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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-22 · Heft 43 (22.10.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 43. ^^yy '^^yy^yy^^^^y Äerlin, 28. Oktober 1897. Weitage zur „Attgerneinen Zeitung öes ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 20. Oktober. Ferdinand Reichenheim, einer unserer angesehensten Mitbürger, begeht heute feinen achtzigsten Geburtstag. Er gehört zu den Mitbegründern der ehemaligen weltbekannten Kattunfabrik, die zum ersten Mal eine wirksame Konkurrenz der englischen Industrie auf deutschem Markte bereitete. Wie sein unvergeßlicher Bruder Leonor Reichenheim widmete sich auch er sein ganzes Leben lang in uneigennütziger Weise der Förderung allgemeiner Interessen. Im Jahre 1870 gehörte er im Verein mit Rudolf Virchow, dem ehemaligen Branddirektor Skabell und Oberbürgermeister Seidel zu den Begründern der großartigen Krankenpflege für die Armee. Seine Verdienste wurden durch die Verleihung des eisernen Kreuzes anerkannt. Auch die jüdische Gemeinde zählt den Jubilar zu ihren angesehensten und wohlthätigsten Mitgliedern. Große Stiftungen und wohlthätig wirkende Anstalten geben Kunde von seinem lebhaften Interesse, von seinem warmen Eifer für alle jüdischen Angelegenheiten, von seiner Theilnahme für Waisen und Kranke. Möge dem verehrten Mann noch ein schöner Lebensabend befchieden sein! F. Berlin, 20. Oktober. Die „ Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt am 9. d. Mts. unter Vorsitz des Herrn Rektors Dr. Adler eine wissenschaftliche Sitzung ab. Nach Aufnahme eines neuen Mitgliedes und Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten wurde die Diskussion über den zweiten Theil der Thesen des Kollegen Auerbach begonnen. Dieselben betrafen die Frage der Parität oder Konfessionalität der Volksschule und riefen eine umfangreiche Debatte hervor, aus der sich ergab, daß die Bereinigung dem Standpunkt des Referenten, der die konfessionelle Einheitsschule forderte, nicht beitrete, trotzdem anerkannt wurde, daß unter den gegenwärtigen Umständen zur Sicherung der Existenz der jüdischen Lehrer. die bestehenden öffentlichen jüdischen Volksschulen zu erhalten und die privaten in öffentliche zu verwandeln seien. Gerade aus dem Begriff der Einheitsschule heraus seien paritätische (interkonfessionelle) Schulen zu fordern, und man müsse mit allen gesetzlichen Mitteln danach streben, die Erfüllung dieser Forderung herbeizuführen. Die Behauptung des einen! Redners, daß die Simultanschule an dem Niedergang des Judenthums schuld sei, wurde mit Entschiedenheit zurückgewiesen und vielmehr darauf hingewiejen, daß dieser Niedergang hauptsächlich durch das Haus herbeigeführt werde. — Nach Schluß der Debatte zog der Referent seine Thesen zurück, und die Versammlung nahm folgende Resolution an: 1. Die wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin tritt-aus pädagogischen wie aus nationalen Gründen für die paritätische (interkonfessionelle) Volksschule ein. 2. Die Vereinigung erklärt jedoch die jetzt bestehenden öffentlichen jüdischen Volksschulen für berechtigt, so lange die schmerzlich empfundene Zurücksetzung - der jüdischen Lehrer andauert. 3. Die Vereinigung erstrebt nach wie vor mit allen gesetzlichen Mitteln die völlige Gleichstellung aller Lehrkräfte ohne Rücksicht auf den Glauben. Die Versammlung dankte dem Referenten, der durch die eingehende Besprechung seines Themas so reiche Anregungen geboten hatte, durch Erheben von den Plätzen. — Trotz der vorgeschrittenen Zeit blieb noch eine größere Anzahl von Mit-, gliedern zu zwangloser Unterhaltung beisammen. Die nächste Sitzung der Vereinigung findet am 30. d. Mts. statt; in derselben wird Herr Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld - Schwerin einen Vortrag über das Thema: „Die biblische Sprache in der Sprache der Schule" halten. Der Bortrag beginnt pünktlich um 9 Uhr. 2L Berlin, 17. Oktober. Der Kinder-Sparverein versendet seinen Jahresbericht für 1896/1897. Der ethische Gedanke, Kinder, die unter der sorgenden Pflege liebender Eltern glücklich und froh aufwachsen, zu mahnen, daß sie Derer gedenken, die elternlos in Noth und