Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Msträsentcknien einer jüdischen' Gemeinde wegeii eines. Knltlisbeamten, dem der Vorstand 'gekündigt hatte, wogegen die Kündigung nach einem Beschluß der Repräsentanten erst nach einem "Vierteljahre' erfolgen sollte. Da nun aber der Vorstand'bei seinem Beschluß beharrte und den der Repräsentanten unbeachtet ließ, so führten diese-bei det Vorgesetzten Regierungsbehörde Beschwerde, die denn auch zu Gunsten des Repräse'ntäntenkollegiums entschieden'hat mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß „der Beschluß der Repräsentanten auch ^für den Vorstand jederzeit bindend sei". Nun dürfte sich aber der Vorstand bei dieser Entscheidung nicht beruhigen, vielmehr au den Minister sich wenden. Die Frage ist, wie gesagt, von großer prinzipieller' Bedeutung, ob der Gemeindevorstand wirklich nur die Beschlüsse des Repräsentantenkollegiums auszuführen habe, auch selbst, wenn er denselben sich nicht anzuschließen in der Lage ist. Durch die oben mitgetheilte Entscheidung würde ein Boden für zahllose Streitigkeiten im Gemeindeleben geschaffen werden. ' 4 Wir haben die einzelnen Monatsberichte der /Alilan ce Israelite.Universellecm dieser Stelle regelmäßig angezeigt und, soweit sie von besonderer Bedeutung waren, excerpirt, so daß der eben erschienene Jahresbericht eigentlich keiner ausführlichen Besprechung mehr bedarf. Derselbe enthält reiches Material zur Beurtheilung der Lage der Juden in Rußland, der Türkei, Marokko und Persien. Sehr ungünstig lautet namentlich der Bericht über Rußland. Es heißt darin, daß die Lage der Juden keine Veränderung erfahren hat und „so geblieben ist wie seit, sechzehn Jahren, schrecklich, elend und beklagenswerth". Als die Haüptursache dieser traurigen Erscheinung wird das Zusammenwohnen, der Inden in einzelnen Provinzen, worin noch immer.keine milderen Maßregeln seitens der russischen Regierung getroffen werden, sowie der Umstand bezeichnet, daß den Juden der Aufenthalt in den Dörfern und der Ankauf von'ländlichem Grund' und Boden untersagt ist. Die Zahl.der obdachlosen Juden hat in Rußland im vergangenen Jahre wieder zugenommen. So müssen in Wilna 2000 Familien durch öffentliche Wohlthätigkeit ernährt werden, in Berdytschew sind 10 000. jüdische Familien arbeitslos. Aus Rumänien liegen hauptsächlich Berichte über Willkürakte gegen die jüdischen Bewohner auf dem Gebiete der Schulen vor. Die Wirren in Kleinasien und in der Türkei sind auch auf die Verhältnisse der dortigen Juden nicht ohne Einfluß geblieben; doch hat gerade hier die Alliance helfend eingewirkt. Sehr günstig lauten, die Berichte über die Thätigkeit, welche, die Alliance auf dem Gebiete der Schulen und des Lehrlingswesens im Orient entfaltet, was auch aus einer von ihr ausgestellten Statistik hervorgeht. Die. Ausgaben der Alliance Israelite Universelle beliefen sich im Jahre 1896 auf 802043 Francs, ihr Vermögen betrügt 719 444 Francs und die Reserve 302 494 Francs. Damit kann man aber wohl keine Welteroberungspolitik treiben, wie die Antisemiten auch heute noch der Alliance so gern andichten. * Mitten unter den Nachrichten, welche jetzt Tag für Tag aus Rußland kommen und eine langsame, aber sichere Besserung der Verhältnisse der Juden in Aussicht stellen, kommen-von Zeit zu Zeit auch Hiobsposten aus dem Zarenreiche, die vor allzu sanguinischen Hoffnungen eindringlich warnen. So wird uns aus Moskau berichtet: Gleich nach Beendigung des Aerztekongresfes hat man -auf Antrag des Ehrenpräsidenten, Sr.'kais. Hoheit des Generalgouverneurs Großfürsten Sergii Alexandra witsch, den Beschluß " gefaßt; daß kranke Juden zur Kur nicht nach Moskau kommen dürfen ohne vorherige schriftliche Erlaubniß des Oberpolizeimeisters Trepow^ .die wohl nie oder fast nie tze'geben werden wird. Am jüdischen Neuj-ah rs'fest verhinderte-die Polizei