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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-22 · Heft 43 (22.10.1897) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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515 Endlich erhob sich der Seher und eilte dem Paloste des Königs zu. Ehrfurchtsvoll ließen die Wächter den Fürsten Jesaias durch und küßten den Saum seines Gewandes, weil er ein heiliger Prophet war in Israel. Rasch öffnete er die Thür zu dem Zimmer des Königs und schloß sie dann sorgfältig wieder hinter sich, denn dem Prophetenfürsten war der Eintritt zu jeder Stunde frei, wenn er kam im Namen Jehovas zu. reden. Als der König den Propheten bemerkte, ward er sichtbar verlegen, eine schwache Nöthe überflog sein Antlitz, das noch die Spuren der letzten Krankheit trug. Tief verbeugte sich Jesaias vor beut Könige, fast mit dem Antlitz den Boden berührend, und der Herrscher erwiederte den Gruß, indem er sich halb von seinem Polster erhob und mit der Rechten gnädig winkte. Jener aber blieb in der Mitte des Gemaches stehen, heftiger hob sich sein Busen, sein Aug' begann furchtbar zu leuchten, um seine Stirne zogen sich ernste Wolken, da nterkte der König, daß er im Auftrag Jehovas sprechen wolle, und erhob sich ehrfurchtsvoll vom Lager. Wie der Richter zu dem Angeklagteti, von dessen Schuld er im Voraus überzeugt ist, sprach Jesaias zu dem Könige: „Was sagten die Männer, die bei Dir waren, und woher kommen sie?" Der König erwiederte zögernd, die zweite Frage vor der ersten beantwortend: „Sie kommen ans fernem Lande, aus Babylon." Und abermals fragte Jesaias: „Was sahen -sie in Deinem Hause?" Und der Regent athmete schwer auf und sprach: „Sie haben alles in meinem Hause gesehen, ich habe ihnen meinen ganzen. Schatz gezeigt." Gerührt von der Aufrichtigkeit des Königs, milderte der Prophet seine Stimme, und wie ein Bote, der Unangenehmes verkünden muß, sprach er mit gebrochener Stimme: „Höre das Wort Jehovas, König von Inda! Siehe, es naht die Zeit, da wird alles in Deinem Hause und alle Schütze, die Deine Vorfahren häufteit, hingeschleppt werden nach Babylon; Deine Söhne und Töchter werden dienen müssen dem fremden Herrn, und nichts soll Dir bleiben, spricht der Herr!" Als er die Worte gesprochen, zog sich der Prophet in die Vertiefung des Fensters zurück, um seine Nührtmg zu verbergen, und der König sattk aufs Lager nieder, und sprach: „Es geschehe Gottes Wille, wenn nur Fried'und Ruhe bleibt in meiner Zeit." Mitleidig sah der große Seher auf den schwachen Fürsteit, schüttelte das Haupt und schwieg. Der König sprang auf und ergriff den Propheten bei beiden Händen: „Jesaias," sprach er flehettd und wehmüthig, „ich seh' es ein, ich habe schwer gefehlt, ich habe mich von dem Gewaltigen bethören lasseir und ihm die Lockspeise gezeigt, die mich und mein Haus ins Unglück stürzen wird. Jetzt, nachdem Du Deitte Pflicht gethan und als der Bote Gottes gesprochen hast, komm zu mir, sei mein Freund, mein Rathgeber; ich stehe ganz allein." Jesaias schwieg abermals, beugte sich imb drückte liebevoll die Hand des Königs an seine Lippen. „Vielleicht, daß Aegypten . . begann der König wieder im zweifelnden Tone. „Hoffe nicht auf Aegypten, Hiskijahu," unterbrach ihn der Prophet, „es ist ein schwankendes Rohr, das der König von Babel zerdrücken wird, sobald er über Jttdäa hinweggeschritten ist. „Aber," seufzte der König, „giebt es denn gar kein Mittel? Mann Gottes, öffne mir den Schatz deiner Weisheit. Denke, daß ich auf dem Throne Davids sitze, den Gott bisher beschützte." „Es giebt wohl ein Mittel," versetzte der Prophet und schaute ihn forschend au, „aber die Fürsten gebrauchen es gewöhnlich ungern." „O, nenn' es mir, mein Freund; soll ich meiner Krone, soll ich meinem Leben entsagen? Ich ihn' es gern für mein Volk!" „Nicht doch," antwortete Jener, wehmüthig lächelnd; „möchtest Du noch lange glücklich leben. Aher es giebt ein großes