Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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:5il 2 Die... Entwickelung. dieses Romans wird durch die Thatsache verdunkelt.. daß die letzten Zeilen des Amulets auf einem Schuldschein , oder einem Miethvertrage haften, und dieser wiederum zwischen die; Blätter eines alten Moralisten geklebt ist, der jede Beschäftigung mit Geldangelegenheiten mit Verachtung und Unwillen straft. All diese einander widerstrebenden Dinge hängen wiederum an einigen Bogen einer, uralten Bibel fest. Diese, sollte doch wahrlich alles zwischen ihnen endgiltig schlichten, aber sie läßt sich-kaum entziffern, ohne daß man. von ihrer Oberfläche Fragmente eines gedruckten Buches abschält,' die' an dem altadeligen Sprossen mit all der Zähigkeit und Aufdringlichkeit des Parvenü festhängen. Alles derartige gedruckte Material erwies, , sich überhaupt als Quelle großen Aergers. Zwar lieferte, es . uns manchmal lose Blätter aus verloren gegangenen Auflagen und ist daher für den Bibliographen^ von erheblichem Interesse, aber in Anbetracht dessen, daß die Genizah Gutenberg um beinahe 500 Jahre überlebt hat, kann die große Masse ihres Jnhalts^gar nicht anders als verhältnißmäßig modern sein und daher vollkommen nutzlos für den Paläographen. Ich mußte daher meine Liebe auf die Manuskripte beschränken. Aber , die Zahl der gedruckten Fragmente ist sehr groß, da sie fast, alle während der letzten 400 Jahre in die Genizah gelangten Schriften umfaßt. Den größten Theil der von mir in Kairo zugebrachten Zeit verwendete ich darauf, mich dieser Parvenüs zu entledigen, während jedes Stückchen Papier oder Pergament, das irgend einen Anspruch auf ehrwürdiges Alter erheben konnte, in Säcke verpackt und dem Spediteurs übergeben wurde, um zu Schiff nach England geschickt zu werden. Das war eine keineswegs leichte Aufgabe, da die Genizah sehr dunkel war und dichte Staubwolken entwickelte/ sowie man ihren Inhalt berührte, als ob sie gegen die Störung ihrer Bewohner Verwahrung einlegen. wollte. Und diese Verwahrung läßt sich um so weniger mißachten, als der Staub sich einem in die Kehle, setzt und den Eindringling zu ersticken droht. Ich war daher gezwungen, den Beistand anzunehmen, den mir die Hüter der Genizah anboten, die einige^Erfahrung in solcher Arbeit hatten, durch ihre Beziehungen ^früheren Erwerbungen aus der Genizah (die übrigens wohl eher Räubereien genannt werden sollten). Natürlich weigerten sie sich, Bezahlung für ihre Dienste in baarem Gelde im Betrage von so und so vielen Piastern täglich anzunehmen; dies wäre eine gemeine Art, Geschäfte zu machen, gewesen, zu der kein Hüter einer echten. Genizah, der^Respekt vor sich selber fühlt, sich herablassen würde. Aber umsomehr bestehen die Hüter auf Bakschisch, welcher, außer daß es eine .mit ihrer Würde verträglichere Art der Entschädigung ist, den Vorzug besitzt, daß man ihn auchMr nicht erwiesene Dienste beanspruchen kann.. In der That hatte die gesammte Bevölkerung des Synagogenbezirks beständig irgend welche Ansprüche an meine Freigebigkeit zu erheben — die Männer als würdige Kollegen, die .mit derselben ThätigkeitKder Sichtung des Materials) l wie ich beschäftigt waren, oder^die uns wenigstens bei dieser Arbeit zusahen; die Frauen, weil sie mich ehrfurchtsvoll grüßten, wenn ich hinkam, oder weil sie mir warme Theilnahme bei den Hustenanfällembekundeten, die mir der Staub verursachte. An einem Feiertage wie dei Neumond oder am Vorabend des Sabbath pflegten sie für all diese Freundlichkeiten die sie mirlerwiesen, weit größere Zeichen der Erkenntlichkeit zu erwarten, da es doch nur gerechtfertigt war, daß der Millionär aus dem Westen, etwas von seinem Reichthum zu der Verherrlichung der nächsten Mahlzeit beitrug. All das führte naturgemäß zu erheblichem Feilschen und Schachern, wofür ich durch meine früheren Lebensgewohnheiten erbärmlich schlecht vorbereitet war, und das mich daher nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit kostete. Aber was noch schlimmer war, ich bemerkte nach kurzer Zeit, daß ein gewisser Alterthumshändlerdessen Namen ich hier nicht nennen willgeheime Beziehungen zu der Genizah hatte, die.ihn in die Lage setzten, mir eine ansehnliche Zahl von Fragmenten zum Kaufe anzubieten.