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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-22 · Heft 43 (22.10.1897) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 brach glücklicherweise nur ein Bein. Man sagte dem Sohne nichts davon, und erst als er nach erfolgreichem Debüt heimkehrte, sah er, was geschehen war. Dann besuchte ihn seine Mutter in seinem eigenen Hause in Dresden. Er war glückselig, sie bewirthen zu können, und sein Auge strahlte hell, wenn der liebliche Knabe, der einzige Sohn Dawisons, auf dem Schooße der Großmutter saß. Diese war eine stattliche Erscheinung von formvollem Benehmen, und die Frau Davisons, eine feine, stille, vornehme Erscheinung, gegen die er ständig eine gewisse rücksichtsvolle Dankbarkeit bewahrte, und die immer beschwichtigend auf ihn wirkte, wetteiferte mit dem Sohn, der Großmutter die Tage schön und behaglich zu machen. Dawison saß stundenlang mit seiner Mutter im Garten, und wer ihn so gesehen, konnte kaum ahnen, daß dieser Mann gestern den „Caligula" in Halms „Fechter von Ravenna" so machtvoll dargestellt, daß jedes Wort wie ein durch die Luft sausender Schwerthieb klang. Eines Tages — es war im Herbst — machten wir im größeren Kreise einen Gang nach dem Plauenschen Grunde. Auf dem Heimwege sagte mir die Mutter Davisons, da in den nächsten Tagen nun bald die höchsten jüdischen Feste: Neujahr und Versöhnungstag, seien, möchte sie gern in die Synagoge gehen, fürchte aber, ihren Sohn in eine Mißlage zu bringen Ich sagte dies Dawison, und nach seiner Art den Kopf zurückwerfend und in seinem hellen jauchzenden Ton rief er: „Ach was! Ich gehe selber mit." Er begleitete seine Mutter zur Synagoge und holte sie auch wieder ab. So klein dies auch erscheinen mag, so ist doch zu bedenken, was dies bei einer so bemerkten Persönlichkeit wie Dawison in einer Residenz und bei den dort noch herrschenden Vormeinungen zu bedeuten hatte." Mit dieser hübschen Erinnerung schließt Auerbach. Die Worte aber, die er über die Judentaufen sagt, mögen allen Denen, welche in unseren Tagen sich von dem alten Stamme losreißen, um fremden Ehren und Freuden nachzujagen, ein eindringliches Memento sein. Mit einem Witzwort beginnt Auerbach sein Erinnerungsblatt. Er erzählt nämlich von einem Dresdener Witzbold folgendes Bonmot: Als Gott Emil Devrient schuf, sagte er: „Du sollst ein großer Schauspieler werden!" Und — Emil Devrient ward ein großer Schauspieler; als Gott Bogumil Dawison schuf, sagte er: „Werde was Du willst, und Du wirst etwas Bedeutendes." Und — Bogumil Dawison ward ein großer Schauspieler. Und mit folgenden Worten schließt Auerbach seinen Nekrolog auf den großen Künstler: „Wäre einer mit großer Energie und der vollen Künstlerschaft ansgestatteten Natur wie Bogumil Dawisons die zeitgenössische Blüthe einer neuen dramatischen Dichtung beschieden gewesen, wer weiß, ob seine produktive Kraft sich nicht an neuen Aufgaben schon befriedigt und ob er nicht gelernt hätte, seine Kunst als die zur Unterordnung berufene und dabei doch in all ihrer beglückenden Schönheit bestehende zu erkennen." 0. K. «■-r-H iwi.Hmimmmin MUMM» 1-> I-rgVi -H 1—I l-- I | FEUILLETON | * I I sszjUÜiilBlkÜ' WMnMM —-1 1-1 r.w[iiminKiiiMiiimui'nmiü.iiimkiiinniaiiiiiimimiiu!iiiiiiniiinnimiiiiiiniimniMn'itimi«iiwiiiimuirwm/.;i m I---^-1 1—1 1--- Nathanaja. Eine altjüdische Novelle von Carl Weil. (Schluß.) ^enn die Bekümmerniß des Gemllthes im warmen Strome der Zähren zerrinnt, so schleicht eine liebliche Wehmuth ins Herz, und die Gedanken streifen umher iiu weiten Zauberreiche der Träume. Düstere Bilder weichen den heiteren und lieblichen, und im fernen Hintergründe erblicken wir die Zukunft im Glanze der Morgensonne. So war der Gram des Augenblicks von Nathanäjas