Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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523 Jammer solcher Zustände sich herauszuhauen? Eitel Selbsttäuschung ist es, wenn auch nur einen Augenblick geglaubt wird, es gäbe für sie überhaupt derartige Waffen; eitel Selbsttäuschung ist'es, zu vermeinen, mit deren Hilfe eine spezifisch jüdische Politik introduziren zu können. Nicht genug beklagt muß es werden, wenn zur Abwehr antisemitischer Unthaten die Schaffung jüdisch-politischer Vereine beliebt worden ist. Ohne auch nur im Entferntesten den mit ihr beabsichtigten Zweck zu erreichen, fachte vielmehr diese Vertheidigungsmethode das Feuer wilden Haffes zu mächtiger Flamme au. Wenn etwas durch das Gehaben dieser Vereinigungen bewiesen worden ist, ist es das, daß mau den Teufel nicht durch Beelzebub austreiben kann. Die verfehlte Politik, wenn überhaupt im gegebenen Falle von „Politik" die Rede sein kann, tritt immer nierklicher zu Tage. Anstatt den Kampf jenen Faktoren zu überlassen, die in demselben nicht allein die Abwehr gegen die Gefährdung jüdischer Rechtsinteressen, sondern auch in richtiger Erkenntnis; dessen, um -was es sich handelt, die Vertheidigung höchsten Güter der der Menschheit erblicken, glauben diese Vereine zweckdienlich zu handeln, wenn sie die Aktion sozusagen in. eigene Regie übernehmen. Welche Wirkung hätte es jedoch machen müssen, wenn nichtjüdische Männer mit weit hinaustönenden Namen und in hervorragender Lebensstellung vor die Front der Vertheidigec des arg attakirten Rechtes sich gestellt hätten, und wie armselig, wenn nicht gar gleich Null, mußte der Effekt bleiben, den diese Vereine zu Wege brachten! Es ist nicht immer dasselbe, wenn Zwei dasselbe thun Damit ist beileibe nicht gesagt, daß man die Hände in den Schooß legen soll. Nichts wäre verfehlter als das. Nicht blos ein Recht, sondern eine Pflicht ist es, gegen seine Angreifer sich zur Wehr zu setzen. Wiü man nicht von den Wölfen gefressen werden, darf man sich nicht zum Schafe machen. Aber in einem solchen Falle gebietet es der gesunde Menschenverstand, vorerst seine Kräfte zu messen und bei ungünstigem Befunde willig die Hilfe anzunehmen, die anderseitig winkt. Zutreffend sagt diesbezüglich Dr. Vogelstein: „Wir können in der Noth unserer Tage nichts Anderes thun, als in Gemeinschaft mit nichtjüdischen Bürgern die Waffen des Geistes schwingen, um die finsteren Mächte zu überwinden". Geschieht dies? Es ist ein tragisches Schauspiel, wenn es dahin kommt, daß ein Pair von Oesterreich, ein wackerer, nimmermüder Bekämpfer des Antisemitismus, der mit namhaften Opfern ein eigenes Abwehrorgan ins Leben gerufen hatte, sich entschlossen hat, dasselbe eingehen zu lassen, weil gerade von jüdischer Seite diesem Blatte gegenüber der purste Jndifferentismus sich zeigte. Liegt in solchem Verhalten etwa die Frucht jener jüdischen Politik, deren Züchtung die Vereine als ihre Aufgabe ansehen? Wahrlich, da bedarf es anderer Momente, die ihre Existenzberechtigung dokumentiren! Sollen sie etwa in den Agitationen bei den Wahlen in die öffentlichen Vertretuugskörper gefunden werden? Es ist außer Frage, daß die Juden nur im wohlverstandenen eigenen Interesse handeln, wenn sie bestrebt sind, solchen nichtjüdischen Kandidaten zum Siege zu verhelfen, deren Freisinnigkeit und Gerechtigkeitsliebe keinem Zweifel unterliegt. Muß aber diese selbstverständliche Stellungnahme der jüdischen Wähler in so markant aufdringlicher Weise geschehen, wie sie durch die in Rede stehenden Vereine propagirt wird? Wird nicht hierdurch der Kandidat zum „Inden-Kandidaten" gestempelt und den Gegnern Gelegenheit gegeben, besten Einfluß brachzulegen, indem sie