Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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499 - Mit diesem Angriff auf die Parteilichkeit der Regierung schließt die Erörterung -über die Haltbarkeit der religiösen Beschwerden der Antisemiten. Bei der-Besprechung der gegen die Juden vom nationalen Standpunkte aus gemachten Angriffe hält sich Leroy-Beaulieu nicht mit der au einem anderen Orte*) bereits ausführlich angestellten Untersuchung der Frage auf: „Inwieweit sind die Juden reine Semiten?" Ebenso wenig will er sich diesmal mit Erwägungen darüber befaffen, ob die Gallier reine Arier sind. Wohl aber verlangt er wiederum mit ganz besonderer Emphase Bescheid auf die Frage, was aus'dem Christenthum wird, sobald man mit den Widersachern der Juden jeden Sohn Sems als ein sinnliches, dem Idealismus unzugängliches Geschöpf hinstellt. Wenn der Antisemitismus konsequent ist, so muß er wie Voltaire, der große Judenverächter, das Evangelium so gut wie das alte Testament verwerfen. „Denn wie kann man leugnen, daß Christus und das Christenthum ans semitischem, aus jüdischem Blut entsprossen sind. Auf den Glasseustern unserer alten Kathedralen sieht man den Stamm und die Aeste des mystischen Baumes Jeffe sich erheben, von dem ein jeder Zweig einen der Vorfahren des Erlösers trägt. Nun, alle diese Vorfahren des „Sohnes Davids" waren- Juden, Semiten. Das Blut, das in den Adern Christi floß, das Blut, welches nach dem christlichen Glauben die Welt erlöst hat, war semitisches Blut. Die Jungfrau Maria, die Apostel, die ersten Jünger des Erlösers waren alle von israelitischem Stamme. Petrus und Johannes so gut als Paulus von Tarsus waren aus rein jüdischem Geschlecht, und die Pilger, die heute im Dom von St. Peter oder in St. Johanues von Lateran uiederknieen, erweisen semitischen und nicht arischen Reliquien Verehrung. Wie kann dann mit den Gelehrten des Antisemitismus ein Christ die Behauptung wiederholen, daß semitisches Blut von anderer Art ist. im Ursprung schon verdorben und lasterhaft?" (Schluß folgt.) Lehret sie Eure Kinder! Von Dr. Heinrich Lewy, Gymnasialoberlehrer in Mülhausen. m ^enn. wir unseren Kleinen ein,.Unterhaltungsbuch kaufen, so nehmen wir gewiß Rücksicht auf die Altersstufe. Denn ein sechsjähriges Kind bedarf anders zubereiteter Geistesuahrung als ein zehnjähriges, und diesem hinwiederum mundet nicht dasselbe wie dem vierzehnjährigen. Aber die biblischen Geschichten glaubt Ihr den Kleinen in derselben Form erzählen zu dürfen wie den Großen? Sollten nicht durch ein solches Beginnen die Kleinen Schaden leiden? Kann ihnen da nicht leicht das Interesse am Unterricht verloren gehen? Wenn nach einem weisen Ausspruch unserer Alten die Thora selbst sich der allgemein üblichen Ausdrucksweise anpaßt, müssen wir dann nicht auch in unseren biblischen Geschichten eine Sprachen reden, die unsere Kinder verstehen, die sie auch sonst im Leben vernehmen? Wir dürfen zu einem eben schulpflichtig gewordenen Kinde im Religionsunterricht nicht sprechen: „Aber der Geist Gottes webete niber den Mastern." Und ebenso wenig dürfen größere Schüler von uns hören: „Aaron soll eingethan werden zu seinem Volke." Die Herzen der Kinder bleiben kalt bei solchen Worten, und gar leicht könnte die altmodische Sprache den unseligen Jrrthum erzeugen, als ob auch unsere heilige Religion etwas Altmodisches, in die Gegenwart nicht mehr Paffendes sei. Ein Buch für unsere Kinder, das hat uns lauge gefehlt. Ein *) Israel chez les Nations. Buch für unsere Kinderdas besitzen