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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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524 Frau zu trösten, Haßgefühle in ihr zu unterdrücken und fromme Erhebung ihr einzupflanzen sucht. Auch die Art, wie die Aerztin ihr nur einen Augenblick unterdrücktes Pflichtgefühl wieder weckt und mit echter Menschlichkeit ihre Kunst auch den Feinden zur Verfügung stellt, ist sehr schön dargestellt. Die ganze Erzählung ist ein hochwillkommener Ausdruck wahrhaft humaner Gesinnung. . IV. Fernand Vaudärem „Les deux rives“. Zuerst in der „Revue de Paris" am Anfang dieses Jahres, später gesondert als Buch erschienen, ist kein antisemitischer Roman. Er schildert freilich auch das jüdische Jobberthum; aber die Mitglieder der hier übrigens trefflich gezeichneten Gesellschaft sind ebensowohl Ausländer (Oesterreicher und Preußen) als Juden, und der ihnen gewidmete Spott bezieht sich mindestens ebenso auf ihre Nationalität wie auf ihren Glauben. Zudem sind die verspotteten Börsenspieler, die in ganz aktueller Weise ihr Geld an Goldminen verdienen und verlieren, durchaus nicht blos Juden, sondern ein ganzer Troß von Adeligen und Beamten zieht mit ihnen einher, der sich durchaus freiwillig, nicht etwa auf besondere Aufforderung, unter ihre Fahnen geschaart hat. Gegen die Bezeichnung antisemitisch jedoch spricht vor allem der Umstand, daß ein galizischer Jude, Schleifmann, mit ganz besonderer Vorliebe gezeichnet ist. Er ist ein moderner Diogenes, ohne Bedürfnisse, mit dem Einfachsten zufrieden, wenn er nur seine Pfeife und sein vertrauliches Gespräch mit Geistesverwandten nicht aufzugeben braucht. Er ist aus seiner Heimath, wo er sich infolge seines Freimuths nicht halten konnte, nach Paris gekommen, hat aber auch dort durch Glaubensgenossen und Gegner vieles zu leiden. Seine freisinnigen Vorschläge finden bei den Ersteren keinen Anklang, ja, sie machen seine Stellung zu einer schiefen, die Gegner, die.in ihm den Juden verachten, lassen ihn nicht aufkommen. Aber gerade, daß er in diesem Kampfe nicht ermattet, seinen Muth und seine Gesinnung behält, nicht zum Anbeter des goldenen Kalbes wird und seiner Religion treu bleibt, macht ihn zu einer überaus sympathischen Figur. Der Haupttheil des Romans hat übrigens mit diesen Fragen nichts zu thun. Vielmehr ist er eine Gegenüberstellung der beiden Pariser Ufer, d. h. des lateinischen Viertels und des feinen Westens, der Gegend, wo die Geldaristokratie wohnt. Es ist sehr interesiant, zu beobachten, wie eine dieser Aristokratie angehörende, übrigens mindestens halb christliche Frau einen berühmten Aegyptologen an sich zu locken bestrebt ist; nicht minder, wie die gelehrte Tochter dieses Forschers, die einer Art von Kultus schöner Männlichkeit ergeben ist, sich schließlich mit einem wackeren, aber unschönen Mitarbeiter vermählt; diese Vorgänge jedoch, wie viele ausgezeichnete Charakteristiken von Männern und Frauen, gehören nicht in diesen Zusammenhang. Gin alter Brief. uf meinem Schreibtisch liegt ein vergilbtes Blatt. Der Sturm der Zeiten hat Ls nicht verweht; ja nicht einmal die Schriftzüge zu verlöschen oder das Papier , mürbe zu machen, hat er vermocht. Und was das Merkwürdigste, ist: Dieser Brief, datirt vom 4. April 1837, also über 60 Jahre alt, hat von seinem inneren Gehalt, von seinem ethischen Werthe und seiner allgemein menschlichen Bedeutung innerhalb dieses langen Zeitraums auch nicht das Geringste eingebüßt. Ja, er ist — wenn man das häßliche Zeitungswort einmal gebrauchen will — sogar wieder einiyal „aktuell" geworden. Natürlich, daß es mir unter solchen Umständen eine wirkliche Genugthuung ist. diesen