Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Zulassung der Juden zu Aemtern und Stellungen fordert, wenn die Bekleidung solcher Stellen doch nicht ohne Verletzung dieser Vorschriften möglich ist? Und ist es zu erwarten, daß die moderne Judeuheit auf die so laug ersehnte, auf dem Papiere freilich, aber - nicht in der Praxis durchgeführte staatsbürgerliche Gleichberechtigung aus denselben Gründen verzichtet? Glaubt man wirklich, die Jugend zur strengen Beobachtung der Sabathruhe und der Speisegesetze und ähnlicher Vorschriften trotz der schweren Hemmnisse, die dadurch ihrem Fortkommen bereitet werden, zurückführen zu können? Und Hand aufs Herz! befolgen die Herren hier und anderswo, die vielfach für den Konservatismus das Wor tführen und diesem die Gemeinden gewinnen wollen, in ihrem Erwerbsleben und bei der Erziehung ihrer Kinder selbst die Gesetze der Strenggläubigen? Wenn diese Fragen aber alle verneint werden müssen, warum wird der Jugend nicht der Religionsunterricht in der Weise ertheilt, daß ihr Leben nicht in fortwährendem Widerspruch mit den ihnen im Unterricht gelehrten Pflichten steht? Warum sucht man statt dessen nicht itiil allen Kräften für die erhabenen Grundlehren, die glorreiche Geschichte und die weltgeschichtliche Mission des Judenthums derartige Begeisterung zu erwecken, daß die Kinder im späteren Leben mit stolzem Selbstbewußtsein allen Anfeindungen trotzen? Warum lassen' die größeren Gemeinden nicht an allen höheren Schulen und insbesondere Vorschulen den Religionsunterricht, eventuell auf eigene Kosten, im Rahmen des Schulplanes ertheilen, anstatt es dem Zu-' fall anheim zu geben, ob die Kmder an einem von der Gemeinde eingerichteten, meist noch auf die schulfreien Nachmittage fallenden allgemeinen Religionsunterricht sich betheiligen? Wir sind die Letzten, die irgend welchen Druck auf Andersgesinnte üben wollen, wir achten und ehren Jedermanns Uebcrzeugnngstreue und würden auch das Recht der Strenggläubigsten verfechten, wenn sie die ihren Anschauungen entsprechenden Institutionen verlangen, und finden es selbstverständlich, daß sie ihren ' Kindern noch weitergehende religiöse Unterweisung ertheilen lassen wollen. Aber auf der anderen Seite haben die freier Gesinnten auch die heilige Pflicht, für sich und ihre Kinder die ihren Anschauungen entsprechenden Institutionen zu fordern. Der Hinweis auf die Stärke des Katholizismus, der dem Zeitgeist keine Konzessionen macht, ist nicht angebracht; denn einerseits kommt hier das Laienelement in religiösen Fragen von Hause aus nicht zu Wort, während im Judenthum bei der ohnehin ganz anderen Veranlagung Jeder geradezu zum kritischen Studium der Gesetze verpflichtet war. Dann gehören die Juden der westeuropäischen Kulturländer zum größten Theile den sozialen Schichten an, wo eine freiere Auffassung in religiösen Dingen vorherrscht, und vor allen Dingen, die Religiousvolschriften der konservativen Juden bringen diese unausgesetzt in Konflikt mit den Ansprüchen des gesellschaftlichen und Berufslebens, wovon in den anderen Religionen keine Rede seiii kann. Gerade dieser letztere Umstand aber, der die schwachen Geister, die das Wesen der Religion von äußeren Formen' und Gebräuchen nicht zu unterscheiden wiffen, dem jüdischen Jiiteresse ganz entfremdet, sollte uns zu einer Reform des bisherigen Religionsunterrichtes und des Gottesdienstes ernstlich drängen. Wir vermögen daher auch den von Berlin aus angeregten Gedanken, einen Sonntagsgottesdienst eiiizusühreu, gar nicht