Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-22 · Heft 43 (22.10.1897) · p. Seite 516

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228246--54092-3268053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

516 der nächsten Nunnnern ausführlich zurück, wollen aber nicht verfehlen, heute schon die allgemeine Aufmerksamkeit unserer Leser auf dieses nach vielen Beziehungen hin sehr lehrreiche und durchweg fesselnde Buch, das auf die Geschichte der Juden in Berlin in den vierziger Jahren werkwürdige Streiflichter wirft, zu lenken. — Wie der jüdisch-litterarischen Welt bekannt ist, hat Herr Rabbiner Dr. Elias Pleßner in Ostrowo anläßlich der im April d. I. erfolgten Wiederkehr des 100 jährigen Geburtstages seines berühmten Vaters, Rabbi Salomon Pleßner, ein Werk unter dem. Titel „Biblisches und Rabbinisches aus SalomonPleßners Nachlaß" herausgegeben. Nachdem dasselbe den ungetheilten Beifall aller Sachkenner und Fachmänner gefunden, geht der Herausgeber jetzt daran, all die verborgenen Schätze seines großen und gelehrten Vaters nach und nach der Welt zugänglich zu machen. Für die demnächstige Herausgabe sind folgende Werke in Aussicht genommen: 1. Einleitung in die Psalmen (deutsch). 2. Auswahl von religiösen Vorträgen (deutsch). 3. Kommentar zum Gebetbuch und den Piutim; vorzüglich Quellennachweis für die Piutim ans der rabbinischen und midraschischen Litteratur, die Heidenheim nicht kannte, mit einer umfangreichen Einleitung über die Bedeutung der Gebete und der Hymnen. Das Gebetbuch im weitesten Umfange wird erklärt: Hagada schel Peßach, „Pirke Aboth", Selichoth, Klagelieder und Kinoth (hebräisch). 4. Anmerkungen zur Mechilta, zmn „Sifre" und zum Midrasch „Schocher Tob". 5. Anmerkungen und Quellennachweis zu Hartwig Wesselys sämmtlichen Schriften. Hartwig Wessely war bekanntlich Pleßners Lieblingsdichter und sein schriftstellerisches Ideal. 6. „Kommentar zu den salomonischen Sprüchen" (hebräisch). 7. Eine Sammlung von Sentenzen, die der Verewigte, seinem Gedächtnisse folgend, aus der entlegensten Stelle des gesammten rabbinischen und agadischen Schriftthums zusammenstellte (hebräisch). 6. Auswahl hebräischer Gedichte. 9. Lösung schwieriger Agadahs aus dem babylonischen ^Talmud durch Darlegung des einfachen biblischen Wortsinnes, nach den Regeln der Grammatik und der der wissenschaftlichen Forschung entsprechenden Exegese. 10. Lose Blätter verschiedenen Inhalts. Lp. — Max Ri^ng,*ber treffliche Erzähler, der auch persönlich allgemein geschätzte Schriftsteller, feierte am 4. August zu Schreiberhau in Schlesien seinen achtzigsten Geburtstag in beneidenswerther Frische und Rüstigkeit. Ein Beweis derselben ist das Werk, das er eben abgeschlossen hat: seine „Erinnerungen", von denen bereits mehrere Kapitel in diesem Blatt erschienen sind. Nun einheitlich bearbeitet und wesentlich vervollständigt, bietet das Werk nicht blos ein treues Spiegelbild des arbeitsreichen Lebens des Schriftstellers, sondern auch der Zeit, deren Kämpfe er miterlebt und mitgestritten hat, wie der Menschen, mit deneU er in Berührung gekommen. Bon 1838, wo der 21jährige Student und Dichter zuerst nach Berlin kam, bis in unsere Tage^hinein hat es kaum einen hervorragenden Schriftsteller und Politiker gegeben, von demMing nicht ein fesselndes Bild oder doch interessante anekdotische Züge zu berichten wüßte. Hervorgehoben sei namentlich fein Verkehr mit^Lasfalle, der Bettina, mieden Fürsten Pückler - Muskau und jFelix Lichnowski, mit Gottfried,Keller und Karl Gutzkow, Berthold Auerbach u. v. A.; als Theater-Kritiker lernte er zudem fast alle bedeutenden Schauspieler und Bühnenleiter, des Jahrhunderts kennen. Das -.Buch, aus dem. eben einige Kapitel in. 