Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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521 deutschen Grammatik." Nachdem zunächst einleitend die Schwierigkeiten beleuchtet werden, die sich dem Lehrer beim Unterrichte in der hochdeutschen Sprache entgegenstellen, beantwortet Referent in anziehender und eingehender Weise die Fragen nach Werth, Ziel und Umfang der Disziplin, verbreitet sich 'des Weiteren über Bertheilung des Stoffes und giebt in gedrängter Kürze die Geschichte der Methode des Unterrichtsfaches an. In der Diskussion über diesen Vortrag wird von verschiedenen Seiten betont, daß solche theoretischen Ausführungen, die eigentlich nichts anderes als stilistische Proben des Referenten geben, in unseren Versammlungen füglich wegbleiben könnten, um dem praktischen Können möglichst großen Spielraum zu lassen; inbesondere steht sich Kollege Strauß veranlaßt, die Nutzlosigkeit der geschichtlichen Ausführungen darzuthun Im Schlußwort sucht daher der Referent die Nutzanwendung seines Vortrages nachzuweisen; überzeugend und treffend zeigt er an dem Gang der Geschichte dieser Disziplin, was wir von den einzelnen Methodikern lernen und erwarten können. Die meisten Theilnehmer mußten anerkennen, daß gerade dieses aus dem Stegreife gesprochene Schlußwort einen werthvollen Anhang zu dem eigentlichen Vortrage bilde. Die Thesen des Referenten wurden ea bloo angenommen. Sie lauten: 1. Der Unterricht in der deutschen Grammatik ist als Mittel zur Erreichung des Sprachverständnisses und der Sprachfertigkeit des Kindes ein wesentlicher Theil des gesammten Sprachunterrichts in der Volksschule. 2. Der für den grammatischen Unterricht in der Volksschule auszuwählende Stoff muß auf das Hauptsächlichste beschränkt und nicht in systematischer Reihenfolge, sondern auf drei konzentrische Kreise vertheilt werden. 3. Die grammatische Regel muß auf induktivem Wege an Beispielen entwickelt und durch fortgesetzte mündliche und schriftliche Uebungen zu dauernden: Eigenthum des Kindes gemacht werden. 4. Der Inhalt der Beispielssätze muß so beschaffen sein, daß er das Interesse des Kindes weckt und den Sprachschatz desselben bereichert. 5. Zur Anwendung und Wiederholung der Sprachregel ist ein zielbewußter Anschluß des grammatischen Unterrichts an das Lesebuch nothwendig. Es tritt nun eine Unterbrechung ein, weil der Vorstand des Waisenvereins „Esrath Jesonim" seine Mitglieder, zu denen viele Lehrer des Landrabbinats Emden zählen, zü einer Generalversammlung um 11 Uhr eingeladen hatte. Die Verhandlungen, über welche ein besonderes Protokoll geführt ist, dehnen sich so lange aus, daß die noch folgenden Punkte der Tagesordnung während des gemeinsamen Mittagsmahles erledigt werden mußten. Zu dem Arbeitsplan für die demnächstige Konferenz wünscht Herr Dr. Rosenack einen Vortrag über hebräische Grammatik, insbesondere Behandlung der Frage: Soll hebräische Grammatik als selbständiges Unterrichtsfach oder anlehnend ertheilt werden, und in welchem Umfange soll dies geschehen? Auf Empfehlung der Kommission wird den Thesen 1, 2, 3, 5 und 6 unseres Provinzialvereins allseitig zugestimmt, während These 4 folgende Fassung erhält: Die Anstellung und Entlassung der jüdischen Religionslehrer darf nicht ohne Genehmigung der. Regierung erfolgen. Herr Dr. Mannheimer übernimmt fürs nächste Jahr einen Vortrag über das Thema: „Die soziale Aufgabe des jüdischen Lehrers in Gemeinden, die ohne Rabbiner sind."