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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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518 gegenüber, welche bald auch in anderen ländlichen und städtischen Gemeinden zur Herrschaft gelangten, der religiösen Entwickelung ge-' nützt habe, muß der Erlaß verneinen. Jetzt, nach Einführung der Synodalordnung, ist die Machtvollkommenheit des Oberraths den Gemeinden gegenüber auf dem Gebiete des Kultus eine beschränkte. Immerhin wird er sich der Aufgabe nicht entziehen dürfen, die einschlägigen Verhältnisse mit Aufmerksamkeit zu prüfen und die geeigneten Wege zur Befriedigung der hervortretenden Bedürfnisse aufzusuchen. Insbesondere wird er die immer dringender werdende Gebetbuchfrage im Interesse der fortschrittlichen Gemeinden in den Bereich seiner Thütigkeit zu ziehen haben. Den anderen Gemeinden aber, welche in der althergebrachten Form des Gottesdienstes ihre Befriedigung finden und darin in keiner Weise gestört werden sollen, wird der Oberrath seine Fürsorge auch fernerhin dadurch zutheil werden lassen können und müssen, daß er die Ausbildung für sie geeigneter Kantoren fördert und. wo erforderlich, möglichst ausgiebige Unterstützung zur Anstellung solcher und überhaupt zur Erhaltung eines geordneten Gottesdienstes gewährt. Eine Hauptaufgabe des Oberraths ist die Pflege des Religionsunterrichts für die israelitische Jugend. Die Wirksamkeit dieses Unterrichts hängt vor allem von dem Vorhandensein einer ausreichenden Zahl tüchtiger Lehrkräfte ab. Damit dürfte es nicht leicht irgendwo besser bestellt sein als in Baden. Selbst in der kleinsten Gemeinde mit israelitischen Schulkindern fehlt es nicht an israelitischem Religionsunterricht, für dessen Beschaffung auch aus allgemeinen Mitteln (israelitische Centralkaffe) bedeutende Aufwendungen gemacht werden. Außer den etwa 40 Haupt- und Unterlehrern israelitischen Bekenntnisses, welche an Volksschulen israelitischen Religionsunterricht ertheilen, sind auch von den rund 80 Religionsschullehrern die meisten seminaristisch gebildet, die übrigen mit ganz wenigen Ausnahmen vermöge ihrer gediegenen Vorbildung in den Religionsfächern den seminaristischen Kollegen darin ebenbürtig. In den letzten Jahrzehnten ist mit Unterstützung der Schulbehörden der israelitische Religionsunterricht auch an den Mittelschulen eingeführt worden. Während früher die diese Anstalten besuchenden israelitischen Knaben und Mädchen gleich den israelitischen Volksschülern und gemeinschaftlich mit diesen nur bis zum 14. Lebensjahre Religionsunterricht empfingen, bildet dieser nunmehr an denjenigen Mittelschulen, welche wenigstens 15 israelitische Schüler zählen, einen obligatorischen.Bestandtheil des Anstaltsunterrichts und erstreckt sich — freilich nur in ein bis zwei Stunden wöchentlich -- über alle Klassen, also unter Umständen bis gegen das 20. Lebensjahr des Schülers. An den Rabbinatssitzen wird dieser Unterricht in den höheren Klassen, in einigen Städten schon von der untersten Klasse an, durch die Rabbiner ertheilt, welche sich der schwierigen Aufgabe, in voller Erkenntnis ihrer Wichtigkeit, mit besonderer Hingebung widmen und den israelitischen Religionsunterricht auf die wissenschaftliche Höhe der weltlichen Lehrfächer zu erheben verstanden haben. Wenn trotz dieser vervollkommneten Organisation des Religionsunterrichts das religiöse Interesse und vor allem das religiöse Leben der jüngeren Generation in Stadt und Land sehr viel zu wünschen übrig lassen, so können hierfür zwei Grundursachen angeführt werden. Die eine ist die stark materialistische Ströinung unseres Zeitalters, hervorgegangen aus der Ueberschätzuug naturwissenschaftlicher Erkenntniß und gefördert durch die von der modernen Technik in nie dagewesenem Maße ermöglichte Steigerung der äußeren Lebensgenüsse. Auf der anderen Seite aber läßt sich nicht verkennen, daß der