Aufklärung bis an sein Lebensende mit jugendlichem Feuer kämpfte und so seiner Glanbensgemeinde zur Ehre und zum Segen ward, dessen Söhne in hochangesehenen Stellungen sich bewähren und dabei überzeugte, glaubeustreue Juden geblieben sind, die die Mahnung des großen Dichters ,, beherzigt: Frage nicht, durch welche Pforte Du in Gottes Stadt gekommen. Sondern bleibe still am Orte, Wo Du einmal Platz genommen. Ist es nach all dem Vorhergegangenen aus der Geschichte dieses rührenden, alten Briefes nun etwa auch noch nöthig, die Nutzanwendung auf unsere Tage zu ziehen? Ich glaube nicht, aber ich wünschte, daß alle Diejenigen, welche heute, sei es in schweren Kämpfen, sei es aus leichtfertigen Motiven, den Glaubenswechsel rasch vollziehen wollen, die goldenen Worte jenes edlen Priesters beherzigen und an der Lebensgeschichte unseres Jünglings ein aufrichtendes Beispiel sich nehmen möchten. G. K. -II—II-. - .- — —- II—Hrau«<niwnimi OTllrJIWiNli' i 1 lAL'IMÜfllllfflffl s * l_ CF2MlilElÄl EsmUBlmv FEUILLETON * | iiKPfwimtmsg? •IWlUuWIuEs -II—H -vfr. ■---- — II—IF Baruch Chaim. Eine wahre Geschichte. Von Magda Spaeth. f en schweren Packen auf dem gebeugten Rücken, den festen Kuotenstock als Stütze und Wehr in der nervigen Faust, die Augen fest auf den Boden gerichtet, so wandert Baruch Ehaim seinen mühsamen Weg längs dem Strande der Ostsee. Der Sturm zaust an dem vielfach geflickten Kaftan, wühlt in den schwarzen Locken, die in reicher Fülle aus der alten Sammetmütze quellen, und durchkältet ihn bis auf die Knochen. Die See wirft ihre schaumgekrönten Wellen bis weit auf den Strand, bis zu den Füßen des einsamen Wanderers; die Möven kreischen über seinem Haupte, und dicke Wolken hängen, Trauerschleiern gleich, über dem aufgeregten Wasser. Baruch merkt nichts von dem Aufruhr in der Natur. Wie lange trägt er schon seine Last? Lauge, lange Jahre, so voll Entbehrung, Demüthigung und schwerer, unendlicher Plage. Aber für wen? Ach, ja, zu Hause, in der engen, kleinen Wohnung, der fleiiifieit aller Hütten, da wartet sie, seine Blume, seine Taube, sein junges Weib und seine beiden Buben auf ihn. Ein tiefer Athemzug hebt seine Brust, er richtet sich auf und beschleunigt unwillkürlich seine Schritte. Alles, was ihn trifft, und sei es das Schwerste und Mühseligste, was ist es gegen den Lohn, der seiner wartet, wenn er nach Wochen die Schritte wieder heimwärts lenkt. Sein Weib! — seine Kinder! — der Gott seiner Väter möge sie schützen. Dort taucht eine einsame Fischerhütte auf, und von ihr aus sind es nur noch zwei Stunden bis zu seinem heutigen Ziele. In dem Kruge von Schominken ist stets lustige Gesellschaft, da kann er seinen Packen absetzen und ruhen; das Dorf ist reich, und die lettischen Bauernmädel haben ihre Freude an den schreiend bunten Tüchern und Bändern und deni billigen Schmuck, den er mit sich führte. Vielleicht, wenn das Glück ihm günstig ist, kann er heute noch ein gutes Geschäft machen. Wie ausgestorben liegt die Fischerhütte, fast vergraben im Sande, die Einsamkeit legt sich beklemmend auf sein Herz, und zaghaft nur wagt er es, an das trübe, kleine Fenster zu klopfen. Um die Ecke des Hauses trottet eine magere Ziege; sie findet kaum ihre Nahrung auf dem mit Strandhafer und herbem Schilfe bestandenen Sandhügel. Ein kleiner Kartoffelacker ist dem Boden mühsam ab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.