Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Die Msche. fBerlsin. 20. Oktober, je 'Irere .MaÄitjich^-PerelKigünO Hüsi. nunmehr die' Ein-" ladungen' zA K o n fe r enz' be tuffemd i nne re' Ko lo n i- . sütion ergehen lassen. Es heißt in dieser' Einladung'- Jeder Mann israelitischer Herkunft, gleichviel welche weltpolitischen,^ nationalen, religiösen Anschauungen er hege, welcher Partei er angehöre, muß sich in seinem Ehrbewußtsein tief berührt fühlen, , daß wir im öffentlichen Leben und ebenso im bürgerlichen Verkehr von einer allgemeinen sozialen Würdigung der Juden noch weit entfernt sind. Was immer für Beweggründe und Umstände geschichtlicher und., subjektiver Natur hierbei Mitwirken, so läßt sich nicht verkennen, daß die Beschränkung der Mehrzahl der Israeliten auf bestimmte Berufs¬ und Erwerbszweige, ihre viele Jahrhunderte hindurch gewaltsam herbeigeführte Entfremdung von den wichtigsten Beschäftigungen zum wesentlichen Theile die Veranlassung dazu ist. Bor allen Dingen bleibt die Kluft unausgesüllt, die dadurch vorhanden ist, daß in der wirtschaftlichen Hauptrhätigkeit, der Bodenkultur, der israelitische Volkstheil nur wenig auftritt. Die Ueberführung einer größeren Anzahl . geeigneter jüdischer Elemente zum Ackerbau, der Obstkultur, Gärtnerei u. s. w. erscheint^ von recht vielen Gesichtspunkten aus als patriotische Pflicht der Beseitigung ethischer, sozialer, wirthschaftlicher Gegensätze zwischen Nichtjuden und Juden. In allen diesen Beziehungen wird sie sich als vortheilhaft erweisen. Die Angelegenheit ist in mehreren Drucksachen behandelt worden, so u. A. von Alphonse Levy (Die Erziehung der jüdischen Jugend zum- Handwerk und zur Bodenkultur), Gustav Tuch (Innere Kolonisation). Mehrere große jüdische Vereinigungen und eine Anzahl mil der Sache vertrauter Personen haben sich nun in dem Bestreben der Förderung der Land-Seßhaftmachung deutscher Israeliten auf vaterländischem Boden derartig zusammengefunden, daß sich die Zusc. enkunft hervorragender Männer, die für die Sache ihrer Stamm genossen im Allgemeinen, für ihre soziale Stellung, sowie ihr Verhältnis zur Landwirthschaft im Besonderen Herz und Sinn haben, als dringendes Bedürfniß ergiebt. Die Konferenz findet am 24. d. M., Morgens 10 Uhr, in den Räumender Berliner Logen U. O. B. B., Wilhelmstraße 118, statt. Die Tagesordnung ist zunächst wie folgt festgesetzt: Die Betheiligung der deutschen Juden an der heimischen Landwirthschaft von statistischen, wirthschaftlichen,- sozialen, ethischen Gesichtspunkten betrachtet; Zweckmäßigkeit und Mittel der Vermehrung von Siedelungen; Art und Form der Siedelungen; Erziehung der Jugend zur Bodenbewirthschaftung; Organisation einer Bewegung für innere Kolonisation. Das Komitee besteht aus folgenden Herren: Dr. Max Cohen, Rechtsanwalt, Hamburg. Chs. L. Hallgarten, Frankfurt a. M. G. Heinemann, Rechtsanwalt, Hannover. Alphons Jacobson, Leipzig. Dr. Jul. Kahn, Rechtsanwalt, München.. Eug. Rosen stiel Berlin. A. M. Simon. Hannover. Gustav Tuch, Hamburg. Jos. Wisloch, Frankfurt a. M. . Im Anschluß cm unseren heutigen Leitartikel möchten wir. uns hier noch die folgenden Bemerkungen erlauben: Es versteht sich vonselbst, daß unsere Mahnung, überall neue Litteraturvereine zu begründen, wo solche noch nicht bestehen, sich zwar vornehmlich, aber nicht ausschließlich an unsere Rabbiner und Gemeindevorsteher wendet. Sie richtet sich vielmehr an Alle., die Sinn und Herz haben für das Judenthum, und die die Sorge um die Zukunft desselben bewegt.Möge Jeder in seinem Kreise für diesen Zweck wirken. Das Beispiel der bereits bestehenden Vereine — es. sind, deren schon mehr als 80 in allen Theilen Deutschlands — kann für alle Neugründungen lehrreich und ermuthigend sein. Die Leitung des Verbandes der jüdischen Litteraturvereine ist selbstverständlich gern bereit, allen Denen, welche in ihren Gemeinden einen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur begründen wollen, mit Rath und That an die Hand zu gehen, -und wir bitten, sich in allen solchen Fällen an den Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Dr. Gustav Karpeles, Berlin/'W., Kurfürstenstraße 21, zu wenden. v ,, : * . ■) , V Nur mit tiefer Beschämung kann -jeder glüubenstreue .Jude die -iMaöhricht.lesend daß die^sintho lischt Volkspärtei im österreichischen Reich sra'th eine Interpellation in Sachen des jüdischen Religionsunterrichts eingebracht hat! Diese Interpellation hat folgenden Wortlaut: „Es ist eine Thatsache, daß alljährlich an mehreren Gymnasien, insbesondere auch in Wien, Schüler mosaischer Konfession, sobald sie das vierzehnte Lebensjahr erreicht haben, von der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Befugniß, sich für konfessionslos zu erklären, Gebrauch machen. Das Motiv, welches diese Knaben hierzu verleitet, ist fast ausnahmslos die ihrer Trägheit schmeichelnde Aussicht, von einem der Lehrgegenstände ihrer Unterrichtsanstalt befreit zu werden. In Erwägung nun, daß der Organisationsentwurf den Religionsunterricht als einen obligaten Gegenstand vorschreibt;. in Erwägung, daß ein Dispens aus einem obligaten Lehrgegenstande an Mittelschulen gesetzlich unzulässig ist; sin Erwägung endlich, daß dieses muthwillige Vorgehen unreifer Jungen ihnen eine gesetzwidrige Erleichterung einträgt, auf ihre Mitschüler aber in dem Sinne demoralisirend wirken muß, daß unter ihnen die Meinung auftaucht, die Religionslehre sei ein Gegenstand von nebensächlicher Bedeutung, und auf die Lossagung von einer Konfession sei gewissermaßen eine Prämie gesetzt, richten die Unterfertigten, in der berechtigten Erwartung einer baldigen und erschöpfenden Beantwortung, an Seine Exzellenz den Herrn Minister für Kultus und Unterricht die Anfrage: „ „Was gedenkt die Unterrichtsverwaltung gegenüber einer derartigen, keineswegs vereinzelt vorkommenden Verletzung der geltenden Schulorganisation und Gefährdung der religiösen Anschauungen der studirenden Jugend vorzukehren?" " Und was nun das Schlimmste ist: Die jüdische Presse Wiens konstatirt übereinstimmend mit tiefem Bedauern, „daß die Thatsache, von welcher die Interpellation spricht, leider richtig ist, daß wirklich alljährlich eine Anzahl unreifer jüdischer Knaben von dem durch das Gesetz eingeräumten Rechte Gebrauch macht und sich — allerdings nicht blos aus dem von den Interpellanten angegebenen Grunde — konfessionslos erklärt". Für so schlimm haben wir die Wiener Verhältnisse allerdings nicht gehalten. Und das geschieht in dem Lande, wo der jüdische Religionsunterricht seit mehr als zwanzig Jahren obligatorisch ist. Fürwahr, die Perspektive ist eine entsetzliche! . * In der englischen Presse spielt die Judenfrage jetzt eine große Rolle, und die meisten angesehenen Zeitschriften brachten Artikel über die gegenwärtige Situation der Juden und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Aus der Masse ragt hervor ein Aufsatz von Arnold White in der Pall Mall Gazette, in dem er die traurige Lage der Juden in allen Ländern des Ostens schildert. Aus eigener Allschaliung kennt er die Zllstände in Rußland, und er nimmt die düstersten Farben voll seiner Palette, um die Noth und das Elend der russischen Juden zu schildern. Pobedonoszew, der große Haman Rußlands, hat White selbst gesagt, daß man in den Regierungskreisen das furchtbare Loos der in den Ansiedelungsrayon eingepferchten Juden kenne und eine weitere Verschlimmerling für den kommenden Winter erwarte. Rathlos steht die Negierung, die ihre einschränkenden Gesetze nicht aufheben will, vor dieser Noth; die Auswanderung ist immer geringer geworden, seit Amerika seine Thore verschließt, und dabei findet eine natürliche Vermehrung unter den russischen Juden statt, die alles bisher Dagewesene bei anderen Völkern in den Schatten stellt. Auch in Rumänien, in Galizien, in Asten und Afrika sind die Zustände gleich traurig, und in