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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-22 · Heft 43 (22.10.1897) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
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prüfen, ist jetzt so fern, daß auch diese „außenstehenden Werke" durch lange Vernachlässigung demselben Schicksal der Auflösung verfallensind, das den heiligen Büchern durch langen und beständigen Gebrauch bereitet wurde. Außer diesen heiligen und halbheiligen Büchern erwies sich die Genizah als Zufluchtsort für eine Klasse von Schriften, welche nie auf den Rang wirklicher Bücher Anspruch erhoben haben, die aber dessenungeachtet von der größten Wichtigkeit für das Studium der jüdischen Geschichte sind. Wie wir wissen, war der Gebrauch der heiligen Sprache bei den Juden nicht auf die heilige Litteratur beschränkt. Sie war bei ihnen eine lebende Sprache. Sie schrieben ihre Briefe, führten ihre Bücher und Rechnungen und verfaßten ihre Liebes- und Trinklieder darin. Alle Aktenstücke, wie Kontrakte, Pachtverträge, Eheverträge, Scheidebriefe und sowohl die gerichtlichen Verhandlungen, wie die richterlichen Entscheidungen wurden in hebräischer Sprache entworfen oder wenigstens in hebräischer Schrift niedergeschrieben. Und da die Juden allem, was den heiligen Schriften entweder sachlich oder formal ähnelte, eine gewisse Heiligkeit beilegten, so widerstrebte es ihnen, selbst diese weltlichen Aktenstücke als bloßen Unrath zu behandeln und sie entledigten sich ihrer, wenn sie alt und unbrauchbar gewordenwaren, indem sie sie der Genizah überwiesen, in der sie auf Jahrhunderte eine Ruhestätte fanden. So bildet die Genizah der alten jüdischen Gemeinde ein Mittelding zwischen einer Art von ehrwürdiger Rumpelkammer und einer weltlichen Registratur. Eine solche Genizah wollte ich besuchen, als ich Mitte Dezember des vorigen Jahres England verließ. Meine Reiseziel war Kairo. Die Ueberzeugung von der Wichtigkeit seiner Genizah wurde immer stärker bei mir, als ich die verschiedenen Handschriften prüfte, welche ihren Weg aus ihr in englische private und ' öffentliche Bibliotheken gefunden und bereits zu wichtigen Entdeckungen geführt hatten. Ich beschloß daher, zu der Quelle selbst, -von der diese Handschriften kamen, zu pilgern. Mein Plan fand Beifall bei den Autoritäten der Universität Cambridge und warme Unterstützung von Seiten des Professor Sidgwick, des Dr. Donald Mac Allster und besonders bei Dr. Taylor, Direktor des St. Johannes- Kollegiums. Der erleuchteten Großmuth dieses großen Kenners und Beschützers der jüdischen Litteratur verdanke ich es, das; meine Wallfahrt eine förmliche Vergnügungsreise nach Aegypten wurde und sich auch auf das heilige Land erstrecken durfte. Jetzt, wo man die Quellen des Nils zu Rad besucht, läßt sich wenig Neues über Kairo und Alexandria sagen. Die letztere Stadt, wo ich landete, bereitet zumal dem jüdischen Gelehrten eine arge Enttäuschung. Da erinnert ihn nichts an Philo, dessen unbestimmte Grübeleien in seligmachende Glaubenssätze umgewandelt worden sind, nichts an die Männer der Septuaginta, deren Schnitzer sogar jetzt zu Bibelstellen zu werden drohen. Auch ist keine Spur mehr übrig von der Hauptsynagoge, in deren Prachtarchitektur und geschmackvollen Ausstattung die alten Rabbinen einen Ausdruck „der Herrlichkeit Israels" sahen. Auf den ersten Blick, den man auf dem Wege vom Bahnhof nach dem Hotel der Stadt hat, verspricht auch Kairo nicht mehr als Alexandria; hier ist alles, was darauf berechnet ist, die Bedürfnisse des europäischen Touristen zu befriedigen, trostlos modern, und-mir sank der Muth, als ich mir zu Gemüthe führte, daß dies der Ort wäre, von dem man mich mit einer Ausbeute zurück erwartete, deren Alter selbst an unseren ehrwürdigen Sitzen der Wissenschaft Achtung einflößen sollte. Allein-- meine Zuversicht kehrte bald zurücknach einer kurzen Unterredung, die. ich