Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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513 strecken sich über beinahe 700 Jahre (vom 8. bis zum 14. Jahrhundert). Welch reiches Leben enthüllen uns diese langen Schriftrollen! Me möglichen- Arten von Menschen, Lebenslagen und Verhältnissen werden durch sie an unserem inneren Auge vorübergeführt: Das glückliche junge Ehepaar durch seinen Ehevertrag, die verfehlte Heirath durch ihren Scheidebrief, der Sklave durch seine Befreiungsurkunde, der Gerichtshof durch seine richterlichen Entscheidungen, die Häupter der Schulen durch ihre gelehrten Briefe, der neuernannte „Fürst des Exils" durch die Beschreibung seiner Einführung, der reiche Kaufherr durch seine Korrespondenz mit seinen Agenten in Malabar, der verschämte Bettler durch seine Empfehlungsbriefe an die Mächtigen in Israel, die Fanatiker durch ihre niederschmetternden Aechtungsurtheile, der schüchterne Mann durch seine sanfte Fürsprache, der Thor durch sein Amulet, der Mediziner durch sein Rezept und der Kranke durch sein Testament. All diesem kann noch eine beträchtliche Menge des verschiedensten Stoffes zugesellt werden, ' der sowohl von philosophischer und mystischer als-auch von polemischer Beschaffenheit ist, der aber um so schwerer zu identifiziren ist, als fast jedes Bruchstück für die Existenz eines besonderen Werkes Zeugniß ablegt. All diese Schätze sind jetzt in der Bibliothek zu Cambridge aufgehäuft, wo sie dem langsamen Prozeß einer gründlichen Untersuchung unterzogen werden. Die Resultate dieser Untersuchung werden zweifellos sowohl für den Theologen als für den Historiker manches Interessante ans Licht fördern. ->O<- Kerthold Auerbach und Bogumil Dawison. Ein Erinnerungsblatt. f n einer alten vergessenen Zeitschrift habe ich den Nachruf gefunden, den Berthold Auerbach seinem alten Dresdener Freunde, dem berühmten Schauspieler Bogumil Dawison, zu Anfang der siebziger Jahre gewidmet. Die Zeitschrift ist, wie gesagt, längst vergessen und die Blätter in alle Winde verweht — die Worte Berthold Auerbachs verdienen aber ein besseres Loos; sie sollen nicht vergeffen werden, denn essind goldene Worte, die auch für unsere Zeit noch ihre Anwendung finden. Es ist natürlich, daß ich aus diesem Nekrolog nur das herausgreife, was für uns an dieser Stelle von besonderem Interesse ist. Zunächst die Einleitung: „Ich habe mit Dawison jahrelang in den verschiedensten Lebenslagen verkehrt. Er war von der höchsten Erregbarkeit, leidenschaftlich, vom polnischen und jüdischen Elemente in feiner Natur versetzt, immer voll und ganz im Momente. Er gab stets sein Bestes; er hatte ein ausgelassenes Lachen mit gellendem Jauchzen und dann wieder den zartesten, innigsten Gemüthston. Er hatte eine starke Selbstschätzung, er war von seinem eigenen Werthe durchdrungen, dabei aber fremder Anschauung treu folgend, Meinungen. gewissenhaft überlegend und im Ganzen wiederum tief bescheiden. Er hatte viel aus sich selbst gedacht und studirte dabei eifrig die Betrachtnahme Anderer. . . Er hatte das Leben kennen gelernt, bevor er von der Darstellung desselben auf der Bühne wußte. Er hatte die Welt der Bildung für sich selber entdeckt, und er sah sie mit neuen, frischen Augen, von keinen Traditionen belastet." Nach dieser wunderbaren Charakteristik Dawisons kommt Auerbach auf seine Jugend und Abstammung zu sprechen. Dawison war bekanntlich ein selke mucke man, und Auerbach macht darüber die folgenden merkwürdigen Aeußerungen: „Ein Jude ist eine Erscheinung des selko mucks inan in ganz eigenthümlicher Erkennbarkeit; zur fraglichen Existenz in die Welt gesetzt und doch aus einem großen geschichtlichen Hintergrund hervorgegangen, vollzieht der, Jude — ich möchte sagen, in individueller Weise — die Sklaverei in Aegypten, den Zug durch die Wüste, den Einzug ins gelobte Land;., aber das im Gemifth ruhende Gefühl der Befreiung läßt ihn schwer zu harmlosem Genuß