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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-22 · Heft 43 (22.10.1897) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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Daß diese durch Jahrhunderte lange Anpassung erworbene Fähigkeit durchaus nicht auf die Juden und Semiten beschränkt ist, weist Leroy-Beaulieu dann an . den arischen Armeniern und Parsis, den Abkömmlingen der alten Perser, nach, die durch analoge Verhältnisse eine solche Gewandtheit in den Geschäften gewonnen haben, daß die Juden den Armeniern gegenüber nicht konkurrenzfähig sind, und daß ein orientalisches Sprichwort sagt, es bedürfe dreier Juden, um einen Armenier zu betrügen." Auch an näherliegenden Beispielen fehlt es nicht dafür, daß die Juden nicht immer Sieger auf dem Gebiete des Handels find. „Es ist ein antisemitisches Vorurtheil, daß die größten Vermögen in den Händen der Juden find. Die 10 bis 12 größten Vermögen der Erde scheinen in den Vereinigten Staaten zu existiren. Unter diesen Geldfürsten, Eisenbahn-, Silber-, Baumwoll-, Petroleumkönigen, auf welche die Amerikaner so stolz find, ist nicht ein einziger Jude. Und doch sind die Juden zahlreich in den Vereinigten Staaten, weit zahlreicher als in Frankreich. Sie genießen volle bürgerliche und politische Freiheit, und viele besitzen große Reichthümer; Keinem aber ist es gelungen, sich ans den ersten Platz zu schwingen. Als Beweis erzählt Leröy-Beäulieu ein Geschichtchen von einem Bürgermeister in Brooklyn, der gelegentlich der Einweihung eines jüdischen Hospitals sagte: „Seien Sie nicht allzu stolz!. Sie glauben vielleicht, daß Sie das Volk sind, das am begabtesten dafür ist, Dollars zu erwerben, lassen Sie diese Täuschung fahren! Im Geldmachen ist Ihnen der Iankee über." Auch in England, das gleich nach Amerika den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen kann, die größten Vermögen zu besitzen, sind höchstens ein öder zwei Juden unter den größten Kapitalisten, ebenso hat Frankreich, außer den Rothschilds, hauptsächlich christliche, und zwar protestantische Finauzmänner. So ungerecht es ist , das Bankgeschäft als entbehrlich und verächtlich zu I beschimpfen, so unsinnig es ist, alle Bankiers , als Börsenwucherer und Gauner anzusehen, so unwahr ist es, daß die Juden nur im Bankwesen etwas leisten. Woher kämen sonst die Klagen'.darüber, daß sie alle liberalen Berufe an sich reißen und erfolgreich betreiben? „Gerade daß der Jude sich in unserem Zeitalter des allgemeinen Wettbewerbs auf allen Gebieten als ein furchtbarer Konkurrent gezeigt hat. verzeiht man ihm am wenigsten. Der Antisemitismus verfällt hier in eine Art Schutzzöllnerei sui generis. Er verfolgt im Juden den begabten Konkurrenten, er haßt ihn fast ebenso sehr um seiner Tugenden als seiner Laster willen." Daß die Juden besonders als Philologen Ausgezeichnetes leisten, sucht Leroy-Beaulieu wiederum aus ihrem vielhundertjährigen Talmudstudium zu erklären, aber das hindert ihn nicht, zuzugeben, daß die Juden . unleugbar für geistige Thätigkeit hervorragend begabt sind. Und er fügt hinzu: „Wollen wir sie außerhalb dvr Gesetze stellen,- weil wir ihre Ueberlegenheit fürchten?" Denn das ist ihm an der antisemitischen Bewegung vor allem widerwärtig, da empört sein französisch-arisches Blut sich gegen den Antisemitismus, daß er ein Bekenntniß der Inferiorität einschließt. „Mag der Slave, oder der Rumäne die Bescheidenheit besitzen, daß er sich für unfähig erklärt, die Nebenbuhlerschaft der Juden auszuhalten. Ich. halte mich nicht für geringer als sie; ich glaube, wir können Ihnen bie: Spitze bieten. Und, um mich sowohl gegen die Semiten wie gegen jedes andere Volk zu behaupten,, verlange ich vom Gesetze nur eins,, nämlich