Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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49.8:* materiellen Hebung, der. Juden. auch? Me bürgerliche Gleichstellung erstrebt , findet , er nichts zu tadeln , wohlaber-. hält er die im Oktober 1870 von Cremieux durchges.etzte Naturalisirung der algerischen Juden. für einenpolitischen Dehler. „Ich stehe nicht an, Ihnen, zu sagen, daß ich in der Natnralifirung der algerischen Juden während der Belagerung der Hauptstadt^ ein Vergehen gegen den Patriotismus sehe. Mitten im Kriege, inmitten der Niederlagen die Juden naturalisiren auf bic Gefahr hm, berechtigte Empfindlichkeiten der Arabers zu verletzen, hieß nicht den richtigen . Augenblick wählen. Ich hätte-gewünscht, daß man mitder Naturalisirung gewartet hätte, bis die algerischen-Juden nach Sitten, Gebräuchen und Gesinnung auch wirklich Juden geworden wären." ■*■. V Während der Alliance und ihrem Präsidenten Cremieux M äußersten Falle politische Unklugheit oder Ungeschicklichkeit vorgeworfen werden kann, kommen die.Freimaurer.bei der Abrechnung, die der streng katholische Leroy-Beaulieu mit ihnen hält, viel weniger glimpflich fort.. Wie wenig er aber daraus ein Recht der Antisemiten zu Allgriffen, auf die Juden - ableitet, wird sich gleich ergeben. v\ . Er nennb die Maurerei dem französischen Vaterlande schädlich, der. zeitgenössischen Gesellschaft verderblich. Er ist der Ansicht, daß „die Freimaurerei, sich bestrebt, in einem Lande Zwietracht zu. säen , dessen nächstes Interesse Einmüthigkeit wäre". Von diesem. Vorwurfe kann er aber den Antisemitismus ebenso wenig freisprechen. Auch er „arbeitet darau, das Land zu spalten, die Klaffen zu trennen, den Haß zu erregen". Sind nun, so' fragt er weiter, die Juden, wirklich die Begründer und Meister der Freimaurerei, wie so oft wiederholt wird? " , Wohl haben einige von ihnen, wie Crömieux, eine, Rolle in der Maurerei gespielt und ihren Einfluß zu Gunsten ihrer Glaubensgenoffen verwendet. Auch haben die Juden, wie das Volk im Allgemeinen, in der Freimaurerei lailge die Verkörperung der großen. Ideen der Humanität, Freiheit, und Gleichheit gesehen und von ihr. Hilfe in ihren Emanzipationsbestrebungen erhofft.. Ferner haben sie, und das bildet ja noch heute die große Macht und das Ansehen der Logen, daß sie eine Gesellschaft zu gegenseitiger Unterstützung sind, in ihr ein. Mittel zum Vorwärtskommen erblickt und sich bemüht, Eingang in die Freimaurerlogeil zu erlangen. - Alles das aber treffe nicht den Kern der Frage: Sind die Juden und. die. Freimaurer identisch? Ist der maurerische Geist und der jüdische Geist derselbe? Da dürfe man sich nicht durch. Aeußerlichkeiten in seinem Urtheil bestimmen lassen, nicht durch hebräische Namen, durch Riten und Legenden. Nur eine gewissenhafte geschichtliche Untersuchung verbürge eine richtige Lösung der Frage. Die Geschichte aber weiß nichts von einem Ursprünge der Logen bei Hiram und Salomo, sie kalln auch ihre Beziehungen zu Jacob Molay und den Tempesritterrl nicht bestätigen. Dafür aber existireli Dokumente, die bezeugen, daß die Anhänger der nach Frankreich, , geflüchteten Stuarts zuerst die Maurerei unter der französischen Aristokratie eingeführt habeil.. Erst während der. Revolution nahm die Freimaurerei einen mehr demokratischen oder, bester gesagt, bürgerlichen Charakter an. Wenn es nun aber feststeht, daß die Maurerei durch die Vornehmen in die europäische Gesellschaft des Festlandes eingeführt worden ist, sp können die Juden nicht, ihre Begründer gewesen sein. Denn unter dem aiwi'ea regime hatte sich noch kein jüdisches Blut mit dem des Adels vermischt. Die alte Aristokratie hatte, noch nicht gelernt, ihre Ländereien mit den Thalern Israels zu düngen. Damals war es nicht wie Heutzutage, wo man wohl einen gelben Lappen auf vielen Wappenschildern entdecken könnte. 