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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-15 · Heft 42 (15.10.1897) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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500 ohne Gleichen verbunden und ist auch jetzt noch mit so vielen Schwierigkeiten verknüpft, daß selbst ernst denkende und muthige Männer im entscheidenden Falle davor zurückschrecken. Um so bedeutsamer ist es. wenn eine Frau aus freier Wahl diesen Schritt und unmittelbar darauf auch die Rechtfertigung desielben in einer Weise unternimmt, die vom menschlichen wie vom literarischen Standpunkt aus unser höchstes Interesse in Anspruch zu nehmen berechtigt ist. Meine Leser haben schon errathen, daß ich von Frau Nahida Ruth Lazarus und ihrem soeben erschienenen Buches spreche. Der Streit über den Autorberuf der Frauen hat seine Erledigung darin gefunden, daß die Kritik heute nahezu einstimmig den Frauen das schriftstellerische Talent in der Beobachtung mehr als den Männern zuerkennt. Es ist das ja auch natürlich. Verengert man seine Sehweite, so wird man auch alle Dinge in schärferen Umrissen sehen. Wenn der Dichter die Welt schildert, wie sie sein sollte, so giebt die Schriftstellerin sie so, wie sie ist. Männer können es zu einer großen Virtuosität im Ausmalen von Staffagen, zu porträtähnlichen Schilderungen ohne Gleichen bringen — ein weibliches Auge entdeckt doch noch immer etwas, das sie vergessen haben. Das Gefühl der Ordnung des Hergebrachten, des Anmuthigen und Schicklichen läßt^besser beobachten als der wirre Sinn des Mannes, der sich höchstens bis zu einem bequemen Blick für das Behagliche ausbilden kann. Damit ist auch schon ausgesprochen, daß die Autobiographie einer Frau, selbst wenn sie nicht ohne eine stärkere oder schwächere Betheiligung der Phantasie zu Stande käme, in höherem Sinne ein Kunstwerk sein kann. Der Autobiograph soll und mag die Ereignisse seines Lebens zur bequemsten Uebersicht ordnen, sie sub specie seiner gereiften Lebensanschauung und Welterfahrung beleuchten und ihnen dadurch die realistische Schärfe nehmen, welche ja ohnedies durch die Zeitentfernung wesentlich gemildert ist. Er ist doch bei alledem einfür allemal streng an seine individuellen Schicksale gebunden; er mag sie noch so geschickt gruppiren, er mag sie von einem noch so hohen Standpunkt erblicken — verändern darf er sie nicht, wenn er nicht die schlimmste aller autobiographischen Sünden begehen: wenn er nicht fälschen will. Gerade darum aber erscheint uns eine Frau, die ihre Lebensgeschichte erzählt, merkwürdiger und interessanter als ein Mann im gleichen Falle. Schon Karl Gutzkow hat einmal sehr treffend gesagt, daß der Mann als Maler es bis zur höchsten Stufe der niederländischen Kunst bringen könne, daß aber eine Frau, die den Pinsel führt, ihn doch übertreffen kann, wenn sie einen Blumenstrauß malt; denn ihr wird auf der Rose nicht der kleinste Tropfen Thaues entgehen. Kommt nun noch dazu, daß mit dieser Autobiographie eine Bekenntnißschrift im ursprünglichen Sinne des Wortes verbunden ist, so steigert sich natürlich unser Interesse an einer' solchen Erscheinung. Aber der innere Werth eines derartigen Buches würde doch längere Zeit brauchen, um erkannt zu werden, wenn nicht die thörichte Neugier und der Reiz des Geheimnißvollen ihm voranginge. Um es nur gleich zu sagen: Beide werden eine arge Enttäuschung erleben. Sie erwarten wahrscheinlich Geheimnisse, Persönlichkeiten, unbekannte Mittheilungen; sie würden so gern auch Namen und Verhältnisse errathen. Sie hätten so gern etwas von Medisance, von kleinen Enthüllungen und großen Indiskretionen, aus der Lebensgeschichte einer Proselytin erfahren. Nichts von alledem finden sie in diesem Buche, nichts, was die Neugier der Männer und die Bosheit der Frauen reizen oder gar befriedigen könnte. Wer mit solchen