Gleichheit für Alle." . Mit diesem Appell an den französischen Stolz hat Leroy- Beaulieu die Erörterung der gegen die Juden vorgebrachten Beschwerden erschöpft, ohne, wie schon erwähnt, etwas Wesentliches für ihre Berechtigung gefunden zu haben. Er wendet sich nun zu den Ergebnissen oder vielmehr den Gefahren des Antisemitismus. „Durch die fortwährende Hetze gegen die Kapitalisten und Finanzleute arbeitet der Antisemitismus nicht nur der Sozialdemokratie in die Hände, sondern er wirkt geradezu im Sinne der Anarchisten. Die antisemitische Presse ruft gegen die durch sie außerhalb des Gesetzes gestellten Juden zur Vermögenseinziehung, zur Plünderung auf, kurz, zu dem, was sie Volksjustiz nennt." " Er giebt seinen Hörern zu erwägen, ob die Pöbelhaufen, mit welchen die antisemitischen Agitatoren gegen die Häuser der jüdischen Bankiers anstürmen wollen, vor den Besitzthümern der Christen Halt machen würden, selbst wenn sie ihre Pforten mit Christus- und Heiligenbildern zu schützen suchten, Wer daher in der Sozialdeniokratie. und im Anarchismus eine Gefahr für das Vaterland erkennt und bekämpfe, müsse auch gegen den Antisemitismus Front machen, denn „der Antisemitismus zielt dahin, eine Art Sozialismus 8ui A6nei'l8, ein Sozialismus der Rechten zu werden, der,' unter unbestimmten christlichen Formen verkleidet, nichts Christliches als diese Maske hat und, er mag wollen oder nicht, zum Besten des anderen Sozialismus arbeitet, des atheistischen Sozialismus, des. revolutionären Sozialismus." Die Antisemiten, welche diese Konsequenzen aus ihrem Vorgehen gegen die Juden nicht ziehen mögen, müßten nun, so meint Leroy-Beaulieu, irgend eine andere praktische Lösung der Antisemitenfrage Vorschlägen. Selbst wenn man sich auf ihren Standpunkt stellte und ihre Beschwerden gelten ließe, wäre eine Besprechung derselben werthlos,, sowie sich diese praktische Lösung nicht finden läßt. - Nun, der Antisemitismus hat sogar zwei Heilmittel gefunden, nämlich erstens Ausnahmegesetze und zweitens die Verbannung. Wie aber steht es um die Zweckmäßigkeit dieser Mittel? Leroy- Beaulieu. hat die Ausnahmegesetze in Rußland, wo sie ja noch heutigen Tages fortbestehen, in ihren Erfolgen beobachten und prüfen können und bekennt, daß sie, anstatt dem Lande und der Bevölkerung zu nützen, sie in der traurigsten Weise geschädigt haben. Der Haß zwischen Juden und Christen ist durch sie noch verschärft, die Armuth des Landes nur gesteigert worden. Sind derartige Gesetze im autokratischen Rußland schon von mehr als zweifelhaftem Werthe, so hält Leroy-Beaulieu sie in einem demokratisch regierten Lande wie Frankreich überhaupt nicht für anwendbar. „Ausnahmegesetze waren, mit dem Geist und den Sitten des Mittelalters vereinbar, mit den Ueberlieferungen und der Gesetzgebung des ^neien regime. — Aber können wir sie von ben' Ideen, den Sitten, den sozialen Bedingungen loslösen, deren BestandtheilLsie bildeten, um sie isolirt in einer ganz anderen Umgebung wiederherzustellen? — In jener Zeit hatten Ausnahmegesetze gar ^nichts von einer Ausnahme an sich, da war. alles Privilegium und Ausnahme- Privilegium für die Einen und Ausnahmen für die Anderen. Man hatte noch nicht den Begriff des gemeinen Rechts, der verhältnißmäßig neu ist, nach welchem der Westen erst seit der .französischen Revolution lebt. Der Begriff des gemeinen: Rechts ist modern, ist französischen Ursprungs, und in unsere Gesetzbücher, die von diesem Grundsatz des gemeinen Rechts beherrscht sind, wirdZman schwerlich Ausnahmegesetze, die einem anderen. Zeitalter nachgeahmt-sind, ausnehmen können." - Eine weitere Schwierigkeit aber findet Leroy- Beaulieu bei der etwaigen Durchführung solcher Gesetze. Da der. M

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