Geheimniß, mit dem auch ein kleines Volk kühn einem großen die Spitze bieten kann. Es ist keine Zauberei, es ist der belebende Gedanke, für den Glauben der Väter zu kämpfen gegen ben Wahnglauben der Barbaren, angeführt zu sein von Fürsten, die nicht nur aus des Volkes Blut, die auch seines Sinnes und Herzens sind. Flöße diesen Gedanken der Menge ein, gieb ihr diesen festen Glauben, und der Lanzenwald des Babyloniers zersplittert an Deinem Häuflein." Ueberrascht trat der König zttrück. „Jesaias!" rief er aus, und sein Antlitz leuchtete vor Freude, „will Deine Gottesweisheit den Traum meiner Jugend bestätigen? Ich Hab' es längst gedacht, längst im Herzeit mit mir herumgetragen; hilf mir, es vollbringen." Arm in Arm die hohen Getnächer der Burg dttrchwandelnd, entwarfen der edle König und der hohe Seher Pläne für des Volkes künft'ge Bildung. Im traulichen Gespräche übertrug es der König dem Propheten, eine Jungfrau aus Israel auszuwählett als Gattin seines zweiten Sohnes, damit die Verschmelzung der Königsfamilie mit Juda alsobald beginnen möge. Da gedachte Jesaias des frommen Mädchens an der Quelle Siloa, und er sprach von ihr zum Könige; der erkanttte den Fingerzeig Gottes und beschloß, ihm zu folgen. Auf dem erhabenen Throne Salomos saß der König Hiskijahu, um ihit die Großen des Reiches und unter ihnen der hohe Gottesseher Jesaias, als Nathanaja schüchtern, ängstlich hereintrat. Sie kuteete nieder vor dem Könige und klagte das Unrecht des harten Ammoniten nnb das Unglück des armen Benoni.' Da erhob sich der König vom Throne, reichte ihr liebreich die Hand und sprach: „Tochter, Deine Bitte sei Dir gewährt. Aber auch Deine Frömmigkeit und Gottesfurcht will ich belohnen, damit ganz Israel wisse, daß alle Tugendhaften sind wie die Kinder des Hauses Davids. Du sollst die Gattin meines eigenen Sohnes werden." Erschrocken wich Nathanaja zurück und wollte sprechen, denn tticht um die Königskrone von Juda hätte sie das Andettken jenes Jünglings verrathen. Da . öffnete sich die Thüre des Seitengemaches, und ein edler Jüngling sank in ihre Arme; es war Asariel, ihr Geliebter. Beide knieeten vor dem Köttige nieder; der ergriff Jesaias bei der Hattd, und sie segneten sie und sprachen: „Durch Euch erstehe Davids Haus." Litterarische MittheUungen. Wir freuen uns, den geneigten Lesern heute eine Mittheilung machen zu können, die sicher nicht verfehlen wird, allgemeines Interesse zu erregen. Professor Dr. M. Lazarus, der seiner Gesundheit wegen nach Meran übergesiedelt ist, hat vor seiner Abreise den ersten Band seiner Ethik des Judenthums, den schwersten und wichtigsten des auf zwei Bände berechneten Werkes, in Druck gegeben. Der Einzige, der das Manuskript vorher gelesen, war der Grand Rabbin de France, Zadoc Kahn. Auf dessen Wunsch erscheint nun gleichzeitig mit der deutschen Ausgabe auch^eine französische Übersetzung des Werkes, für welche er selbst den geeigneten Uebersetzer auswählen und alle Vorsorge treffen will. Der erste Band soll zugleich den Entwurf des Inhaltsverzeichnisses des zweiten bringen, welcher die speziellen Sittenlehren enthalten wird, während der erste die allgemeinen Prinzipien zur Darstellung bringt — das, was uns, wie Jeder weiß, bisher am meisten gefehlt hat —, so daß der Leser des ersten Bandes sofort über das Ganze orientirt ist. Die Vorarbeiten auch für diesen zweiten Band liegen vollständig abgeschlossen vor, und Herr Professor Lazarus gedenkt die Ausarbeitung sehr bald, noch während des Druckes des ersten, zu beginnen. Wir dürfen also, wie gesagt, in nächster Zeit dieser höchst wichtigen und bedeutsamen Publikation entgegensetzen. Im Verlage von I. Kauffmann- Frankfurt a. M., ist soeben der Briefwechsel zwischen Michael Sachs und Moritz Veit, herausgegeben von Ludwig Geiger, erschienen. Wir kommen auf diese interessante und für die Zeitgeschichte sehr wichtige Publikation in einer

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