jugendlicher Seele schon fast entschwunden, und die nachrollende Thräne^ begleitete ein Seufzer, den nicht mehr Schmerz, bctt die Sehnsucht ausstieß. Wie über den Dulder der Gedanke an Gott, so hatte über ihre schmerzverkündenden Züge die Erinnerrmg an ihre Liebe eine himmlische Heiterkeit verbreitet, so daß ihre Wange, gleich der kurz entfalteten Rose, lächelnd den Thau der Tropfen empfing, die an ihren langen Wimpern hingen. Da kam ernsten Schrittes aus den Gängen des Königsgartens ein Mann daher, wie Nathanaja noch nie einen erblickt zu haben meinte. Hoch herab von seinen Hüften wallte der faltige Meil, verbrämt mit phönizischem Purpur, der Mantel bedeckte nur halb die edle Gestalt, in Locken kräuselten sich Haupthaare und Bart um das erhabene Antlitz, die Züge leuchteten in göttlichem Feuer, versunken im Forschen des Unbegreiflichen, das milde, wohlwollende Mige ruhte liebevoll auf der Unglücklichen, — wer hätte da nicht wie Nathanaja den Prophetenfürsten Jesaias erkannt? Der hohe Menschenkenner hatte im Blick des Mädchens seine Reinheit gelesen und na'hete sich liebreich. Sie wollte niedersinken und den Saum seines Gewandes küsien, aber der erhabene Gottesseher wehrte es ihr. Er, der Bruder eines Königs, der gottgeweihte Sänger, ließ sich freundlich neben ihr nieder und flößte ihr Muth ein. Sie mußte ihm den Zweck ihrer Reise erzählen und alles, was ihr begegnet war, von Anfang bis zu Ende. Sie wagte es nicht, auch nur das Geringste zu verbergen vor dem, welchem der Herr Zebaoth selbst seine Rathschlüsse verkündete. Der göttliche Dichter erkannte das tugendhafte Gemüth der Jungfrau, und ein Gedanke blitzte in seiner hohen Seele; er erhob sich plötzlich, und seine Gestalt schien sich zu vergrößern, seine Wange erglühte, sein Blick leuchtete in göttlichem Feuer, weit aus streckte er die Rechte, Majestät lagerte sich auf seine Stirn und erglühend bebte sein Busen — es ergriff ihn der Geist der Prophezeiung, der heilige Geist Gottes, die Schechina kam über ihn. Lange Zeit hing erst sein Auge trunken an des Himmels Blau, wie damals, als er den Ewigen, Zebaoth, den Thronenden auf Cherubim, erblickte, und das Weltall vom dreimal Heilig erbebte. Dann löste sich seine Zunge, und sein ernster, heiliger Blick fiel wieder herab auf die Jungfrau, die vor der Nähe der Schechina mit dem Antlitz zu Boden gesunken war. „Steh' auf vom Staube, Tochter Judas, was weinest Du? Ich will Dein Haupt mit goldenem Diadem schmücken, Dich sollen Zions Töchter glücklich preisen, sollst eine Mutter in Israel werden. Aber was seh' ich am Gewände des Bruders Deines Gatten? Es ist Blut! Das unschuldige Blut des Gottessehers am Königskleide des Menasse! Gepriesen sei der Herr, so sterb' ich doch in seinem Dienste!" Und abermals versank er in Schweigen; Nathanaja wagte es nicht, aufzuathmen. und dunkel waren ihr die Worte des gotterfüllten Propheten. Doch Jener wandte sich endlich zu ihr und sprach: „Erwarte mich morgen um die dritte Stunde nach der ersten Morgenwache am Eingänge des Palastes, und Gott segne Dich." So sprach er und entschwand hierauf den Blicken des erstaunten Mädchens. Raschen Schrittes durchwandelte der Prophetenfürst Jesaias die dunklen Laubgänge des KönigsgarteUs und warf sich dann auf eine Marmorbank im Gebüsche nieder. Düsterer Ernst, wie früher nie, lag auf seinem Antlitze, und die erste Thräne entquoll seinem Auge. Bor seinem Blicke lag der Untergang seines Vaterlandes, den die Thorheit des Königs, mit dem Glanze seiner Schätze den mächtigen Nachbar zu locken, um vieles beschleunigte. Er empfand bitter, was der Edle, der Weise empfindet, wenn er voraussieht, daß sein Vaterland in die rohe Barbarenhand des Fremden fallen muß. ii;

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