Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228247--54100-3268062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
519 andererseits aber auch dem Geiste des Fortschritts die Wege zu ebnen verstanden hat. Aber weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus erfreut sich Herr Dr. Nippner ungetheilter Allerkennung. Er ist ein Schriftsteller von ungewöhnlicher Begabung, geistreich und scharfsinnig. freimüthig und klar, mit dessen Geisteserzeugnissen die hervorragendsten jüdischell Blätter seit Jahrzehnten ihre Spalten schmücken durften, er ist unter den delltscheu Rabbinern wegen seiner freisinliigen Weltanschauung, wegen seines großen Wissens und seines originellen Geistes einer der angesehelisten und geachtetsten, er ist als Mensch wahrhaft gut und wohlrhätig, ein feiner und liebenswürdiger Charakter, den Alle, die das Glück haben, ihn zu kennen, schätzen und lieben. Mit' solchen Eigenschaften mußte Herr Rabbiner Dr. Nippner. auf den seine Gemeinde, ja das ganze delitsche Judenthuni mit gerechtem Stolz blicken darf, die Liebe und Anerkennung finden, die ihm au seinem Ehrentage in so reichem Maße entgegengebracht wird. Es steht uns nicht an, einem Manne von so lauterer Gesinnung, dem jedes starke Pathos tief verhaßt ist, und der wie der deutsche Dichter „keinen Sinn für das Feierliche" hat. mit pathetischen Wünschen zu seinem Jubiläumstage zu beglückn'ünschen. Aber wir haben es doch andererseits für unsere publizistische Pflicht gehalten, gerade bei diesem Anlasse freimüthig zu bekennen, was wir an Herrn Dr. Nippner haben und was wir an ihm' so hoch schätzen. Wir schließen darum mit dem schlichten Wunsche: Möge uns der treffliche Mann noch lange erhalten bleiben! * Alle Parteien im Deutschen Reiche treffen schon ihre Vorbereitungen für die nächsten Wahlen. Vorläufig liegen sich noch die verschiedenen antisemitischen Gruppen und Parteien in den Haaren. Ja, die „Kons. Korr." hat feierlich erklärt: „In der konservativen Partei und im Bunde der Landwirthe wird man nun wohl allseitig davon überzeugt sein, daß die Antisemiten überall, wo sie auftauchen, grundsätzlich und von vornherein als Gegner betrachtet werden müssen." Dies schließt aber keineswegs aus, daß sie alle bei den nächsten Wahlen friedlich geeint Zusammengehen werden. Soweit die Antisemitenfrage in Betracht komint, sagt ein Blatt sehr richtig, unterscheiden sich die Anhänger des Herrn Liebermann von Sonnenberg, des Herrn von Plötz, des Herrn Stöcker und die Jünger des Freiherru von Hammersteiu von einander wie Füsiliere und Musketiere, nur durch die Farbe des Lederzeugs. Darum auf zum energischen Kampfe gegen diese Parteien, mögen sie sich schlagen oder vertragen! Uns kümmern Parteifarbe und Fraktionswesen so gut wie gar nichts — der Antisemitismus als solcher ist unser Feind. Er ist aber nicht nur der Gegner des Judeuthums, sondern des ganzen deutschen Volkes, dessen Sitten er zu verrohen droht, dessen Kulturfortschritt er hemmt und verkümmert. Wieder rüsten sich unsere Gegner zum Kampfe gegen Juden und Judenthum; da muffen wir alle, die es augeht, mit dem Dichter fragen: „Willst du warten, bis er die böse Lust an dir gebüßt? Der kluge Mann baut vor!" * In Paris findet in der nächsten Woche eine Sitzung der Jewish Colonisation Association statt, in der das Gesuch der palästinensischen Juden an die Königin von England und die russischen Verhältnisse auf die Tagesordnung kommen sollen. Wir wollen übrigens nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß ein Vertrauensmann der Kolonisationsgesellschaft erst vor Kurzem eine Inspektionsreise nach den jüdischen Kolonien in Argentinien unternommen und nach seiner Rückkehr nach Europa einen Bericht an das Kuratorium der Gesellschaft erstattet