Elend leben und fremder Hilfe bedürftig sind, hat reiche Früchte getragen. In weiten Kreisen fand diese Anregung zum Wohlthun Beifall, so. daß in kürzester Frist 1000 Sparkästchen auf Wunsch ausgegeben werden konnten, und heute schon eine Zahl von über 1400 erreicht worden ist. Die erste Ausschüttung des Inhalts von 990 Sparkästchen erfolgte im Juni 1896 und ergab Mark 5026. Die zweite Ausschüttung aus 1400 Sparkästchen fand im April 1897 statt und ergab Mark 8 222,37, so daß im Ganzen Mark 13 248,37 eingefammelt wurden. Außer diesem Betrage wurde durch hochherzige Geber ein eiserner Fonds gestiftet, der bis jetzt die Höhe von Mark 1300 erreicht hat. Sämmtliche durch die Sparkästchen eingegangenen Beträge sind ausschließlich; für Wohlthätigkeit bestimmt, da die Unkosten des Vereins von den Mitgliedern des Komitees durch Jahresbeiträge gedeckt werden und die Sparkästchen von einem unserer Mitglieder in hochherziger Weise dem Vereine geschenkt worden sind. Die Bertheilung der eingegangenen Beträge erfolgte durch das Komitee und erhielten: 1. drei Vereine, die sich im Besonderen mit der Wohlfahrt der Kinder beschäftigen, einen Beitrag von Mark 900, 2. wurden von den eingegangenen Gesuchen, nach gewissenhafter Recherche, 121 berücksichtigt mit Beträgen von 20:—,500 Mark im Gesammtbetrage von Mark 5986, so daß im Ganzen bis heute von unserem Vereine Mark 6885 verausgabt worden sind. Der Rest von Mark 6363 zuzüglich der eingegangenen Zinsen verbleibt zur Verwendung bis zur nächsten Ausschüttung der Sparkästchen. Vor allem hatte der Vorstand sein Augenmerk darauf gerichtet, schwachen und kranken Kindern seine Fürsorge angedeihen zu lassen, den Waisen eine Hilfe zu sein und bedürftige kinderreiche Familien, die von anderen Vereinen aus besonderen Gründen nicht berücksichtigt werden können, zu unterstützen. Möge die schöne Idee, aus der der Verein hervorgegangen, auch ferner allgemeiner Theilnahme begegnen! *§* Berlin, 17. Oktober. Seit einer Reihe von Jahren erhalten unsere besser situirten Glaubensgenossen Zuschriften von Pastor E. E. mit der Aufforderung, ihm für die Zwecke der Berliner Stadtmission. einen Jahresbeitrag oder wenigstens eine einmalige Gabe zu übersenden. Die Stadtmission unterhält bei Wernigerode ein Ferienheim, wo so mancher armen und kranken Schneiderin — wie es im Jahresbericht für das Jahr 1894 zu lesen ist — „im täglichen Umgang mit Christenmenschen das Gottvertrauen wächst" u. s. w. In dem dem Bericht beigefügten Verzeichniß der Spender von Jahresbeiträgen und Gaben sind auch viele bekannte jüdische Namen mit namhaften Beiträgen zu finden. Da der Herr Pastor erst jüngst unsere Glaubensgenossen wieder mit einem Heftchen, betitelt: „Des letzten Freiheitskämpfers letzte Bitte", beglückt hat, so geht daraus hervor, daß die Vorliebe dieses Herrn für jüdisches Geld im täglichen Umgang mit Christenmenschen eher zuals abgenommen hat. Daß es aber noch immer Juden giebt, welche trotz aller Beleidigung und Kränkung, die ihnen von dem dem Pastor E. E. nahestehenden Kreise zugefügt worden sind, auf dessen Bettelbriefe reagiren, beweist am besten, wie richtig der Talmud den Wohlthätigkeitssinn der Juden zu beurtheilen verstand: Sie geben, meist ohne zu prüfen, für alle Zwecke. 22 Berlin, 15. Oktober. Wenn die Ansicht richtig ist — und sie ist es unzweifelhaft —, daß die Einrichtungen aus dem' Bedürfniß nach ihnen hervorgehen, so kann man sich nur darüber freuen, daß in den jüngsten Tagen in Berlin ein neues israelitisches T ö chter p ens.ionat verbunden mit Fortbildungskursen, eröffnet worden ist. An der Spitze, des neuen Instituts steht Fräulein Dora Simonsohn, die, einer .geachteten Berliner Familie entstammend, sich in den vornehmen jüdischen Kreisen als vorzügliche wissenschaftliche und Musiklehrerin großer Bekanntschaft und ^hervorragenden Ansehens erfteut. Aus dem Prospekt des neuen Unternehmens ersieht man mit Genugthuung, daß Fräulein Simonsoh'n in der Führung der Anstalt wie in der Erziehung der ihr anvertrauten jungen Mädchen die strengste Beobachtung unserer Religionsgesetze mit der Erfüllung der Anforderungen des modernen Lebens

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