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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 war, und wie es jetzt ist! Früher Angst, Furcht, Sorge; jetzt Zufriedenheit, Freude, Zuversicht!" Das Beispiel Antonios wirkt auch auf Heinrich mächtig ein. In heißem Ringen hat er die Erkenntniß gefunden, und ohne Sorge um das Urtheil der Welt, kehrt er zu der Heimath und zu dem alten Glauben wieder: „Nun erst ist mein Herz ganz wieder beruhigt, denn nur bei der Wahrheit ist dauernder Friede zu finden." Damit schließt das merkwürdige Buch, und man kann sich wohl denken, in welche innere Erregung es unfern Jüngling-Mann versetzte, wie es gleichsam als eine neue Offenbarung über ihn kam, und wie die befreite Seele aufjauchzte, wenn er in einem Buche, deffen Verfasser ein Oberkonsistorialrath und Generalsuperintendent war, die goldenen Worte seines biblischen Propheten las von der Zeit, in der das Wort Jeremia's in Erfüllung gehen werde: ,,Es wird Keiner den Anderen, noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: Erkenne den Herrn! sondern sie sollen mich alle kennen, alle, Klein und Groß, spricht der Herr!" , O, dieser Mann mußte ihm sicher das Räthsel des Lebens lösen können, das qualvoll uralte Räthsel! Dieser Seelenhirt mit dem Herzen voll Liebe, mit dem Geiste voll Klarheit würde ihm sicher den rechten Weg zeigen, den er einzuschlagen habe, um seine Seele von allen Kümmernissen zu befreien! War doch seine Lage, wenn auch unter veränderten Verhältnissen, wie die Heinrichs, war doch sein Seelenkampf, wenn auch in einem andern Glauben, der gleiche wie der Antonios, warum sollte der Mann, der die Lebensschicksale dieser Beiden in so wunderbarer Weise zu enträthseln verstanden hat, nicht auch ihm Rath, Hilfe und Trost bringen? Und in dieser Lage wendet er sich an den Verfasser des Buches, das damals so großes Aufsehen erregt hatte, schildert ihm seine Lage und bittet ihn um seinen Rath. Das ist der Adressat meines alten Briefes. Der Verfasser desselben bekleidete, wie ich schon bemerkt habe, eine hohe Stellung in der evangelischen Kirche Deutschlands. Sein Name war Karl Gottlieb Bretschneider (1776—1846), ein Theolog, der den sogenannten rationalen Supernaturalismus mit Eifer und Entschiedenheit vertreten, der mit Wärme und Kraft für die Vereinigung der beiden protestantischen Konfessionen gekämpft und der im^Leben als ein wahrer Priester voll Milde, Liebe und Güte gewirkt hat. Das -ist der Verfasser des Briefes, den ich nun im vollen Wortlaut folgen lasse: Ew. Wohlgeboren! Brief vom 27. März würde ich eher beantwortet haben, wenn er mich nicht grade in der Reconvalescenz von einer Entzündung der Milz, die mein Leben bedrohte, getroffen hätte. Erft jetzt habe ich mich so weit erholt, um wieder etwas arbeiten zu können, und ich stehe nicht an, Ihnen auf Ihren vertraulichen Brief vor allen andern zu antworten. Der Inhalt desselben hat einen sehr lebhaften Eindruck auf mein Herz gemacht. Ich sehe daraus mit Bewunderung und Demuth, welcher Wege sich Gott bedient, um die Gedanken der Menschen zu leiten, wie die Wasserbäche. Das große Vertrauen, das Sie mir durch. Ihren Brief beweisen, ist mir eine Verpflichtung, demselben zu entsprechen. Ich erlaube mir daher, Ihnen meine Gedanken über den Inhalt Ihres Briefes mitzutheilen, und zwar mit aller der Aufrichtigkeit, welche hierin dem ehrlichen Manne gegen einen andern ehrlichen Mann heilige Pflicht ist. Zuerst also bemerke ich, daß ich bei dem, was ich in meinem Heinrich und Antonio über die Pflicht des Confessionswechsels gesagt habenicht aufs Entfernteste an den Fall gedacht habe, in welchem Sie sich befinden, sondern bloß an den Wechsel christlicher Kirchenconfesstonen, wobei man immer Christ bleibt und Mitglied seines Volks, und nur die kirchliche, nicht die religiöse Beziehung wechselt. Ihr Fall aber, wie Sie dieses auch selbst bemerken, ist ein anderer. Es ist bei Ihnen davon die Rede, ob Sie sich von Ihrem Volke gänzlich lossagen, also alle Bande des Bluts und der Freundschaft zerreißen sollen oder nicht. Ich verkenne gar nicht, daß es einen .Seelenzustand geben kann. in welchem ein so ernster Schritt zur Pflicht wird und zur Beruhigung des Gewissens erforderlich ist; aber es ist doch auch auf der andern Seite offenbar, daß damit keine Nöthigung gegeben ist, einen solchen 'Schritt heute oder morgen zu thun, oder überhaupt damit zu eilen, sondern daß die Wahl der Zeit abhängig, ist von den äußern Umständen, in