mit Seiner Ehrwürden Aaron Bensimon, dem Großrabbiner von Kairo, hatte, an den ich von dem Herrn Qberrabbiner Dr. Hermann Adler e l war. Bon ihm erfuhr ich sofort, daß das eigentliche Feld meiner Thätigkeit Alt-Kairo sein würde, ein Ort, der alt genug wäre, um selbst einem Einwohner von Cambridge zu imponiren. Ich muß hier bemerken, daß die Genizah, ebenso wie das übrige Eigenthum der Synagoge von Kairo, ihren jeweiligen Rabbinern und Vorstehern gehört. Seiner Ehrwürden Rabbi Aaron Bensimon sowie Herrn Aussaf M. Cattani, dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde, schulde ich daher meinen besten Dank für die Freigebigkeit, mit der sie ihre Schätze zu meiner Verfügung gestellt haben, sowie für bas Jntereffe, das sie für meine Arbeit bekundet, und den Beistand, den sie mir geliehen haben. Ich fuhr in Begleitung des Rabbiners zu jener altehrwürdigen Genizah. Wir ließen unseren Wagen irgendwo in der Nähe der Feste Babylon, von wo der Rabbiner seine Schritte nach der sogenannten Synagoge Esras des Schriftgelehrten lenkte. Diese Synagoge, die in manchen Schriften auch die Namen der Propheten Elias und Jeremias führt, ist alten Chronikenschreibern und Reisenden, wie Makrese, Sambari und Benjamin von Tudela, wohlbekannt. Ich kann hier nicht versuchen, die Legenden wiederzugeben, die sich über sie im Laufe der Zeiten gebildet haben. Ich begnüge mich, zu konstütiren, daß sie ein authentisches Register besitzt, das sich über mehr als .tausend Jahre erstreckt, da sie ursprünglich als koptische Kirche (des heiligen Michael) gedient hat und später, bald nach der Eroberung Aegyptens durch die Muhamedaner, in eine Synagoge umgewandelt worden ist. Seit dieser Zeit ist sie ununterbrochen im Besitze der Juden geblieben. Die Genizah,. welche wahrscheinlich immer einen integrirenden Bestandtheil der Synagoge gebildet hat, liegt jetzt am Ende der Galerie und sieht aus wie ein geräumiges Zimmer ohne Fenster und Thüren. Der Eingang befindet sich auf der Westseite und wird durch ein großes, unförmliches Mauerloch bewerkstelligt, zu deni eine Leiter emporreicht. Nachdem der Rabbiner mich an dem Orte herumgeführt und mir die benachbarten Gebäude oder vielmehr Ruinen gezeigt hatte, machte er mich mit den Synagogendienern bekannt, die zugleich die Hüter der Genizah sind, und ertheilte mir Vollmacht, was und so viel ich wollte, aus ih 'nitzunehmen. Nun hätte . thatsächlich am liebsten alles , mitgenommen. Jedoch war mir immerhin eine gewisse Zurückhaltung auferlegt. Ich habe die gemischte Beschaffenheit der Genizah schon angedeutet. Aber die Unordnung, die in einer solchen echten alten Genizah herrscht, kann sich doch nur Derjenige vorstellen, der sie gesehen hat. Es ist ein Schlachtfeld von Büchern, der Schauplatz einer Schlacht, an der die litterarische Produktion vieler Jahrhunderte theilgenommen hat und ihr ckisjeeta membra sind jetzt über seinen Raum verstreut. Einige von den Kämpfern sind ganz und gar zu Grunde gegangen und sind buchstäblich zu Staub zermahlen worden in dem furchtbaren Kampfe um Platz, während andere, wie wenn sie von einem allgemeinen Gedränge überrascht worden wären, in große formlose Klumpen zusammengequetscht worden sind, die selbst bei Aufwendung von chemischen Hilfsmitteln nicht mehr von einander gelöst werden können, ohne daß ihre Bestandtheile ernstlich beschädigt werden. In ihrem gegenwärtigen Zustande bilden diese Klumpen manchmal Verbindungen, die zu recht seltsamen Gedanken anregen; so z. B. wenn man ein Stück eines rationalistischen Werkes, in dem die Existenz von Engeln und Teufeln kurzweg geleugnet wird, mit .der äußersten Zähigkeit an einem Amulet festkleben findet, in welchem dieselben überirdischen Wesen (und ganz besonders die letzteren) zu gutem Betragen verpflichtet werden, damit ffie nicht Fräulein Aairs Liebe zu irgend Jemandem ins Gehege kommen.

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