'Franzos' „Deutsche Dichtung" erscheinen, wird im Herbst d. I. im Verlage der Concorldia» Deutsche Verlags- Anstalt in Berlin zur Ausgabe gelangen und sicherlich nach Verdienst als eine werthvolle Bereicherung unserer Memoiren - Litteratur begrüßt werden. .. -ÄM Kprechfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sprechsaal, der Nr. 32 weist Herr D. Baumslein ganz richtig aus^den^Widerspruch^der Heine'schen Sage, vermöge welcher Simri und Schlumiel zwei verschiedene Personen waren, mit dem Talmud und Midrasch hin, in welcher Rabbi, Jochanan die Beiden für eine Person erklärt.. Gleichzeitig fügt er jedoch hinzu, daß der Ansdruck Schlemihl unbedingt von Schlumiel ben Zurischaddai herstammt, „weil es diesem iw jeder Sache mißlungen ist", führt aber durchaus nichts an, was dem Schlumiel mißlungen wäre. Vermuthlich dachte Herr Baumstein hierbei an das, was dem Simri- Schlumiel nach den Worten Rabbi Jochanans: fo'J? D'Ö tnl ]’H‘iri3D) '■‘•Dinöi lbrpfity in« Dnaaf? gelungen war (dann hätte aber der Schlemihl richtiger Simri heißen sollen), oder überhaupt an das Pech Schlumiels, mit Simri identifizirt! zu werden. Aehnlich schreibt Leopold Löw in seinem „Die Lebensalter", S. 54. „Diese Sage (die Heine erwähnt) wurde niemals überliefert. .Der Volkswitz, der dem Spottnamen einen biblischen Hintergrund verlieh, reflektirte nicht auf das Schicksal Schelumiels, sondern auf dessen Namen: . Schlemiel sei ganz unschuldig daran, daß er mit Simri identifiizirt! wurde! Die Quelle des Spottnamens hat nun der Volkswitz allerdings; nicht entdeckt; bemerkenswerth bleibt es aber immer, daß derselbe über 1 die talmudische Hagada ironisirt." Löw leitet den Spottnamen von einem gewissen Schlumiel ab, der im vierzehnten Jahrhundert in Enns in Oberösterreich gelebt und den ohne sein Verschulden ein Mißgeschick getroffen hat, das ihn zugleich lächerlich und bedauernswerth machte. Nach meiner Ansicht kommt der Name Schlemihl doch von dem biblischen Schlumiel ben Zurischaddai her, wenn auch aus einem anderen Grunde. Die Erzählung Heines ist durch nichts begründet, und Niemand wird wohl behaupten, daß Rabbi Jochanan den Simri wirklich für! Schlumiel hielt, da er doch selbst den Miffethäter in der oben, citirten! Stelle Simri nennt, ebenso wenig wie er in 3'# n'I? *]*T KlfOfcOD ernstlich glaubte, daß die Gerechten, der Messias und Jerusalem den Namen „Gott" führen oder, wie sein Schwager Resch Lakisch im Midrasch zur Stelle mit den Warten DÜSS sagen wollte, daß Pinchas und Eliahu eine und dieselbe Person wären. Solche in der Agada häufig wiederkehrende Zusammenstellungen der Namen von Personen, die zu den verschiedensten Zeiten gelebt haben, haben bekanntlich nur den Zweck, gewisse Lehren und Bemerkungen daran zu knüpfen. So auch in unserem Falle. Es lag nahe, den Familienfürsten aus dem Stamme Simon, Simri ben Salu, mit dem Fürsten dieses Stammes, Schlumiel ben Zurischaddai, und dem Haupte eines : Simeonitischen Stammhauses, Schaul ben Hakenaanith, in Verbindung zu bringen, um die hierzu geeigneten Namen Simri und Schaul zu An- 1 spielungen zu benutzen und sie deshalb als Nebenbenennungen, Schlumiel aber als,den eigentlichen Namen der betreffenden Person zu bezeichnen weil dieses Wort in dem Zusammenhangs zu keiner Deutung benutzt werden konnte. Was ist nun der Anlaß, der den Schlumiel zum Schlemihl machte? Wie bekannt, dient am Chanukkaseste Kap. 7 des IV. Buches Moses als Thoralektion. An dem ersten Tage wird das Opfer des ersten und zweiten Stammesfürsten, an dem zweiten Tage das des zweiten und dritten u. s. w., am achten Tage das Opfer des achten bis zwölften Stammessürsten vorgelesen. Und da zeigt sich nun das unverschuldete Unglück des armen Schlumiel. Während nämlich alle anderen Stammesfürsten im Laufe der Jahre in die Lage kommen, daß ihre Namen am Sabbath Chanukka vorgelesen werden, auch die vier letzten, wenn N22N auf den Sabbath fällt, gelangt der einzige Schlumiel nie zu dieser Ehre. Sein Tag ist der fünfte und dieser allein kann in allen 14 Jahres- . formen des jüdischen Kalenders niemals auf einen Sabbath fallen. Auch wenn der vierte Tag Chanukka am Sabbath ist, wird Schlumiel nicht gelesen, denn am Sabbath ist die Heranziehung des folgenden Tages zur Thoravorlesung nicht erforderlich. Er ist also der' Pechvogel der unverdienterweise zurückgesetzt ist, der Schlemihl, dem es ohne Verschulden nicht gelingen will. Hochachtend Trebitsch, im September. Dr. S. Pollak, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.