welche uns die Vorsehung gesetzt hat. Und wenn auch keine äußern Umstände zu berücksichtigen wären, so würde schon die Sache selbst es rathsam machen, ja nichts zu übereilen, sondern das Herz sorgfältig zu prüfen, auf seine so oft wechselnden Stimmungen aufmerksam zu seyn, und ihm Zeit zu lassen, seiner selbst völlig gewiß zu werden. Denn auch der Grund, .der bei dem Wechsel kirchlicher christlicher Confessionen so wichtig ist, daß man nämlich die Wahrheit öffentlich bekennen muß, um ihre Geltung zu stärken, ist in Ihrem Falle nicht vorhanden, könnte wenigstens von keinem Gewicht seyn. Sie sind daher in dem Falle, wo man ohne Verletzung des Gewissens und ohne ein Vergehen gegen die Wahrheit.sich mit der innern Huldigung, die man in Glauben und Wandel der Wahrheit erweiset, so lange begnügen sollte, bis die äußern Verhältnisse ein öffentliches Bekenntniß erlauben. Diese scheinen mir Ihnen ein solches Bekenntniß vor der Hand noch zu versagen. Ich rechne dahin vor allen andern die Rücksichten, welche Sie der Herzensruhe Ihrer Frau Mutter schuldig sind, und ich, an Ihrer Stelle, würde so lange, als sie lebte, einen entscheidenden Schritt nicht thun. Dann -rechne ich aber auch dahin Ihr Lebensalter. Sie bemerken, daß Sie im 24sten Lebensjahre stehen, und ich erlaube mir dabei, zu erinnern, daß ich dieses Alter für einen so wichtigen Schritt noch nicht gereift genug halte. Darf ich dabei einen Rath geben, so würde ich ihn dahin richten, vor dem 33sten Lebensjahre eine solche Veränderung nicht zu beginnen, sondern mir bis dahin Frist zur Ueberlegung zu geben. Ich glaube 'nicht, daß Sie in diesem Rathe eine Anmaßung erblicken werden. Es ^ist vielmehr der Rath eines erfahrnen Mannes aus treuer Meinung gej geben. Ich habe, vermöge meines Berufs, mein Leben schon früh dem . Nachdenken über das Religiöse gewidmet, und es ist dieses jetzt noch in .meinem 57sten Lebensjahre mein Geschäft und meine Pflicht. Dabei habe ich aber aus eigener Erfahrung wahrgenommen, daß man zur ' Reife des Urtheils nicht eher zu gelangen pflegt, als bis man in das 4te Lebens-Decennium eingetreten ist. Was ich Ihnen, hier geschrieben habe, das ist aus meinen allgemeinen Ueherzeugungen hervorgegangen, nicht aus meiner Ansicht von dem religiösen und kirchlichen Zustande Ihres Volks in jetziger Zeit. Denn leider kenne ich diesen so wenig, daß ich mir darüber gar kein Urtheil erlauben darf. Es hat sich nie getroffen, daß ich mit Ihrem ' Glaubensverwandten näher bekannt geworden wäre. Die Städte, wo ich gelebt habe, waren und sind nicht von Ihrem Volke bewohnt. Nur ein einziges Mahl bin ich als Student in Leipzig in einer Synagoge , gewesen. Eben so ist mir das, was bei Ihnen über das alte Testament ^an Glaubensansichten und moralischen Prinzipien jetzt gültig ist, nicht bekannt, so wie mir auch Ihre kirchliche Verfassung fremd ist. Hieraus werden Sie von selbst ermessen können, daß mir alle nvthige Bor-. kenntnifse fehlen, um eine ähnliche Schrift, wie Heinrich und Antonio, -über den Glauben und die Verfassung Ihres Volkes zu schreiben. Diesen Glauben aber anzutasten, diese Verfassung zu befehden, ohne sie gründlich zu kennen, würde ich für gewissenlos halten. Es ist mir aber , auch keine Schrift bekannt, wo Judenthum und Christenthum in neuerer Zeit neben einander gestellt, und unpartheiisch wären gewürdigt worden. Die Religion ist überall zuerst ein Heiligthum des eigenen Gemüths, * ein Verhältniß, in welches sich der Mensch zu seinem Schöpfer selbst stellt, und wofür er nur diesem verantwortlich ist. Das Theoretische in ihr ist überall nur da um des Praktischen Willen. Das letztere ist die Hauptsache, wie auch unser Meister sagt, daß nicht die, welche zu ihm sagen Herr, Herr! in das Himmelreich kommen sollen, sondern die, welche den Willen seines himmlischen Vaters vollbringen, den unser : Meister selbst nach Mosis Gesetz in aufrichtige Liebe zu Gott und zu 7 allen Menschen setzt. Diese praktische Religion kann allerdings durch , einen irrigen Glauben sehr gehindert, ja für viele unmöglich gemacht werden, und darum darf man nie gegen theoretische Jrrthümer gleichgültig seyn; aber wer sich von den letzlern gereinigt hat, und mit - seinem Schöpfer in einem sittlichen Wandel vereinigt ist, den wird Gott - für sein Kind erkennen, wenn er auch, gebunden durch unentfernbare ^Verhältnisse, sich vom Irrigen nicht durch eine äußerliche Thathandlung .. lossagen kann.

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