der Welt und seiner selbst kommen. Erst dem nachfolgenden, in der Erlösung geborenen Geschlecht scheint das beschießen. ' Ich muß auf die ins Auge gefaßte Persönlichkeit zurückkehren. Was erscheint widersprechender, gewaltsamer, alle selbstwillige Energie mehr herausfordernd, als daß ein Judenknabe in Warschau zu einem der hervorragendsten Vertreter der deutschen Schauspielkunst ^wird? ' V ..... . : Der Genius und eine widerstandskräftige Willensmacht haben Dawison geführt.' Er ist ein seile mucke msn in der Kunst, und er hat fortwährend und ruhelos allzeit umgestaltend und umbildend sich -'selbstgemacht. ■, Das Ueberraschende,- das blitzartig Aufleuchtende, das scharf Charakterisirende, die ganz neuen Accente und Erscheinungsweisen, die er längst auf der Bühne heimischen Gestalten gab und mit denen er neue zum ersten Mal darstellte, alles, das stammt aus ihm, der frei vom Konventionellen. Die deutschen Dichtungen, die wir oft schon in der Kinderzeit, sicher aber in der ersten Jünglingszeit, in die heiße Seele aufnehmendiese lernte er erst dann kennen, als er bereits ein im Leben gereiftes Denken und. Empfinden hatte. Wir. kamen im Gespräche , oft darauf zurück, wie sich das nun vereinbare. Er konnte nicht mehr genaue Rechenschaft geben, aber oftmals nahm er sich auf Zureden vor, seinen Bildungs- und Entwickelungsgang selber aufzuzeichnen. Ich glaube nicht, daß er dazu kam. . Das ist aber sicher, daß seine Darstellungsweise davon beeinflußt war, daß ihm die deutschen Dichtungen im weitesten Sinne — denn auch Shakespeare ist insofern ein deutscher Dichter. geworden?'— nicht traditionell zukamen. Er bildete sie daher neu um. Ein gewisser Schwung und Jugendduft fehlte ihnen dadurch, aber er setzte fich mit allem individuell zurecht. . Er hielt sich vorzugsweise an das Charakteristische, und von ihm aus gestaltete er sich die Darstellung der Figuren." Eine feinere Erklärung für Dawisons schauspielerische Eigenart aus seiner Abstammung ist wohl niemals gegeben worden. Am Schluffe seiner mehr als intereffanten Ausführungen kommt Auerbach noch auf einen Punkt zu sprechen, der für uns natürlich besonders wichtig ist, nämlich auf Dawisons Taufe und seine späteren Beziehungen zum Judenthum. Auerbach erzählt da Folgendes: „Es bedürfte einer ausführlichen Klarlegung, wie es in der Seele eines Menschen hergeht, der, sei es in momentaner Leidenschaft, sei es in Leichtfertigkeit oder Gleichgiltigkeit, jedenfalls aber, ohne sich zu den Dogmen zu bekennen, vom Juden zum Christen wird. Ein Beharren in der angestammten Religion erheischt kein Bekerintniß und giebt die vollste Freiheit. Anders stellt sich's dem Proselyten. Es wäre viel zu erzählen, mit welcher Frivolität von vielen Geistlichen die Taufe vollzogen wird. . Dawison selber berichtet, daß der Geistliche, der ihm die Taufe gab, ihn verstehen ließ, er glaube selber auch nicht an die Dogmen. Seiner Braut, einer polnischen Adeligen, zu Liebe trat Dawison zum ^Christenthum über; aber das Judenthum, nicht sowohl als Religion, sondern als Gemüthsheimath, als Jugenderinnerung und anheimelnde Empfindungsweise, lebte noch fortwährend in seiner Seele. Wie so vielen Christgewordenen, war es ihm ein besonderer Leckerbissen, bald da, bald dort im Umgang eine Erinnerung zu erwecken, einen Ausdruck zu gebrauchen, der eine ganz eigenartige Vorstellung in sich schloß, oder auch eine von den unzähligen polnisch-jüdischen Anekdoten mit Meisterschaft vorzutragen. Als Dawison zum ersten Mal im polnischen Theater in Warschau auftrat, wollte ihn seine Mutter auf der Bühne sehen. Sie sagte ihm nichts davon und ging frühzeitig ins Theater. Noch war der Zuschauerraum wenig erleuchtet, und die Frau suchte sich einen guten Platz auf der obersten Galerie. In der Erregung und im Halblichte, in der ungewohnten fremden Welt, stieg sie immer weiter voran über die Bänke und endlich auch über die,Brüstung hinweg, stürzte hinab und