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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-15 · Heft 42 (15.10.1897) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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Da verhallte der erhabene Gesang, die Priester und die Leviten zogen sich zurück, die Posaune ertönte zum letzten Mal, ein Zeichen zum Aufbruch; da beugte sich alles Volk tief zur Erde und zog hinab nach Jerusalem, jeder Bürger mit den Freunden, die er gastfreundlich ausgenommen hatte, und so auch Nathanaja mit den Verwandten ihrer Mutter, die ein Benjamite ausgenommen hatte in sein Haus, sie und alle die Ihrigen. Als des Morgens darauf die Sonne aufging und mit dem Purpur der Morgenröthe die Anhöhe Zion umgab, so daß die stattliche Königsburg im Feuerschimmer glänzte, da gedachte Nathauaja ihres Wortes und machte sich rüstig auf. Sie wollte schnell mit eilendem Fuße vor den König treten, denn sie kannte den Brauch am Hofe des Königs nicht. Kaum hatte die Posaune das tägliche Morgenopfer verkündet, kaum waren die Straßen lebendig, da schritt sie leichten Fußes dahin durch die Straßen der Tochter Zions (so wird der Theil der Stadt genannt, der zur Mitternachtsseite vom Berge Zion im Thal liegt), blickte aber dabei stets hin nach der Burg, damit sie bei der Menge der Straßen den. rechten Weg nicht verfehlen möchte. Auch konnte sie sich nicht enthalten, bald hier, bald dort ein wenig stehen zu bleiben, um in die blinkenden Läden zu schauen, in welchen Geräthe von Gold und Silber und köstliche Prachtgewänder von Purpur und Byffus schimmerten, staunte auch gar sehr über die Frauen und Mädchen, die in einer Pracht einhergingen, welche die arme, tugendhafte Nathanaja sich nie hätte vorstellen können. Den Kopf zierten netzförmig gewebte Hauben mit Gold durchwirkt, die das schwarze Haar durchscheinen ließen; ja manche trugen sogar Diademe von kostbaren Steinen im Haar, von Schoham, Onyx, Saphir und Jaspis, Edelsteinen des fernen Hodu/) künstlich in Gold gefaßt. Ein leichter Schleier, Raal genannt, ließ die Schminke der Wangen und der Augenbrauen sehen, ein Schrecken für die fromme Nathanaja. So gingen sie daher mit steifem Nacken und lockten mit den Füßen; diese waren geziert mit Spangen von gediegenem Golde und mit klingenden Kettlein. Das Kleid war mit Flitter und Schnüren geziert, an goldenen Ketten trugen sie an dem entblößten Hals Balsambüchschen, gefüllt mit den. kostbarsten Spezereien, die wohlduftend schon von fern ihr Kommen verriethen. „Schön sind sie, das iss wahr," dachte Nathanaja, „und prachtvoll gekleidet, aber ich möchte doch nicht so einhergehen." Auch die Jünglinge dufteten von Salben und köstlichem Oele, und auch das wollte ihr nicht gefallen. Schon hatte Nathanaja sich der Burg genähert, da fiel es ihr schwer aufs Herz, daß sie im Eifer für den armen Beuoni vergessen hatte, erst dem Herrn ihr Weniges darzubringen. Mit Mühe nur fand sie das Haus ihres Gastfreundes wieder, nahm ihre Täubchen und beschleunigte ihre Schritte dem Tempelberge zu. wandte sich dann schleunigst, ven entgegengesetzten Weg einschlagend, war bald am Eingänge des Tempels und ging durch die weit aufstehende eherne Pforte, von der geschrieben steht: dies ist die Pforte des Herrn, Gerechte gehen da hinein. Sie trat dann in den äußersten Vorhof und ging in die Thüre zur Rechten, die zur zweiten Galerie führte, denn die erste war für die Fremden. Hoch gewölbt war die Halle, belegt mit köstlichem Holze der Zeder. Das Haus hatte hohe 'Fenster, von weißer, durchsichtiger Masse, eine Erfindung kunstreicher Phönizier. Nathanaja sah durch die Fenster ins Heiligthum und starrte, geblendet von der Pracht. Das Heiligthum war mit gediegenem Golde belegt, nirgends ein Steinchen zu sehen. Da öffneten die Priester die Flügelthüren von Oelbaumholz, und sie Hodu, Hindu, Indien. sah den Dienst im Tempel. In