hat, dem. zu entnehmen ist. daß die früheren Mittheilungen über das Kolonisationswerk vielfach unrichtig und daß die einzelnen Kolonien sich einer großen Prosperität erfreuen. Während im vorigen Jahre infolge der Heuschreckenplage der größte Theil der Ernte in Argentinien der Vernichtung anheimfiel, sind Heuer die Aussichten für die Ernte.so glänzend, wie schon seit Jahren nicht. Speziell die jüdischen Kolonisten, die indem fernen Argentinien hauptsächlich Ackerbau treiben, haben auf mehr als 40 000 Hektaren Land herrliche Weizen- und Leinsaaten stehen, und auf einem Areale von 10 000 Hektaren ist mit der Anpflanzung von Mais kürzlich begonnen worden. Wenn es gelingt, die Ernte glücklich einzuheimsen, so dürfte für jede Familie bei den gegenwärtigen hohen Getreidepreisen ein Erträgniß von 10 bis 12 000 Francs resultiren, respektive nach Abzug aller Kosten 5 bis 6000 Francs, eine Summe also, die ganz respektabel genannt werden darf. In allen Kolonien nehmen außer dem Feldbau auch die Baum- und Gemüsepflanzungen dank dem ergiebigen Boden und der rationellen Behandlung und Bearbeitung, die unter Leitung von tüchtigen Fachmännern besorgt wird, den besten Aufschwung. Ebenso ist die Anpflanzung von Kleefeldern bereits eine sehr ausgedehnte, - so daß die Viehzucht dadurch eine sichere Basis gewinnt. Die argentinische Negierung kommt allen Bestrebungen der Kolonisationsgesellschaft mit der größten Bereitwilligkeit entgegen, und die Entwickelung der Kolonien läßt nach dem Berichte des erwähnten Vertrauensmannes das Beste hoffen. * Aus Rußland kommen zur Abwechslung wieder einmal beffere Nachrichten. Wie bekannt, ist im russischen Justizministerium eine Kommission damit beschäftigt, ein neues Gesetz über die Gerichtsbarkeit ausznarbeiten. Bei dieser Gelegenheit kommt auch die Zulassung zum Rechtsanwaltsstande wieder einmal zur Diskussion und soll nun endgiltig geordnet werden. Nach dem jetzt veröffentlichten Projekt dürfen zu Geschworenen-Advokaten Juden nur bis zu zehn Prozent der Gesammtzahl zugelaffen werden. Dieselbe Einschränkung gilt für die Gehilfen der Advokaten, während zu Privat-Advokaten (solche, welche kein Universitäts-Diplom besitzen) in Polen fünfzig Prozent, im übrigen Rußland nur zehn Prozent zugelaffen werden dürfen. Uebrigens heißt es, daß einige Mitglieder der Kommission, darunter der berühmte Moskauer Advokat Plevako, sich gegen jede Beschränkung bezüglich der Zulassung von Juden erklärten, mit der Begründung, daß nach allgemeiner Uebereinstimmung die jüdischen Advokaten den christlichen in nichts nachstünden. Diese tolerante Ansicht erlangte leider nicht die Majorität, und es dürften die erwähnten Beschränkungen in Kraft treten, die aber immer noch einen Fortschritt gegen die seit zehn Jahren geübte Praxis, Juden überhaupt nicht zur Advokatur zuzulassen, bedeuten würden. Auch der Domänenminister hat ein Gesetzesprojekt in Arbeit, welches sich mit jüdischen Verhältnissen befaßt. In den Kolonien im Gouvernement Cherson, deren Gründung in das Jahrzehnt 1808 bis 1818 fällt, und im Gouvernement Jekatariuoslaw, wo dieselben in den Jahren 1849 bis 1854 angelegt wurden, hatten die Juden bekanntlich das ihnen zugewiesene Land an die Regierung abzuzahlen. Dies ist schon lauge geschehen, dennoch erhielten die jüdischen Kolonisten keine Besitztitel über ihr Land. In dem neuen Gesetzentwurf heißt es: Der Staat bleibt Eigenthümer des Landes; jeder Bauer wird als permanenter Pächter angesehen und hat nicht das Recht, sein Land zu verkaufen oder es mit Hypotheken zu belasten. Jeder Bauer muß sein Land selbst bebauen, andernfalls verliert er sein Recht auf dasselbe. Es ist bedauerlich, daß die Bestrebungen, die Juden zu > Bauern zu machen, durch solche harte Maßregeln durchkreuzt werden.