Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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vv>' >r^ r < '!"' •?t-^v. * ., f-f *~ „> iv- - - - < ,1 ' ——' 2 —— - Gönner des Handwerks, bei Vergebung von Arbeiten sich vertrauensvoll an den Unterzeichneten Vorstand des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens zu wenden. Ebenso sollte jeder selbständige Handwerker nicht versäumen, sich unserem Verein anzuschließen, um mit dem-! selben sowohl die Interessen des jüdischen Handwerkers zu vertreten, als auch die Bortheile, welche derselbe seinen Mitgliedern zu bieten im Stande ist, genießen zu können Hochachtungsvoll Der Vorstand des' Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens." Die Geschäftsstelle des Vereins befindet sich 6., Grenadierstraße 17, Vorsitzender ist Herr S. Joseph. L2 Berlin, 10. Oktober. Die neueste Entdeckung der Antisemiten ist eine jüdische Verbrecherkneipe in Berlin. In Nr. 40 der Zeitschrift „Daheim" wurde ein Artikel: „Ein Blick auf bte; moderne Verbrechersprache" veröffentlicht, welcher die mehr als seltsame Behauptung enthielt, daß unter den etwa 30 Verbrecherlokalen Berlins' sich ein solches befinde, welches ein streng jüdisches Restaurant sei. Bonder Unwahrheit dieser Behauptung überzeugt, hat der Centralverein jüdischer Staatsbürger die Redaktion des „Daheim" ersucht, den Ver-' faffcr dieses Artikels zu veranlassen, die Adresse der angeblichen „jüdischen Verbrecherkneipe" gefälligst mitzutheilen. Die Redaktion lehnte dies mit der Bemerkung ab, „daß man sich dieserhalh an die Kriminalpolizei wenden müßte." Auf eine sodann an das königliche Polizei-Präsidium gerichtete Eingabe erhielt der Central-Verein folgenden Bescheid: „Auf den Antrag vom 21. August d. I. benachrichtige ich den Verein ergebenst, daß ich keine Veranlassung finde, Nachforschungen darüber anstellen zu lassen, ob unter den zahlreichen Schanklokalen, in denen vorzugsweise bestrafte Personen verkehren, sich ein solches befindet, dessen Inhaber jüdischen Glaubens ist. v. Windheim." Die ganze Geschichte ist sicher nur in der durch antisemitische Ideen entzündeten Phantasie des Gewährsmannes des „Daheim" entstanden Berlin. 13. Oktober. Am 10. d. ist hier Frau Dr. Bertha Hirschfeld, die Wittwe des durch seine gelehrten Werke noch im besten Andenken stehenden ehemaligen Rabbiners Dr. H. S. Hirschseld in Gleiwitz, nach kurzem Krankenlager im 76. Lebensjahre gestorben. Die' Verewigte war eine Tochter von Rabb. Salomon Eiger, eine Enkelin R. Akiba Eigers. Sie war eine streng fromme, aber auch hochgebildete und feinfühlige Frau, die lebhaften Antheil nahm an allen Angelegenheiten des JudeNthums und auch für alle Fragen des Bildungslebens tieferes Interesse zeigte. Ihre Humanität, ihr Wohlthätigkeitssinn —. in Gleiwitz gehörte sie auch dem Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins an — machten sie überall bekannt und beliebt. So wird ihr Name auch unvergeßlich fortleben in dem Kreise, den sie durch ihr wahrhaft vorbildliches Leben so reich ausgefüllt hat. Friede dem Andenken der edlen Frau! Gleiwitz, 8. Oktober. Am 4. d. fand eine Gedächtnißfeier für Herrn Sänitätsrath Dr. Freund statt. Zu derselben hatte sich eine große Versammlung eingefunden. Wir bemerkten unter den Anwesenden Herrn Landrath Schroeter, Oberbürgermeister Kreidel, Stadtverordneten-Vorsteher Neumann und andere Vertreter aus Kreis - und Kommune. Ebenso war das Vorstands- und Repräsentanten-- Kollegium der hiesigen jüdischen Gemeinde, Rabbiner Dr. Cohn aus Kattowitz, Gerichtsrath Levy aus Beuthen, Sanitätsrath Graetzer aus Groß-Strehlitz mit zahlreichen Depntirten auswärtiger Gemeinden erschienen. Die trauernde Familie des Entschlafenen hatte vor seinem Erbbegräbniß Platz genommen. Rabbiner Dr. Münz eröffnet« die Feier mit der Verlesung des Psalms 90: „Herr, Zuflucht bist Du uns - gewesen von Geschlecht zu Geschlecht!" Hierauf trug Kantor Bachrach, assistirt vom Chordirigenten Fleischer und dem Synagogenchor ein.