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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-15 · Heft 42 (15.10.1897) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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501 seidenen Tücher und Jacken und geglätteten Zeitungen zusammen und trug sie ins Nebenzimmer. . . Dem Kinde aber ging das eine Wort im Geist herum: „Synagoge". Und es war etwas ganz Anderes als die Kirche? — Sie hätte so gern mehr fragen mögen , aber an der Hast, mit der Amalie das Gespräch abgebrochen, merkte sie, daß Jene nicht weiter davon sprechen wollte. Das Wort aber, das so „gut" klang, hastete in ihrem Gedächtniß und in ihrem Herzen. Da sie Amalie liebte, hatte sie auch das Wort lieb: „Synagoge". Ich habe nur dieses eine kleine 33üb, aus der ganzen Lebensbeschreibung herausgehoben, um an ihui zu zeigen, wie die Verfasserin auch die große Masse rein zufälligen, durch das ganze Leben zerstreuten Details in das künstlerische Gemälde hineinzuweben verstanden hat. Der Zehnjährigen fällt zuerst in der großen Bibliothek der Gräfin die Bibel in die Hand. Sie liest aber fast ausschließlich das Alte Testament. Ihr phantasievoller Geist wird durch die Erzählungen desselben mehr angeregt; dagegen besitzt sie für die Mystik des Neuen Testamentes kein Verständniß. Mit großer Spannung folgen wir ihrer Flucht aus dem Hause der Gräfin, die das Kind sogar adoptiren wollte. An der Seite ihrer Mutter flüchtet sie auf einem Kohlenschiff nach Palermo. Dem Kampf mit dem äußeren Leben folgen nun schwere Seelenkämpfe, vor allem auf religiösem Gebiete. Man muß dies alles in dem Buche lesen, um es begreifen und würdigen zu können. Weder bei einer fronnnen Klosterschwester noch bei einem evangelischen Prediger in Neapel findet sie jene Befriedigung, welche sie in heißem Ringen sucht; zu alledem lernt sie noch einen unwürdigen Priester seines Glaubens kennen. Wenn nach dem Sprichwort Gott seine Helden wunderbar führt, so beobachten wir diese wunderbare Führung auch in dem Leben der Heldin dieser Erzählung. Von dem Gestade des blauen Golfes führt sie ihr Schicksal wieder heim nach dem weltfernen, kleinen westpreußischen Städtchen, von dem sie ausgegangen. Dort ist es die liebe, alte Großmutter, die ihrer harrt, und die sie gütig aufnimmt; aber auch dort erwarten sie wieder große Seelenkämpfe. Ein gütiger, alter Superintendent aus jener Schule evangelischer Pastoren, die wir alle kennen und um ihrer Milde und Güte wegen lieben, will sie für die Heilswahrheiten seines Glaubens gewinnen. Er führt mit ihr merkwürdige und wahrhaft bedeutsame Gespräche, aber das Resultat ist doch nur ein negatives. Er kann sie, nachdem sie ihre Ueberzeugung ausgesprochen, nicht zur Konfirmation zulaffen. Noch schlimmer ergeht es ihr in Berlin, wohin sie nach dem Tode ihrer Großnmtter flüchtet. Dort ist es ein eifervoller, strenger Mann, ein Hauptführer der evangelischen Orthodoxie, der sie auf ihre Frage nach der Uebereinstimmung der Stelle des Neuen mit dem Alten Testament, die von der Nächstenliebe handelt, mit hartem Ton zurückweist. So gehört sie gar keiner Kirche an, und doch ist sie eine aufrichtige, fromme, wahrhaft religiöse Natur. Die Leser haben nun wohl längst schon im Stillen gefragt, ob außer dem Religiösen nicht auch alle anderen Momente des Lebens in dieser biographischen Erzählung zu ihren: Rechte gelangen; denn das ist ja eben der Unterschied zwischen Autobiographie und Roman, daß in der ersteren alle, auch selbst unpoetische Momente und zufällige Störungen sowie alle Trübungen des Gemüths, auch wenn sie kein günstiges Objekt für die Phantasie bieten, behandelt werden müffen. Im neunten Kapitel ihres Buches erzählt uns die Verfafferin das seltsame Erlebinß ihrer Ehe, das uns von Neuem den Beweis liefert, wie das wirkliche Leben merkwürdiger und