1) Die Araber besitzen kein Stimmrecht. Den Juden-ist vielmehr der Eintritt in die Freimaurerorden sehr schwer gemacht worden; so schwer, daß sie sich-veranlaßt gesehen haben, neue Orden zu gründen. „So ist der Orden von Mizraim, ein Orden ohne jede Bedeutung, entstanden, den .der Groß-Orient nicht anerkannt Hat." In Deutschland und Rumänien giebt es noch heute Logen, , die sich streng gegen die Juden abschließen, und selbst in Logen, welche Juden aufnehmen, bezeigt man sich-gehässig gegen sie. Ein französischer Freimaurer aus meiner Bekanntschaft erzählte mir, er habe, als er vor 1870 auf einem Freimaurerkonvent in Berlin war, gesehen, daß Meister vom Stuhl ihre Plätze gewechselt hätten, um nicht neben einem Juden zu sitzen." Gewisse israelitische Gesellschaften amerikanischen Ursprungs, die Bne Berith haben nur die Organisation der Freimaurer nachgeahmt, aber ihre. Logen haben nichts Geheimes, weder. Ritennoch Mysterien noch Weihen. Sie haben nur Juden zu Mitgliedern und bezwecken, wie die Alliance Israelite, den Schutz der Interessen des - Judenthums. — Die Bne Berith-Logen unterscheiden sich von den Freimaurern so stark, daß die deutschen Logen sie 1890 in den Bann gethan haben, indem sie allen Freimaurern den Eintritt in sie untersagten. Ist somit die heutige Maurerei gewiß nicht als eine jüdische Institution zu betrachten, wie steht es um den Einfluß der Juden auf den in ihr herrschenden Geist? Um die Zeit der Revolution, als sie den Juden noch unzugänglich waren, waltete eine Art von Deismus in den Logen vor. Damals Hütte man ihnen vielleicht nachsagen dürfen, , sie seien vom Geist des Judenthums erfüllt. „Was seitdem aus dem Kultus des .Weltenbaumeisters geworden ist, weiß Jedermann. Vom Deismus ist der Groß-Orient zum Materialismus, zum Naturalismus, zum Atheismus übergegangen. — Hat der Groß-Orient damit den Einflüssen des Judenthums, dem Geist der Synagoge Gehör gegeben? Wer weiß nicht, daß die Synagoge es sich immer zur Aufgabe gemacht hat, streng am Monotheismus festzuhalten?" Ob die Gerüchte von der Verehrung Satans in den höheren Graden der Maurerei gerechtfertigt sind oder nicht, glaubt Leroy-Beaulieu nicht untersuchen zu sollen. „Sich vorzustellen, dieser Satansdienst sei aus dem Judenthum hervorgegangen, ist in der That eine .Verirrung. Jehovah ist für die Juden nicht nur der allmächtige Gott, der Weltenschöpfer, er ist der nationale Gott. (!) Kein Rabbiner, der nicht seine Ehre darein setzte, Jehovah treu zu bleibeu, dessen Namen seine Lippen kaum auszusprechen wagen." So wenig aber Leroy-Beaulieu die Juden für den Geist und die Einwirkung, der Freimaurerei verantwortlich machen mag, so stark erhebt er von seinem ultramontanen Parteistandpunkt aus abermals den Vorwurf gegen sie, daß sie durch ihre Unterstützung des Kulturkampfes den Antisemitismus genährt haben, daß sie nur Pseudoliberale seien. „In meinen Augen hat man kein Anrecht auf den Titel eines Freisinnigen, wenn man Ausnahmegesetze verlangt, gleichviel ob gegen die Jesuiten oder gegen die Juden." Endlich stellt er noch die für uns kaum glaubliche uyd schwer zu kontrolirende Behauptung auf, daß der Antisemitismus in Frankreich vorzüglich , darum Boden gefunden, weil''die Regierung sich , ganz und gar mit antichristlichem Geist erfüllt hatte, „jo daß es ein Vorzug war, nicht katholisch, nicht christlich zu feit# In den Augen unserer Regierung schien Jude zu sein ein Recht auf Vertrauen zu verleihen. So haben die Juden und mit ihnen manchmal die'Protestanten Vortheile von der Gunst der Regierung gezogen, weil man allem, was katholisch war, den Krieg erklärt hatte. Das ist weder gerecht, noch normal. Wenn man den Juden gleiche Rechte nicht verweigern darf, soll man ihnen ebenso wenig Vorrechte einräumen."