Brief den geneigten Lesern vorzulegen, zumal, da ich auch durch die Freundlichkeit der Besitzer in der Lage bin, etwas von der Geschichte dieses Briefes, was zur Erläuterung desselben werthvoll, aber keineswegs nothwendig ist, da er eigentlich für sich selbst sprechen kann, hier mitzutheilen. In einem kleinen preußischen Städtchen lebt in den zwanziger Jahren ein junger Mann, der, mit dem vollen Bildungsgehalt des Jahrhunderts ausgerüstet, durch seinen Beruf in jene kleine, zur Hälfte von Katholiken, zur Hälfte von Juden bewohnte Stadt verschlagen worden ist. Er selbst ist Jude, aber ein Jude im Sinne jener philosophischen Aufklärer, deren reformatorische Ideen auch in jenes kleine Städtchen gedrungen sind, ohne jedoch mehr als den einen Geist zu durchdringen, zu erleuchten. Sonst ist es Nacht, dunkle, unheimliche Nacht in den Geistern und Gemüthern der Menschen, die dort, noch in ihrer engen Gasse zusammengedrängt sitzen und wenig oder gar nichts von dem Lufthauch der neuen Zeit verspürt haben. Ihr Judenthum ist nicht die leuchtende Religion des Sinai, sondern eine starre, mittelalterliche Orthodoxie, ein gedankenloser Ceremoniendienst, häßlich in der äußeren Erscheinung, abstoßend in feiner Verknöcherung. Nichts, so fühlt der strebende Mann, hat er mit diesen Glaubensgenossen gemeinsam; sie sind ja auch gar nicht mehr seine Glaubensgenossen im Geiste. Es trennt ihn von ihnen ein Ozean, ein Jahrtausend und noch mehr. Sein sinnender Geist, seine freiheitsdürstende Seele, sein reiches, liebeheischendes Herz — sie strecken alle ihre Fasern aus nach einer ihm gleichgestimmten Seele, nach einem Genossen seiner Zweifel und Schmerzen, der ihm die tiefwühlenden Fragen, die bangen Räthsel des Lebens und des Glaubens beantworten oder gar lösen könnte. Vergeblich! Kein Echo antwortet seinen Zweifeln und Fragen, und die Brust voll Wehmuth, wendet er sich ab von Denen, die ihm die Liebsten hätten sein können. Da, in dieser gefährlichen Stimmung, kommt ihm ein Buch zur Hand, das ein günstiger Wind in jenes sonst so buchlose Städtchen getrieben hat, ein liebes, kluges, herzgewinnendes Buch, das die großen Fragen, die damals die deutschen Geister ergriffen und bewegt haben, in klarer und liebenswürdiger, in schlichter und freimüthiger Weise bespricht. Das Buch führt den Titel: „Heinrich und Antonio", und es erzählt eine merkwürdige Geschichte aus jenen Tagen. Heinrich ist der Sohn frommer und gebildeter evangelischer Christen, der in Rom zum Schmerze seiner Eltern Katholik geworden war. Dort hatte er einen jungen Neapolitaner Antonio in seine Dienste genommen, der sich ihm durch seinen hellen Verstand und durch seine große Redlichkeit bald unentbehrlich machte. Und nun folgt eine merkwürdige psychologische Entwickelung: Antonio ist ein nachdenklicher Kopf, und je mehr er über die Dinge dieser Welt nachdenkt, desto mehr entfremdet er sich der Kirche, innerhalb der er geboren war. Er bestürmt seinen Herrn mit Fragen und Zweifeln über die Unfehlbarkeit, das Priesterthum, die Hölle, den Ablaß, die Heiligen und Märtyrer, und in der Erörterung dieser Fragen gelangt Heinrich, widerwillig zwar, gleichwohl aber auf gerader Bahn zu der traurigen Erkenntniß von dem großen Jrrthum feines Lebens. Antonio folgt seiner neugewonnenen, festen Ueberzeugung und tritt in der Heimath Heinrichs zur evangelischen Kirche über. Er sagt, als dieser Entschluß in seiner Seele reif geworden war, zu dem Vater Heinrichs: „Ich habe alles wohl erwogen. Mich treibt keine irdische Hoffnung, kein Gewinn, mich zieht mein Glaube, mein eigenes Herz. O, wenn Sie wüßten, wie es früher in meiner Seele

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