heiligem Gewände stand der Hohepriester am Altar, -und es leuchteten die zwölf Steine des Brustschilds, der Sitz der heiligen Urim und Thummim; der Rauch des Opferaltars stieg hoch auf zum Herrn; andächtig diente der.Priester heilige Schaar, kein Laut ward gehört. Stille, die Nähe Jehovas, verkündend, lag auf dem Hause; tief im Hintergründe erblickte man den Vorhang, der von dem Heiligen trennte das Allerheiligste, wo der Ewige, Jehova, auf den Flügeln der Cherubim thront. Nathanaja legte andächtig die Hände auf die Brust, knieete nieder, warf sich hin aufs Angesicht und konnte nicht beten, denn sie erzitterte, sie bebte ob der Nähe Gottes, wagte es nicht, aufzuschauen, aber Thränen erleichterten ihr Herz. Schon waren die Opfer beendigt, und die Priester hatten die heilige Kleidung abgelegt, und Niemand blieb mehr im Hause, da gewahrte der Hohepriester das weinende Mädchen im Staube, nahete sich ihr und fragte sie mit liebreichen Worten: „Was ist Dir, meine Tochter?" Sie aber antwortete, sich langsam aufrichtend: „Ich betrete heute zum ersten Male diese Schwelle." Er erwiederte: „Gott gewähre Dir Deine Bitte,. meine Tochter." Sie aber gab ihm die Tauben und sprach : „Ach, Herr, es ist kein Priester mehr da, so bringe Du sie dar zum Opfer, Gesalbter Jehovas." Er nahm sie von ihren Händen und fragte sie sanft lächelnd : „Für wen opferst Du sie denn, , mein Kind, und was ist Dein Begehren vom Herrn?" Nathanaja erröthete tief und erwiederte schüchtern: „Ach, Herr, zu gering ist ja die Rede Deiner Magd, als daß ich dem Gesalbten Gottes es erzählen sollte." Doch er erwiederte ernst: „Nicht doch, meine Tochter, nicht doch, bist Du doch eine Tochter aus Jehuda, und nur Jehova ist Dein Herr, so wie! der meine. Stehe auf, nicht ziemt es der freien Jungfrau, im Staub zu liegen vor Menschen, sondern nur vor Gott allein." Und die sittige Jungfrau erwiederte dagegen: „Ich kniee nicht vor Dir, sondern vor dem Thummiu auf Deinem Brustschilde." Sie erzählte ihm darauf alles, was sie nach Jerusalem geführt, und verhehlte auch nicht das Geringste, selbst nicht, wie' der Jüngling sie errettet von dem reißenden Löwen und sie siich liebten. Doch Jener ward ernster und sprach: „Tochter, Du scheinst gottesfürchtig zu sein, fo, höre, was zu Dir spricht der Priester Jehovas: Hebe Dein Aug' nicht auf zu jenem Jüngling, wie trefflich er auch sein mag, denn ich glaube zu errathen, wer es ist. Dieser Mann ist nicht für Dich bestimmt, meine Tochter, denn er gehört zu den Gewaltigen in Israel." Das Mägdlein aber verbeugte sich tief vor dem Gesalbten Gottes und schwieg eine Zeit. „Ich muß eilen, den König zu sprechen," sägte sie hierauf, denn tief hatten sie die Worte des Priesters verwundet, „hoch steht schon die Sonne am Himmel." Da segnete sie der Priester, und sie ging. Jenseits schimmerte, stolz die Stirne bietend, die Davidsburg, das Haus des irdischen Herrschers. Bewundernd schritt Nathanaja über die Querschlucht auf der Marmorbrücke, einem Meisterwerke der Baukunst, nachdem sie die Vorterrasse, den Versammlungsplatz der Gläubigen, verlassen. Vor ihr prangte in nie geträumter Pracht der Cedernpalast der Könige von Juda. Aber es rührte die Jungfrau nicht Glanz noch Pracht der irdischen Größe, denn sie kam aus dem Heiligthume des Thronenden in Israel. Nachdenkend wandelte sie dahin, als der Zuruf der Wächter sie. aufschreckte, und ein glänzender Zug an ihr vorüberzog. Mohren, mit bloßem Haupte, als Kennzeichen der Sklaverei, zwei und zwei, ein jeglicher ein goldenes Becken mit kostbaren Gewürzen und seltenen Stoffen tragend, eröffnten die Reihen. Darauf folgten Pferde, die Zierde der Wildniß Arabiens, kostbdr gezäumt,' geführt von ausländisch gekleideten Männern. Begleitet von hellschmetternden Posaunen, kamen dann vier herrlich gekleidete Männer einher, von fremder

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