nun gar den Gottesdienst,, den hier., zum Aufenthalt 'berechtigte Juden privatim -abhalten wollten- und^ perjagte sie während, -des Gottesdienstes. Obman dies inPetersburg weiß? . Mair -ist doch -unter ^der Regierung Kaiser Nikolaus II. milder in der. Behandlung der. Nichtorthodoxen geworden. . > Auch aus den Ostseeprovinzen kommt uns. die gleiche Klage..!» dem nachfolgenden Schreiben eines zuverlässigem Mannes:. , . v Hochgeehrter-Herr Redakteur! . Am letzten Neujahrsfest befand, ich mich, auf einer Geschäftsreise in Reval und kann' nicht umhin, als siebzehnjähriger--Abonnent Ihres geehrten Blattes, folgenden Fall, der auf Wahrheit beruht, da ich selbst ein Mithetheiligter gewesen bin, zu Jhre^' Kenntniß zu bringen. In genannter Stadt, die eine schöne große Synagoge und eine, sehr kleine und arme Gemeinde besitzt,' versammelten 'sich'' zu den Feiertagen einige Zugereiste, wie Chasonim, Sofrim, Magidim u. s. w., auch einige Angestellte von Kaufleuten anderer Städtedie in der Umgegend des Reval'schen Kreises beschäftigt waren, zeitweilig zum Gottesdienst. Der größte Theil dieser Zugereisten war mit Pässen versehen, doch hatten sie kein Aufenthaltsrecht für die Dauer, da Reval nicht zum Ansiedelungskreise gehört. Gewiß bin ich, daß Jeder nach den Feiertagen Weiterreisen wollte, wie auch ich. ' Nun kam es der Polizei zu Ohren, daß .in der Stadt sich Juden aufhalten, die kein 'Recht dazu hatten. Sie überrumpelte daher die armen Menschen in der Nacht in den verschiedenen Häusern und brachte die zum Beten Gekommenen statt in die Synagoge auf die Polizei, von wo aus Jeder nach seinem Geburtsort per. Etappe befördert werden, sollte. Es waren zusammen 21 Männer und 2 Frauen. Glücklicherweise besitzt Reval in ' dem Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, HerrnSchey Levinowitsch, einen Mann von Energie, Vernunft-und Güte, dessen Name weit über die Grenzen der Stadt gedrungen ist und in dieser selbst von den Höchsten sehr geehrt und geachtet wird. . Dank diesem Herrn Schey Levinowitsch sind-18 Menschen auf freien Fuß gesetzt .worden unter der Bedingung, daß sie sich verpflichten, in kürzester Zeit die Stadt zu verlassen, wofür auch Herr Levinowitsch einstehen mußte, dafür Sorge zu tragen. - Ich für meine Person bim aus Rowno - gebürtig, bin -aber; seit: 32 Jahren nicht dort gewesen, doch hätte ich dies«i Reise jetzt machen müssen^ und noch dazu per Etappe, wenn nicht Herr Levinowitsch für uns Fürsprache gethan. . ^. Es ist ein Fall, der in Rußland alltäglich ist, ob es aber einem civilisirten Verstände begreiflich, daß man auf diese Weise um den Gottesdienst am Neujahr gebracht wird, zweifle ich sehr. Mit besonderer Hochachtung . A. W. - Air Arrufsstellung der Irrdrn im Deutschen Ueich. Von Willy Bambus. s ist ,em eigenes Ding um die konfessionelle Statistik Eigentlich gehört, sie gar nicht zu den Aufgaben des-Staates, denn ein moderner Staat ist ein politisches und soziales Gebilde, das ganz unabhängig sein soll von der Religion wie von der Nationalität seiner Bürger. Dementsprechend haben die modernen Staaten Westeuropas, England, Frankreich, Belgien, seit Langem nicht mehr die Rubrik Konfession in ihren Statistiken, von einzelnen unwesentlichen Ausnahmen abgesehen^ Anders Mitteleuropa, wo ein schwankendes. System herrscht und vielfach noch -die Angabe, der Religion in den amtlichen statistischen Ausweisen mit ausgenommen wird. In Deutschland ist dies > in der letzten Zeit noch mehr der Fall als früher und auch viel mehr als in Oesterreich.. . Während< z. B. bei der deutschen Berufszählung auch eine Unterscheidung.nach Konfessionen gemacht' wird, fehlt dieselbe bei der gleichen Aufnahme in Oesterreich vollständig. Wenn aber schon einmal alls' die Trennung nach dem Glauben nicht öerzfchtet werben soll, so wünschen' wir Uvr - Ä /.i c,*v„ -;v ,!& '' :