^ Zur Abhaltung einer Lehrprobe aus der vaterländischen Geschichte auf der Oberstufe erbietet sich Kollege Abt-Weener. Diese Lehrprobe soll jedoch wegfallen, falls Bremen für die nächste Versammlung als Konferenzort. gewählt werden sollte. Alsdann übernimmt Kollege Gottschalk eine Lehrprobe aus der systematischen Religionslehre. Eisemann-Bentheim will in einem Plan die Gebete im Siddur auf, die einzelnen L Glaubens- und Pflichtenlehren vertheilen. Darauf beschließt die Konferenz, die Lösung der Orts- und Zeitfrage für die nächstjährige Hauptversammlung dem Vorstande zu überlassen. Es folgt nun die ^Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder. Dem Vorsitzenden^als ReDlungsführer wird nach vorangegangener Rechnungsprüfung ^Entlastung ertheilt. Nach den üblichen Dankesworten wurde die 13. Konferenz mit dem Wunsche: auf frohes Wiedersehen! geschloffen. Der Schriftführer B. Wolfs. | «SÄ- ■■ ■ I Mas ist uns nöthig? v Köln, 20. Oktober, laubt der Schreiber des Artikels in Nr. 40, ohne Rücksicht auf die Erfahrungen, die im letzten halben Jahrhundert mit den Reformen im Gottesdienste gemacht worden sind, mit Orgel und sonstigen Aenderungen im Gottesdienste den inneren Gefahren im Judenthum begegnen zu können? Also hörten wir einen Freund in der Besprechung unserer ersten Ausführung sich äußern. Wir antworten darauf: Wir kennen wohl diese Erfahrungen, aber wir ziehen daraus andere Schlüffe. Diese Reformbestrebungen waren rein äußerlicher Art. Man hat versäumt, die Charakterstärke und die Pietät für den alten Glauben und Stamm bei der Jugend, die infolge der freieren Bewegung und des herrschenden Zeitgeistes sich den alten Gebräuchen-des Elternhauses entwöhnte, durch entsprechenden Unterricht und Belehrung zu stählen, man hat es unterlassen, der herrschenden materialistischen Zeitrichtung und dem öden Streberthum durch Hervorkehrung der alle Zeiten überdauernden religiös sittlichen Grundlehren einen Damm entgegen zu setzen, Hiue illae lacrymae! Es ist also wahrlich nicht die Sehnsucht nach der Orgelsynagoge, die uns die Feder führt. Wenn wir mit einem Weckrufe vor die Glaubensgenossen treten, für ihre vitalsten Interessen und für die Zukunft des Judenthums Sorge zu tragen und dem verheerenden krassen Materialismus zu begegnen, so kann es "uns nicht in den Sinn kommen, nur solch kleine Hilfsmittel anzupreisen. Da diese Angelegenheit aber nicht nur von lofaler, sondern von allgemeiner Bedeutung ist, fühlen wir die Pflicht, nochmals ausführlich darauf einzugehen. Wir. legen uns die Frage vor: Ist die jüdische Religion in ihren Formen und ihren Lehren, wie sie sich heute noch präsentirt, geeignet, die jüdische Jugend bei der Fahne zu halten? Denn darum allein kann es sich doch nur handeln, wenn wir anders das Heil der Judenheil darin erblicken, im Hinblick auf ihre weltgeschichtliche Mission bis ans Ende der Tage den: Fortschritt und der Civilisation seinen Dienst zu weihen und nicht wie die Orthodoxen uns mit der frommgläubigen Hoffnung trösten, daß trotz allen Abfalls ein kleines Häuflein stets zurückbleibe, das das Gesetz in ihrem Sinne erfülle. Wohl mögen die alten Formen, und Gebräuche eine andachtsvolle Stimmung Hervorrufen bei Solchen, denen sie schon in der Kinderzeit eine Quelle der Freude und Erbauung gewesen sind, und die ihren Geist kennen, wohl mögen sie auch bei Denen noch wehmütige Erinnerungen und pietätvolle Theilnahme Hervorrufen, die bei kritischer Prüfung sie als religionsverbindlich nicht mehr anerkennen können; aber bei Denen, die sie in der Kindheit nicht erlebt und nicht kennen (und dazu gehört der überwältigend größte Theil der Heranwachsenden Jugend), verfehlen sie ihren Zauber. Und so wenig es gelingen würde, den modernen Städtebewohner durch die Schilderung des Idylls des Landlebens und der Bauernhütte dem vielfach entnervenden Leben der Großstadt zu entziehen und zum stillzufriedenen Kleinbauern zu machen, so wenig gelingt es, die den beengenden traditionellen Gebräuchen entfremdete, moderne jüdische Jugend wieder der sogenannten konservativen Richtung zu gewinnen. Ist aber, so fragen wir mal allen Ernstes, das sogenannte konservative Judenthum überhaupt mit den Ansprüchen, die die moderne Zeit an jeden Bürger stellt, verträglich? Ist die Theilnahme der Juden auf wirthschaftlichem und kulturellem Gebiete durchführbar bei Beobachtung der von Konservativen so hoch gepriesenen Gebräuche? Hat es einen Sinn, wenn die Orthodoxie die