phantastischer ist als selbst der spannendste Roman. Das zehnte Kapitel endlich führt uns nach langen Irrungen und Wirrungen die neue Ruth vor. Sie war mit Juden bisher fast gar nicht in Berühruitg gekommen, dann aber trat ein Neues in ihr Leben ein; die „Schmach, des Jahrhunderts" begann sich fühlbar zu machen und forderte jeden Gebildeten zur Stellungnahme auf. Der Geist der jungen Frau wandte sich jetzt aufmerksamer der Beobachtung von Juden und jüdischen Verhältnissen zu. Mit Eifer las sie Schriften für und gegen die Juden, und unmerklich stand sie plötzlich in den Reihen ihrer Vertheidiger. Unerschrocken brachte sie in ihrem Freundeskreise diese Sympathie zum Ausdruck; aber noch fehlte ihr die gründliche Kenntniß der Thatsachen, auf die sich solche. Sympathie mit Recht stützen durfte. Da griffen zwei Ereigniffe in ihr Leben ein, die diesem eine bestimmte Richtung gaben: ein Mensch und ein Buch. Sie las die „Jüdischen Familienpapiere" ' von Wilhelm Herzberg, jenes hochbedeutsame Buch, das wir alle kennen und schätzen, und sie fand die Neigung einer alten Dame, die aus der Blüthezeit des geistigen Lebens in Berlin noch in unsere Tage hinüberragte, die aber auch zugleich eine wahrhaft überzeugte, glaubenstreue Jüdin war. Was nun folgt, ist allgemein bekannt. Wer es nicht' kennen sollte, mag es in dem Buche selbst Nachlesen, da es doch Niemand besser zu schildern vermöchte als Diejenige, die es erlebt und erfahren hat. „Ich suchte Dich, mein Gott — und habe Dich gefunden. Ich suchte Dich, mein Judenthum — und habe Dich gefunden." Mit diesem lautern Bekenntniß schließt die merkwürdige Lebensgeschichte, die wir mit athemloser Spannung von ihrem Anfang bis zu ihrer Lösung verfolgen. Aber an dieser Spannung hat nicht blos das stoffliche Detail, sondern auch die künstlerische Behandlung desselben, die fein abgetönte, schlichte und deshalb gerade so anziehende Darstellung ihren vollen Antheil. Mau darf darüber streiten, ob es vom technischen Standpunkte aus nicht geeigneter wäre, eine Lebensgeschichte in der Jch- Form zu geben, aber diese Frage ist doch nur eine sekundäre gegenüber dem mächtigen Eindruck, de:: das Bekenntniß einer Frau Hervorbringen muß, die in heißem Ringen mit äußeren und inneren Mächten, in schweren geistigen und seelischen Kämpfen ihren Gott und ihren Glauben gefunden hat. Wir Juden haben von jeher die ' Proselyten mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet. Das war früher . mehr als begreiflich, aber es gewährt uns in diesem Falle gerade jene unbedingte Objektivität, die nothweudig ist, um dieses Buch als Lebensanschauung wie als Kunstwerk nach seiner vollen Bedeutung zu erkennen und zu würdigen. ass* G-K- Gin jüdisches Symbol. Von S. Blumenau in Hannover, eit den ältesten Zeiten ist es bei allen Völkern üblich gewesen, mächtigen Eindrücken des Geistes und Herzens sowie wichtigen Vorgängen des öffentlichen Lebens durch charakteristische Produkte der Natur symbolischen Ausdruck zu geben. So .galten und gelten zum Theil noch Palmzweige als Symbol der Siegesfreude, Oelzweige als Embleme des Friedens, der Lorbeer als; Symbol des Ruhmes, Eichenlaub als das der Kraft und kriegerischen Ehre u. s. w. Auch die Glaubensanschauungen der Völker blieben davon nicht unberührt: Die Eule, das Sinnbild der Weisheit, ist bei den alten Heiden der Göttin Minerva (Pallas Athene) als Attribut beigegeben; t das Kreuz ist Symbol des Christenthums. derHalbmond das des Islam. Nur die Juden haben zur Bezeichnung ihrer Religion kein Symbol*), und es ist dieses gewiß auf das allgemeine Ver- ') Verzierungen an Gebäuden, Tempelvorhängen, Grabdenkmälern rc., als Engels- und Thiergestalten und sonstige Nachbildungen aus der Natur und von Werken der Kunst, können als Embleme für die Religion nicht angesehen werden.

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