^ Meine Beschwerden bei den Behörden der jüdischen. Gemeinde machten diesen Plünderungen ein rasches ' Ende,. aber. nicht, ehe ich einige Guineen geopfert hatte, welche der würdige Mann für eine Anzahl ausgewählter. Fragmente als Bezahlung erhielt, obgleich sie von Rechtswegen mir gehörten, und er unerhörte Preise stellte. Die Zahl der von mir in Sicherheit gebrachten Fragmente beträgt nach meiner Schätzung ungefähr 40000. . , Die genauere Untersuchung derselben ist .erst nach, meiner Rückkehr nach England begonnen. worden, und es wird viel Zeit vergehen, ehe ein vollständiger Bericht über sie möglich sein wird. Hier kann ich nur einige kurze Notizen über ihren allgemeinen Charakter geben, die natürlich mit allem gebührenden.Vorbehalt ausgenommen werden müssen. Das Studium der Thora, welche die Offenbarung Gottes an die Menschheit bedeutet, und die Pflege des Gebets, welches die Offenbarung der Menschheit an Gott enthält, sind die große Leidenschaft des alten Judenthums gewesen, daher bilden die Bibel (das Alte Testament).und die Liturgie den größten Theil des Inhalts der Genizah. Die Bibelmanuskripte entbehren, obgleich sie in Betreff des Textes keine beträchtlichen Abweichungen zeigen, doch nicht gewisser Momente des Interesses. Denn einige Bruchstücke reichen bis ins 10. Jahrhundert zurück und sind daher, wenn auch nur als Schriftproben, von großem Werth. Andere sind mit Randbemerkungen versehen oder mit chaldäischen und arabischen Uebersetzungen vermischt; wieder andere zeigen ein ganz neues System von Schriftzeichen, das sowohl von dem im Orient als von dem im Westen gebräuchlichen abweicht. Hinsichtlich der Apokryphen will ich hier nur auf das Fragment des Originals des Buches Jesus Sirach Hinweisen, das ich am 13. Mai 1896 das Glück hatte, in der Lewis-Gibson'schen Sammlung von Fragmenten-zu entdecken. Die Mittheilungen, welche damals von Mrs. Lewis der Presse über diesen Fund gemacht worden sind, haben weitere Entdeckungen in Oxford herbeigeführt. Nun rühren dieselben zweifellos alle aus einer Genizah her und lassen die Hoffnung gerechtfertigt erscheinen, daß unsere letzten Erwerbungen noch mehr Ueberreste dieser halbheiligen Schriften zutage fördern werdend Was die Liturgie anbelangt, so bietet bie Genizah bie ältesten Formen des Gottesdienstes der Synagoge, und dieselben werfen helles Licht auf die Geschichte des jüdischen Gebetbuches. Die Zahl der in der Genizah gefundenen Hymnen ist auch sehr groß, und sie lehren uns eine ganze Reihe von späteren Psalmendichtern kennen, die bislang unbekannt geblieben sind. Diesen beiden hauptsächlichen Arten zunächst stehen die Fragmente der beiden Talmudwerke (des babylonischen und des jerusalemitischen Talmuds) und der Midraschim (der alten rabbinischen Schrifterklärungen). Diese sindfür den Erforscher der jüdischen Ueberlieferung von der höchsten Bedeutung, da sie nicht nur eine ganz neue Klaffe von Handschriften aufweisen, die dem Autor derVariae Lectiones unbekannt waren, sondern uns auch Theile alter rabbinischer Werke wieder Herstellen, die wir für immerdar verloren geglaubt hatten. Es ist kaum nöthig, zu erwähnen, daß sowohl die Bibel als der Talmud sich von einem - langen Gefolge von Kommentaren und Unterkommentaren begleitet finden, die . sowohl in hebräischer wie in arabischer Sprache verfaßt sind. Es ist die Strafe der Größe, daß sie der Erklärungen und Deutungen bedarf, und die jüdischen maßgebenden Werke sind, diesem Schicksale nicht entgangen. Die Zahl der handschriftlichen Urkunden, die aus der Genizah ans Licht .gebracht worden sind, ist gleichfalls, sehr groß. Sie er-