für so ungeheuerlich oder verderblich' zu erachten. Er soll nicht als Ersatz eintreten für den jetzigen Sabbathgottesdieust. Allein er kann Denen zur Erbauung und Belehrung^ dienen, benen das Wirthschaftsleben einen Besuch des Gottesdienstes an den anderen Tagen nicht gestattet. Und es dürfte doch kein Gott ungefälliges Werk sein, den Gemeindemitgliedern auch an dem Tage, der als gesetzlicher Ruhetag zum Richtsthuu zwingt und zur Sammlung eiuladet, ihre Pflichten gegen'die Menschheit aus berufenem Munde zu erklären, denn das Ziel , des wahren Gottesdienstes ist Anleitung zu wahrem Meuschendienst. Daß der reformirte Gottesdienst am Sabbath relativ weniger Theilnehmer findet als in der konservativ geleiteten Synagoge, wollen Nur ohne Weiteres zugeben, da die konservativen Leute immer mehr den Gottesdienst besuchen. Aber wenn für diese der ihnen entsprechende Gottesdienst gewährleistet ist, warum soll denn den Freisinnigen nicht die Möglichkeit gegeben sein, einen ihnen zusagenden Gottesdienst zu besuchen, wann es ihnen beliebt? Und an hohen Feiertagen wird's an Besuchern nie mangeln. Freilich halten wir die Predigt mehr als bisher als einen iutegrirenden Theil des Gottesdienstes, und deshalb müßte allwöchentlich wenigstens in einer Synagoge eine solche statthaben. Daß wir jetzt die Gemeinde aufzurütteln suchen, erklärt sich daraus, daß wir nunmehr erst so recht erkannt haben, daß bei der jetzigen Verwaltung die gesunde Entwickelung der Gemeinde nicht gewährleistet ist. Und darum muffen wir die freisinnige Majorität der Gemeindemitglieder zur energischen Wahrung ihrer Rechte einem Vorstand gegenüber aufrtlfen, der, wie die jüngsten Vorgänge gezeigt haben, die Bahn des Fortschritts und der Erkeuntniß nicht im Sinne dieser Majorität einzuschlagen gedenkt. Amicus Plato, magis amica veritas! Amiti. Jüdische Politik. Von Emanuel Baumgarten. tolitisch Lied, garstig Lied." Schon um dessentwillen sollten die Juden bedachtsam sein, ehe sie eigene politische Weisen anstimmen. Die Lieder des Judenthums sind harmonisch in ihrem Gedankengange, rhythmisch in ihrem Ausdrucke, melodisch im Klange ihrer Worte; warum uns also von den schrillen Tönen „jüdisch-politischer" Expektorationen unangenehm affizireil lassen? Doch rücken wir geradeaus der Frage auf den Leib: Giebt es eine jüdische Politik? Seit nahezu zwei Jahrtausenden in der Diaspora, müffen wir vorlieb nehmen mit den Brosamen politischer Gerechtsame, die von dem Tische gesetzgebender und verwaltender Faktoren für uns abfallen. Hierin zeigt sich nur zu oft, selbst in konstitutionell regierten Staaten, kein wesentlicher Unterschied. Je nach dem Wechsel der Kreise, die daselbst die maßgebenden sind, wird den Juden der Zipfel länger oder kurzer zugeschnitten vom Mantel öffentlicher Wohlfahrt, wird ihnen bald weiter, bald enger zugemessen der Spielraum ihrer Lebensbedingungen, die Sphäre der ihnen eingeräumten Rechte. Jnnner und überall fehlt es ihnen an dem festen Boden, der ihnen als sichere, unverrückbare Basis zur Festhaltung der ihnen gesetzlich verbrieften Rechte zu dienen vermöchte. Wie klar und deutlich auch diese Normen sprechen mögen, für eine ihren Geltungsumfang restringirende Auslegung, ja für die brutale Verweigerung ihrer Wirksamkeit findet sich jederzeit der erwünschte Anhaltspunkt, wenn ein solcher gesucht wird. Welche Waffen vermögen nun die Juden aus dem Arsenal der ihnen zur Verfügung stehenden Kampfesmittel zu holen, um gegenüber dem Gedränge der auf sie anstürmenden Gegner aus dem