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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-15 · Heft 42 (15.10.1897) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 ' gegenüberstellen könnten, dann würde sich wohl ergeben, daß bei den Juden das weibliche Geschlecht erwerbstätiger ist als bei den Christen der entsprechenden sozialen Rangstufe. Wer aufmerksamen Auges die in der amtlichen Statistik niedergelegten Ziffern prüft, wird finden, daß die Juden zwar noch aus historischen Gründen stark im Handel vertreten sind, daß sie sich aber allen Berufen widmen, wobei sie die gebildeten bevorzugen. Diese letztere Thatsache charakterisirt ihr Vildungsstreben und ist ehrend für die jüdische Gesammtheit. Ein Angriff auf den Antisemitismus mit atten nnd nenen Waffen. Von R. Landsberg. ls im Anfänge unseres Jahrzehnts der Antisemitismus auch in Frankreich sich zu regen begann, erhob der verdienstvolle und hochgeachtete Publizist Anatole Leroy-Beaulieu*) seine gewichtige Stimme, um die den Franzosen so theuren. Errungenschaften der Revolution vor Befleckung zu bewahren. Er warnte vor dem Antisemitismus als einer Bewegung, die unter dem Deckmantel nationaler und religiöser Begeisterung den unedlen Regungen des Neides und der Begehrlichkeit den größten Spielraum zu ihrer Betätigung läßt. Das treffliche Werk, welches mit großer Wärme und Sachkenntnis die Vertheidigung der Juden gegen ihre Feinde unternahm, ist damals den Lesern dieses Blattes in einem längeren Artikels von mir zu eingehendem Studium empfohlen worden. Wenn die Mahnung des als Patrioten, Schriftsteller und Gelehrten geschätzten Mannes auch nicht ungehört verhallt ist, so haben doch manche Zeitumstände dem Antisemitismus in Frankreich immer neue Nahrung gegeben, und er bestebt und gedeiht noch wie so vieles andere Ungesunde, Erbärmliche, das schon, eh' es entsteht, werth ist, daß „es zu Grunde geht". Beweis dafür ist die Versammlung im Institut Catholique in Paris, in der Leroy - Beaulieu vor einigen Monaten gegen die Ungerechtigkeit und Gefährlichkeit des Antisemitismus eine höchst bemerkenswerthe Rede gehalten hat, die nun als Buch unter dem Titel: L’Antis&nitisme8) erschienen ist, und auf die nachfolgende Zeilen die Aufmerksamkeit lenken wollen. Von einigem Interesse für deutsche Leser ist schon die Vorrede. Sie begründet die Nothwendigkeit der Veröffentlichung des stenographischen Berichtes der Rede mit den Entstellungen, welche sie in antisemitischen Blättern erfahren hat, und der Verfasser weist zugleich die Zumuthung der Antisemiten zurück, an einer Disputation theilzunehmen, welche unter Leitung der Antisemiteuliga in Aussicht genommen war. „Sie versichern mich gütigst im Voraus," heißt es da, „der Ritterlichkeit Ihrer Freunde". Unglücklicherweise habe ich soeben gelegentlich meines Vortrages im katholischen Institut ein Pröbchen dieser Ritterlichkeit kennen gelernt. Wenn es in Paris einen Ort giebt, wo Ihre Freunde, die sich für Christen ausgeben and gern als Streiter der Kirche gelten wollen, sich wohlerzogen benehmen und voll Achtung für die Freiheit der Rede zeigen sollten, so ist es gewiß der Hörsaal des katholischen Instituts, das haben ae leider nicht begriffen. Zur Empörung der großen Mehrheit des 1) Israel chez les Nations par A. Leroy-Beaulieu, Paris, Calman Levy 1893. 2) Ein französischer Friedensapostel von R. Landsberg. Jahrgang 1893, Nr. 31-34. 