< ergreifendes Recitativ vor. Der nun folgenden Gedächtnißrede legte Herr Dr. Münz den Text zu Grunde: „Beobachte den Frommen, betrachte den Rechtschaffenen, denn die Zukunft des Mannes ist der Frieden!" Zunächst erinnerte der Redner an die alte, fromme Ueber-: lieferung, die von einem Propheten erzählt, daß er einst zu den Gräbern der Patriarchen hinauswallte und schmerzersüllt ausrief: „O, ihr , theueren Gebeine, wie liegt ihr hier in sanfter Todesruh!" So sind auch wir heute hinausgewallt zu dem Grabe eines Mannes, der wie ein Patriarch in unserer Stadt wirkte,, und weihen ihm ein treues und liebevolles Gedenken. Es gedenken die Kinder ihres Vaters, und ihren zitternden 'Lippen entringt sich das Wort: „Wahrlich, das Ende unseres theueren Vaters ist der Friede!" Seine Mitbürger und Mitarbeiter an der allgemeinen Wohlfahrt, seine Glaubensgemeinde und der Verband dieser Gemeinden in unserem heimathlichen Bezirk gedenken sein in inniger Verehrung und sprechen: „Das Ende dieses Mannes ist der Friede!" Ter Engel der Milde und Barmherzigkeit, der Engel, der den menschenfreundlichen Arzt begleitet, wenn er in das düstere Krankenzimmer tritt, schwebt hier über diesem Grabe mit dem Thränenkruge in der Linken und der Friedenspalme in der Rechten — denn die Zukunft des hier Ruhenden, ist Friede und Seligkeit. Aber nicht Trauer allein soll uns hier an diesem Grabe erfüllen. Beweinenswerth sind nur die Menschen, die auf ein verlorenes Leben zurückblicken; glücklich zu preisen ist der Mann, der seine Lebensaufgabe erfüllt hat. Die sündhaften, hartherzigen Männer werden schon zu Lebzeiten als todt bezeichnet; ihr Sinn ist zu, ihr Herz ist todt, sie leben nicht, sie vegetiren. Aber die edlen, gemeinnützigen Menschen führen ein volles, menschenwürdiges Dasein, und noch nach ihrem Tode lebt ihr Name zum Segen fort. So hat der Entschlafene gelebt in des Wortes edler Bedeutung. Nach Schluß dieser weihevollen Rede verlas Rabbiner Dr. Münz das Seelengebet für den Heimgegangenen. Ein ergreifender Choral beendete die denkwürdige Gedächtnißfeier. B. L. Luckenwalde, 7. Oktober. Am 4. d. wurde die neu erbaute Synagoge in feierlicher Weise eingeweiht, und die jüdische Gemeinde Luckenwalde, die nur aus einigen zwanzig Familien besteht kann stolz sein auf das. was sie geleistet hat. Das neue Gotteshaus ist geschmackvoll im Aeußeren wie im Inneren, und alles ist so zweckentsprechend eingerichtet, daß der Erbauer, Herr Regierungsbaumeister Gerstenberg aus Berlin, das wärmste Lob verdient. Die Backstein- Fassade des Gotteshauses ist ebenso wie der Bau im Inneren einfach > und gediegen, und der Gebetraum, im mittelalterlichen Stil gehalten,, durch Oberlicht und zwei bunte Seitenfenster erleuchtet, macht einen, prächtigen Eindruck. Zur Einweihung erschienen der Bürgermeister von. Luckenwalde, Herr Suchsland, eine Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten, der katholische Geistliche und fast sämmtliche Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit ihren Frauen und Kindern. Um drei Uhr nahm die Feier ihren Anfang. Fräulein Johanna Herrmann, trug ein schwungvolles Gedicht mit großer Empfindung vor und überreichte den Schlüssel zur Synagoge dem Baumeister. Dieser übergabdenselben mit einigen kernigen Segenswünschen dem Vorsteher der Gemeinde, Herrn Max Schlesinger, und dieser händigte ihn dem Herrn Rabbiner Dr. Weisse aus Berlin ein. Nachdem von Letzterem mit feierlichen Worten die Pforte geöffnet wurde, betrat die Gemeinde unter Vorantragung von vier Thorarollen das mit Guirlanden reich geschmückte, hell erleuchtete Gotteshaus. Der Chor der Berliner Neuen Synagoge sang unter Leitung seines Direktors Herrn Kellermann mächtigergreifend: „Wie schön sind Deine Zelte, Jakob!" und Herr Kantor Kahn reeitirte dann mit wohltönender Stimme das „Schema". — Nachdem Herr Rabbiner Dr. Weisse unter Segensspruch die ewige Lampe entzündet hatte, wurde die heilige Lade geöffnet, und die Thorarollen wurden unter dem Gesänge des Chors hineingestellt. Rabbiner Dr. Weisse bestieg sodann die Kanzel und hielt unter Zugrundelegung des Textes: „Recht thun, Liebe üben, in Demuth wandeln vor Deinem Gott", eine erhebende und alle Anwesenden tief ergreifende Predigt. Zum Schluffe weihte er das neue Gotteshaus mit innigen, zu Herzen gehenden Worten ein und sprach noch das Gebet für den Kaiser und die Gemeinde. Mit dem Gesang des Hallelujah — dem 150 Psalm — endete die Feier der Einweihung. Ein Festmahl im Schützenhause vereinigte die Mitglieder der Gemeinde und ihre Gäste. Auch Rabbiner Dr. Weisse und der katholische Pfarrer Eilers nahmen an dem Festessen Theil. Dr. Hoffnung eröffnete die Reihe der Trinksprüche mit dem Hoch aus den Kaiser, und der Vorsteher 'der Gemeinde, Herr Max Schlesinger, begrüßte die Gäste mit herzlichen Wörtern Im , Namen derselben dankte Herr Benas Levy aus Berlin, indem er auf die jüdische Gemeinde Luckenwalde und deren Mitglieder ein Hoch ausbrachte. Es sprachen dann noch Herr Pariser, Regierungsbaumeister Gerstenberg, Rabbiner Dr. Weisse und viele Andere. Die Reihe der Trinksprüche schloß Herr Scholem Herrmann mit einem geistvollen Toast: auf die Damen. Mit einem fröhlichen Tanz schloß die Feier, die allen Denjenigen, die daran Theil genommen haben, noch lange in Erinnerung bleiben wird, denn das Fest war wohl gelungen, weihevoll und erhebend.