Voraussetzungen an dies Buch herantritt, der lasse es lieber ungelesen. i) Nahida Ruth Lazarus (Nahida Remy): „Ich suchte Dich!" Biographische Erzählung. Berlin 1898. Siegfried Cronbach. Wer aber Interesse daran hat, die Entwickelung religiöser Vorstellungen von ihrer Quelle bis zur Mündung, die schweren Kämpfe einer Seele, die beständig nach dem Höchsten ringt, bis zur Erlangung des inneren Friedens und wahrer Harmonie aufwärts zu verfolgen, der lese dieses Buch: Er wird es mit hohem Interesse, mit wahrhafter Befriedigung. mit einer gewissen inneren Erregung, ja — sofern er selbst ein glaubenstreuer Jude ist — mit einem aufrichtigen Gefühl der Genugthuung zu Ende lesen. Nicht allein der Geist, bis zu dem sich ein Weib aufschwingen kann, nicht allein das Gemüth, bis zu dem es in seiner Tiefe herabsteigt, ist hier das Bewundernswerthe, sondern vor allem die Kraft und der sittliche Muth, die dazu gehören, eine solche That auszuführen und sie in dieser Weise zu begründen. Mit dieser Kraft und diesem Muthe aber schweift diese Frau doch nie über das Maß der weiblichen Natur hinaus. Ihre Ideen, Vorstellungen, Wünsche, Selbstbetrachtungen sind oft muthig und kräftig. aber bei alledem doch immer an die Voraussetzungen einer rein weiblichen Natur geknüpft — und das ist wiederum das Liebenswürdige an diesem Buche. In zehn Kapiteln, von ihrem siebenten Lebensjahre ab bis auf - die unmittelbare Gegenwart, entrollt uns die Verfasserin ein getreues Bild ihres Lebens in einer Weise, der man, auch wenn man dieses Leben selbst nicht kennt, es anmerkt, daß sie die erste Pflicht des Autobiographen, die unbedingte Wahrhaftigkeit, sich zum obersten Gesetz gemacht hat. Sie hat die Energie und den Willen, die offene Seele, die das Wahre sucht. Mit einer großen Aufrichtigkeit zeigt sie uns die Quellen ihrer Bildung, die Einflüsse ihrer Gegner wie ihrer Freunde. Mit einer unbefangenen Anschauung tritt sie an die Erscheinungen des Lebens heran und nimmt zu diesen alsbald entschiedene Stellung. Sie verschweigt nichts von den Störungen ihres Lebensfriedens, sie umgeht nicht peinliche Situationen, weil sonst der Leser nur zu leicht merken könnte, daß die Rechnung nicht stimme. Alles, was hemmend oder hebend, bedingend oder bestimmend in ihr Leben eingegriffen, soweit sich dies vor allem auf das religiöse Leben bezieht, wird hier unbefangen und in künstlerischer Weise geschildert. In Pisa am Lungarno setzt die Geschichte ein, vor einem altersgrauen Palast, in den die Mutter ihr Kind führen muß, weil sie selbst ihm nicht das Glück des Lebens bieten kann, das die kinderlose, reiche italienische Gräfin ihm. wohl zu geben im Stande wäre. Aber das Kind, das nachdenkliche, durch seine Schicksale frühreife Kind.kann in dieser prächtigen Umgebung sich nicht entfalten, es kann die verzehrende Sehnsucht nach der fernen Mutter nicht überwinden. Es ist ihm Alles fremd in dem italienischen Palazzo. Nur zu einer Kinderfrau, die Deutsch spricht, hat es ein stilles, aber verständlich inniges Verhältniß. Ihr vertraut es an, was es Anderen nicht zu sagen wagt. Diese Kinderfrau ist zufälligerweise eine Jüdin. Die Szene, in der sie dem Kind von ihrer Mutter und ihrer Heimath erzählt, ist voller Poesie und Anmuth. Auf die Frage des Kindes: „Also Du hast auch noch eine Mutter?" entspinnt sich das folgende Gespräch: „Hundert Jahr soll sie leben," murmelte Jene und faltete die Times verkehrt zusammen. „Wo wohnt sie denn?" „In Livorno, da sind wir zu Hause. Dort ist eine große Judengemeinde mit einer schönen Synagoge." „Synagoge?" . . . wiederholte die Kleine. „Das klingt gut. Was ist das?" „Das ist unser Tempel." „Tempel — Du meinst Kirche?" „Nein, nein," versetzte Jene rasch und leise. „Das ist etwas ganz Anderes." . . . Und als fürchtete sie weitere Fragen, raffte sie die

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