Religionsunterricht — und dies ist die zweite Hauptursache für das vielfache Ausbleiben des praktischen Erfolges — sich noch nicht in das rechte Verhältniß zu den realen Mächten des Lebens zu setzen, verstanden hat. Der Erlaß sagt darüber: Während der weltliche Unterricht auf dem Boden der modernen Wissenschaft ruht und mit den feststehenden Resultaten derselben nicht leicht in Widerstreit geräth, sind diese für den Religionsunterricht nicht vorhanden: entweder wird der Unterrichtsstoff ohne jede Rücksicht auf die moderne Weltanschauung und ohne den Versuch eines Ausgleichs mit derselben behandelt, oder man geht solchen Bestandtheilen des Lehrstoffes, welche zu Zweifeln Anlaß geben könnten, von vornherein aus dem Wege. Nach der Entlassung aus der Schule und beim Eintritt ins wirkliche Leben fehlt es dann an jeder Widerstandskraft gegenüber den den bisherigen religiösen Vorstellungen vielfach entgegenstehenden, ja feindlichen Anschauungen, welche aus den jungen Menschen von allen Seiten eindringen. Die Beseitigung dieses Uebelstandes ist eine Aufgabe des Religionsunterrichts, welche noch der Lösung harrt. Da die unabweisbare Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Leben, wobei die Religion keineswegs den Kürzeren ziehen wird, wohl nicht der subjektiven Einsicht des einzelnen Lehrers überlassen werden kann und da von den in nicht geringer Zahl vorhandenen Religionslehrbüchern keines recht befriedigt, wird die Beschaffung eines brauchbaren Leitfadens für den Religionsunterricht in erster Reihe in Aussicht zu nehmen sein. Ein weiteres Bedürfniß ist die — freilich mit besonderen Schwierigkeiten verknüpfte — Feststellung eines Lehrplans für den Religionsunterricht an den Mittelschulen, womit der Oberrath schon seit längerer Zeit befaßt ist. Für den Religionsunterricht an den Volks- und Religionsschulen besitzen wir seit 1881 einen Lehrplan, der sich im Ganzen bewährt hat; immerhin dürfte auf Grund der seither gemachten Erfahrungen eine Revision desselben nicht unnöthig sein. In Verbindung damit wären dann wohl auch für die Methode des Religionsunterrichts dem heutigen Stande der Pädagogik entsprechende Normen festzustellen. Man kann nur wünschen, daß die Aufforderung des Großherzoglichen Oberraths zu selbständiger Prüfung aller einschlägigen Fragen anregen und zu umfassender Geltendmachung der Anschauungen führen möge, die sicher auch dem ganzen deutschen Judenthum zugute kommen würde. Die Woche. Berlin, 27. Oktober, m nächsten Sonnabend feiert in der altehrwürdigen Gemeinde zu Glogau ein deutscher Rabbiner sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum, dem es wohl gebührt, daß die gesummte deutsche Judenheit an diesem Ehrentage seiner mit hoher Anerkennung gedenke: Herr Dr. Benjamin Rippner. Obwohl der Jubilar in höchst unmoderner Bescheidenheit jede Feier entschieden abgelehnt, ja sogar jede öffentliche Erwähnung seines Jubiläums sich entschieden verbeten, müffen wir, selbst auf die Gefahr hin, sein Mißfallen zu erregen, in kurzen Worten doch auf die Bedeutung dieses Mannes Hinweisen, der innerhalb der jüdischen Gesammtheit sich eine so allgemein geachtete und anerkannte Stellung erworben hat. Ein Rabbiner und Prediger, der fünfundzwanzig Jahre in einer und derselben Gemeinde wirkt und nach Ablauf dieses Zeitraums dort sich ungetheilter Anerkennung, ja herzlicher Liebe zu erfreuen hat, ist an sich schon eine nicht gewöhnliche Erscheinung in unserer Zeit. Herr Dr. Rippner hat aber diese Anerkennung und Liebe wohl verdient. Er ist ein Priester des Gotteswortes nach dem Ideal, das der Prophet aufgestellt: Lehre der Wahrheit strömte aus seinem Munde und Falsch ward nimmer gefunden auf seinen Lippen. In Frieden und Geradheit wandelt er vor seinem Gotte und mit seiner Gemeinde, indem er die großen geschichtlichen Traditionen derselben mit feinem Sinn zu wahren, m

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