den Ruf erschallen lassen: er müsse so tanzen, wie ihm die Inden Vorspielen? Ist das jüdisch-politisch? Nein, und abermals nein; es giebt keine jüdische Politik, und Diejenigen sind übel berathen, die glauben, in Vereinen deren Kultus betreiben zu sollen. Vielfach sind die Richtungen im staatlichen Leben; je nach ihrem Laufe sind sie gerad- oder krummlinig, vorwärts strebend oder nach rückwärts stauend. Die gerade, nach vorwärts strebende führt mit Sicherheit zur Förderung und Befestigung des Staatswohls. Dieser Richtung schließe sich der Jude an. Aber nicht blos in der Betätigung des öffentlichen, sondern auch seines gesellschaftlichen, privaten und kulturellen Lebens. Das ist jüdische Politik! Fescfrüchte. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. III. /^plisabeth Mentzel, eine sehr fleißige Frankfurter Schrift- ^-Oc) stellerin (selbstverständlich Christin), die sich durch gelehrte Arbeiten, besonders über das Frankfurter Theater, und durch kenntnißreiche Kritiken einen guten Namen erworben hat, veröffentlicht unter dem Titel „Frankfurter Novellen" (Frankfurt a. M. Literarische Anstalt 1897) einen Band Erzählungen, die etwa ein Jahrtausend Frankfurter Geschichte umspannen. Ihrer Vorliebe, die sie wiederholt schon zum 18. Jahrhundert geführt hat, bleibt die Erzählerin auch hier treu und liefert u. a. einige ansprechende Beiträge zur Goethe - Litteratur. Daß die Erzählungen au dieser Stelle angeführt werden, verdanken sie dem Umstände, daß ich unter ihnen eine Geschichte „Mutter Rahel" finde. Die Geschichte spielt in der Mitte des 13. Jahrhunderts nach dem großen Frankfurter Judeumorde. Die Heldin der Erzählung ist eine alte Aerztin, die durch ihren Vater, einen hochberühmteu Arzt, ein vielgepriesenes Rezeptbuch erhalten hat und theils auf Grund dieses Buches, theils auf Grund einer reichen Erfahrung ihrem ärztlichen Beruf mit ebenso viel Geschicklichkeit wie Glück nachgeht und eines außerordentlichen Ansehens sich erfreut. In ihrer hilfreichen Thätigkeit ermüdet sie auch nicht nach dem letzten furchtbaren Schmerz, der ihr zugefügt worden ist. Sie hat nämlich ihren erwachsenen Sohn, der als trefflicher Arzt aus Italien zurückgekehrt ist, in jener Mordnacht verloren. Er war durch den Sohn des Bürgermeisters Glauburg getödtet worden, der, eigentlich ein Freund der Juden, durch eine seltsame Verkettung verschiedener Umstände zum Mörder geworden war. Dieser wagt es daher nicht, sich an die Aerztin zu wenden, obwohl er sonst Beziehungen zu ihr hatte und obwohl seine Frau die Jugendgespielin jenes jungen Arztes war, die seiner und der Mutter mit Liebe gedenkt. Während er aber in schwerer Noth wegen seines todtkranken Kindes zu einem fern weilenden Pater eilt, läßt die Frau trotz des Verbots die Aerztin holen. Diese, die ,den Namen der Gattin ihres Todfeindes nicht kannte, steckte Gift zu sich, um an dem Kinde des von ihr Gehaßten Rache zu üben, wird aber durch das Wiedererkenuen des früher ihr so nahestehenden Mädchens und durch die Erinnerung au ihren heiligen Beruf, der ihr zu heilen befiehlt, nicht aber zu tödten, die Retterin des Kindes, dem sie ursprünglich Verderben geschworen hatte. Die Geschichte ist spannend und gut erzählt, bis auf die halb archaistisch, halb jüdische Sprechweise der Personen, welche die Erzählerin als notwendigen Bestaudtheil einer historischen Erzählung anzunehmen scheint. Wichtiger jedoch als Erfindung und Ausführung ist die Gesinnung, die von der Verfasserin geäußert wird. Mit einer besonderen Innigkeit weiß sie die Bewohner der Judengasse zu schildern, besonders einen alten Rabbi, der. selbst von dem Unglück schwer betroffen, trotz dieses Unglücks die schwer gebeugte