wir jetzt*), und dafür müssen wir dem Verfasser, Herrn S. Müller, Häuptlehrer an der Simultanschule zu Müllheim i. B., von Herzen dankbar sein. Meine Bekanntschaft mit diesem eben erschienenen trefflichen Werke stammt nicht von heute und gestern; denn es war mir vergönnt, das Manuskript Blatt für Blatt zu lesen und im eigenen Hause mit inniger Freude zu sehen, wie diese Erzählungen auf das Kindergemüth wirken. Der reiche sittliche Inhalt der Bibel wird dem Kinde stufenweise, in einer der wachsenden Fassungskraft entsprechenden, anschaulichen Form nahe gebracht. Lebensvolle Einzelzüge in den Erzählungen erleichtern das Verständniß der Thatsachen. Dabei kommt der Ton der Heiligen Schrift doch zu seinem Rechte. In die Darstellung der Königszeit find die bedeutsamsten Abschnitte aus den Propheten ebenso wie die schönsten Psalmen in einer geschmackvollen und daher wirkungsvollen Uebersetzung eingeflochten. Das Buch reicht bis zur Zerstörung des zweiten Tempels, und es ist nur zu billigen, daß auch die Sprüche des Josua Sirach ebenso wie die Salomonischen Aufnahme gefunden haben. Beigcgeben ist eine kurze geographische Beschreibung Palästinas mit dem für Schüler Wiffenswerthen über Zeitrechnung, Münzen, Maße und Gewichte; außerdem eine Karte, welche den Zug des Volkes Israel, die Stammeintheilung unter Josua und die Lage der getrennten Reiche veranschaulicht. Zwei Proben mögen die Eigenart des Buches zeigen. Die erste Geschichte — für die Kleinsten bestimmt — führt den Titel: „Wie der liebe Gott die Well erschaffen hat." Sie beginnt folgendermaßen: „Die Erde unWer'Hifnmel heißen zusammen die Welt. Auch alles, was man auf der'Erde und'dem Himmel sehen kann, gehört zur Welt. Es^ab aber einmal eine Zeit, in der war die schöne Welt Hoch nicht vorhanden. Die Sonne schien nicht bei Tage, und der Mond und die Sternlein leuchteten nicht bei Nacht. Es gab noch keinen Himmel und keine Erde. Alles das war am Anfang noch nicht. Nur der liebe Gott war schon da. Er ist immer gewesen und wird auch immer bleiben." Der Anfang der siebzigsten Geschichte — für ältere Kinder — mit der Überschrift „David, handelt großmüthig an Saul", lautet also: „Nach seinem Abschied von Jonathan hatte David traurige Tage. Er war verstoßen vom Hofe des Königs; er war getrennt von seinem geliebten Freunde. Nach Hause zu seiner Frau konnte er nicht; ebenso unmöglich war ihm, die Rückkehr zu feinen Eltern. Denn nirgends war er sicher vor den Verfolgungen Sauls. In seiner Noth fand er nur Trost bei Gott. Zu ihm betete er: „Herr, schaffe mir Recht; denn ich bin unschuldig. Auf Dich, o Gott, hoffe ich; darum werde ich nicht fallen. Prüfe mich, Ewiger, und versuche mich, läutere mein Herz!" (Ps. 26, 1 u. 2. Ps. 31,14—16.)" Möge dieses Buch bald nicht nur in jeder Schule, sondern auch in jedem jüdischen Hause zu finden sein! Mögen Väter und Mütter in dieser Form die biblischen Geschichten ihre Kinder lehren! und beglückender Erfolg wird nicht ausbleiben. - 'Gin autobiographisches Gtaubensbekenntniß. f ie Thatsache. daß es in unserer Litteratur au Bekenntnißschriften, das Wort natürlich nur im Wortsinne, nicht in dem von der Kirche adoptirten gemeint, so gut wie gänzlich fehlt, kann Niemand befremden. War doch der Uebertritt zum Judenthum fast bis in die Mitte unseres Jahrhunderts mit einem Martyrium *) Ein Buch für unsere Kinder. Biblische und nachbiblische Geschichten in methodischer Bearbeitung zum Unterricht der israelitischen Jugend. Bon S. Müller. Stuttgart, Metzler'scher Verlag, 1897/ 307 S.