3) L’Antisemitisme par Anatole Leroy-Beaulieu, Paris, Calman Levy 1897. Publikums haben sie mich unaufhörlich durch alberne Späße und grobe Flegeleien unterbrochen. Genug an einer solchen Erfahrung! Der wäre ein leichtgläubiger Thor, der auf die Aufrichtigkeit oder die Wohlerzogenheit Ihrer Freunde rechnete." Diese Charakteristik einer französischen Antisemitenversammlung und französischer Antisemiten wird uns Deutsche wenig oder keine unbekannten, spezifisch französischen Züge zeigen. Sollte das nicht auch ein Beweis dafür sein, daß der Antisemitismus-nur allgemein menschliche oder vielmehr recht gemein menschliche Triebfedern hat? Leroy-Beaulieu bemüht sich allerdings, zu beweisen, daß die Bewegung ihre berechtigten Seiten und Tendenzen hat. Wenn ich sage, er bemühe sich, das zu beweisen, so ist das eigentlich nicht ganz richtig. Er behauptet es wohl, aber den Beweis habe ich trotz aller Mühe nicht entdecken können. Darum ist mir auch die Behauptung mehr wie ein oratorischer Kunstgriff erschienen, vermittelst dessen der Redner sich Gehör bei seinen widerstrebenden Zuhörern verschaffen will, ähnlich wie Mark Anton, der seine römischen Volksgenossen unermüdlich versichert, Cäsars Mörder, und Brutus insbesondere, seien ehrenwerthe Männer, bis er sie durch seine Beredtsamkeit so erschüttert hat, daß er nicht nöthig hat, den Feinden die Maske abzureißen und ihr wahres Antlitz zu enthüllen, sondern die empörte Menge aus eigenstem Antrieb die Mörder brandmarkt und ihre Schandthat zu rächen eilt. Ganz.wie in dem vorerwähnten größeren Werke faßt Leroy-Beaulieu den Antisemitismus aus drei Gesichtspunkten auf; er betrachtet ihn von der religiösen, der nationalen und der sozialen Seite -und konstatirt, daß ein großer Theil der Klagen und Beschwerden der Antisemiten begründet ist. Daß die Juden aber für diese schlimmen Zustände verantwortlich zu machen sind, stellt sich nirgends heraus. So findet er die Antisemitenganz im Recht, wenn sie sich über die Unduldsamkeit derjenigen Freidenker beschweren, die durch eine Art Fanatismus im Unglauben die alten Staatsreligionen durch eine Art Staats-Jrreligion ersetzen wollen. Leroy-Beaulieu fragt dann aber weiter, ob und inwieweit die Juden für diese modernen Ideen verantwortlich zu machen sind, und entlastet sie jeder Schuld. Er findet ihren Ursprung bei Voltaire, dem Erzfeind der Juden, dem Vorläufer der Autisemiten. bei den Encyklopädisten, bei den Männern der Revolution, zu einer Zeit, als es in Paris höchstens einige hundert Juden gab, die meistens arm und unbekannt in den entlegensten Stadttheilen ein kümmerliches Dasein fristeten. Kann man behaupten, daß diese lmbetannten. und verachteten Juden die Lehrer der Philosophen oder die Souffleure der Revolutionstribunen waren? Wenn nun aber auch der Vorwurf nicht haltbar ist, daß die Juden die Urheber der Entchristlichung der modernen Gesellschaft sind, so hält Leroy-Beaulieu doch nicht für überflüssig, zu untersuchen, ob man ihnen nicht vielleicht die Hauptschuld an der Verbreitung religionsfeindlicher Ideen zuschreiben könne. Das sollen nach der Ansicht der Antisemiten sowohl die Alliance Israelite als die Freimaurerlogen sich zur Aufgabe machen. Eine eingehende Beschäftigung mit der Geschichte und den Verhältnissen der Alliance Israelite hat aber Leroy-Beaulieu in ihr nichts von den Heimlichkeiten, welche die Phantasie der Antisemiten ihr zuschreibt, entdecken lassen. Er hat gefunden, daß sie 1860 von Cremieux nach dem Vorbild christlicher Gesellschaften gegründet worden ist behufs Unterstützung der Glaubensgenossen und zum Schutze ihres Kultus und ihrer persönlichen Sicherheit. Er hat sich ferner überzeugt, daß die Gesellschaft infolge der elenden Lage der Juden in der Türkei, in Persien, in Marokko und Rumänien und namentlich „in den Staaten unseres Freundes, des Zaren," ein reiches Feld für diese Thätigkeit findet. Daran, daß die Alliance Israelite neben der sittlichen und

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