Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ängtzgängenen m ftetfgcr Arbeit fortsetzt. .Nur-.,eine. Wiffenschaf^' giebt es, die hat eigentlich noch keine Erfolge aufzilcheisen, .die steht' noch heute auf demselben-Punkte, auf dem ihre .ersten Begründ.ercsich.befunden..halben,? das ist Diejenige,i welchesich/ wit-dem/Räthsel her-,Menschlichem Seele, chit^ der Schöpfung'- der' Melt.-'mil der menschlichen'Freiheit,^mik, der -Gerechtigkeit'/auf .Erden, mit dem Fortlebeü nach dem Lode und ähnlichem beschäftigt. Diese Rüthsel sind noch heute ungelöst wie * am ersten Tage und dennoch, wenn wir fragen, welche sind . in der großen Reihe'der Forscher und' Weisen die ersten und erhabensten, so werden diejenigen genannt, welche mit diesen Räthseln, ob auch erfolglos, gerungen haben; die meisten Bücher aus alter- Zeit sind vergessen- und verschollen, aber außer den Werken der Dichter werden vor allem noch heute djß Werke studirt, in denen eine.Antwortauf diese Fragen versucht wird; Und selbst bei'.den Dichtern feiern wir nicht allein, die Kunst oder den Flug der Phantasie sondern auch auf diesen! Gebiet haben vor allem Diejenigen, ewigtn Ruhm gewonnen,"' die' mit der Flugkcüfk der- Einbildung in das unbekannte! Land 'einzüdringen strebten, das dem Denker verschlossen blieb. - Es nützt gar nichts, wenn man die strebsame wahrheitslüsterne Jugend vor den Werken der Philosophen' warnt -und ihnen sagt, daß sie nichts erklären; nichts 'lösen,'nichts lehren; diese Jugend will nun einmal mit dem Kopfe--durch die Wand; durch die undurchdringliche Schranke/ welche dem endlichen Geiste des Sterblichen das Unendliche verdeckt. Je kräftiger-und energischer die Denkkraft ist, um so weniger will sie. darauf verzichtenmit diesen Räthseln zu ringen, zu erfahren,. wie andere geistesgewaltige Menschen den mühevollen und erfolglosen Kampf um die höchste Wahrheit geführt haben; und nur Diejenigen- ' werden getadelt/ die falsche Lösungen Vorbringen,' die sich und ihre' Nebenmenschenbelogen haben und Phantasien für wissenschaftliche . Erkenntniß ausgeben: In diesem Ringen der Weisen, die Schranken der Endlichkeit' und des Diesseits zu durchbrechen, über das Nächste und das-Fernste, über sich, und -die Welt ins Klare zukommen offenbart sich die allen Sterblichen gemeinsame Sehnsucht nach dem, was-jenseits der vom Schicksal gesetzten-Grenze liegt, am erhabensten, und wer dieses Sehnen je empfunden und seinem Denken diese Richtung gegeben, der ist fromm und weise, denn er wird nicht leicht, in die Niederungen der Sünde, zurückfallen. „Wer Gott sucht, ist hochzuhalten, denn er wird nie im Schlechten walten.". Das' ist, was Koheleth lehrt: „Alles hat Gott trefflich geordnet zu seiner Bestimmung, auch als er die Unendlichkeit ihnen ins Herz gab, daß der Mensch nicht finde das Werk, das Gott geschaffen hat, vom Anfang bis zum Ende." Wer auf so Hohes seinen Sinn lenkt, den Erfolg wird er davontragen, daß er sich-nicht zur Sünde erniedrigt Darum; haben die Ordner, der heiligen Schrift dem Buche Kohelet einen Platz gegönnt neben den-bedeutsamsten Offenbarungen religiösen Geistes; in diesem-Buche stehen manche Sätze, die von der Religion nicht gebilligt werden, aber dieses Buch mit allen seinen Jrrthümern und Zweifeln -ist das Erzeugniß, ist das Zeugniß eines Geistes, dem die Wahrheit das höchste, heißersehnte Gut ist. Er preist den Genuß, aber wir wiffen es, - er wird im Genüsse keine Ruhe finden, sondern überallhin'wird ihm jener glühende, ungestüme Drang nach Erkenntniß folgen; darum ist das Buch heilig, denn es'ist das hohe Lied von der unüberwindlichen Liebe zur Wahrheit. Und die heilige Schriftmeldet uns auch, daß selbst der weiseste. und frömmste aller Sterblichen, daß Mose selbst hierin dem allgemeinen Loos der Sterblichen unterthan war, daß er an die Pforten . der Etkenntniß pochte, aber sie wurden ihm nicht geöffnet; Mose, vpn dein es doch heißt, daß Keiner aufstand, der ihm glich, von ihm wird erzählt ,- er habe zu- Gott gebetet: - Zeig-' mir doch' Deine Herrlichkeit;/aber Gott habe' ihrn geantwortet:' Du'kannst mein Angesicht-'nicht, sehen, denn mich sieht kein Mensch, so lange er lebt. Mose hatte eineru-tieferen Einblick als andere - MenschenkinW/iN^pas Wesen und Wglten der.Gottheit, .aberev'bliebHnMensch.^än den Körper, geheftet-;-der an den Körper^ Gefesselte/ .kann/Nö.tt'/ahnen, "-kann.sich nach' dem Unendlichen sehnen,/wber es nie erfassen und begreifen, . Auch vom Lande der Erkenntniß galt für Mose^das Wort: Aus der Nähe, vom Grenzberge aus wirst du das Land sehen, und. nicht dorthin, kommen.. Die Festzeit ist zu Ende, sie ruft uns zum Abschied die Mahnung zu: Gedenke in der Werktagszeit des ewigen- Lebens; richtedein Sehnen nicht einzig auf Geld und Genuß, auf Macht und Ehre, sondern auf.das hohe Ziel, Nächstenliebe und Erkenntniß zu pflegen. Dann, wenn dieser Abschiedsruf nicht vergebens zu-unserem Ohr d ringt, dann können wir, wie dereinst Israel zur Zeit der salomonischen Tempelweihe, freudig und frohen Muthes vom Feste in unsere Zelte ziehen, dann hat die Botschaft vom Feste - unser Herz erfrischt wie Regenfluth, die auf-einen Acker tränst, dann wird Gott die Saat, die wir in den Acker und die wir in-die Seele streuen, dann wird er all unsere Arbeit mit seinem Segen krönen. . . Berlin, 13. Oktober. Schlagwort vom „christlichen Staat"; in dem natürlich für. Andersgläubige eigentlich so gut wie gar kein Platz ist, hat jüngst in einem strengkonservativen und hochkirchlichen Kreise eine eigenthümliche Beleuchtung erhalten, nämlich auf dem Kongr eß, für innere Mission, der in dieser Woche in Bremen tagte .und dem bekanntlich auch die Behörden ein außerordentliches Interesse zuwenden. Auf diesem Kongreß hielt nun der bekannte Greifswalder Professor und Konsistorialrath Eremer, einer der positivsten Kirchenlehrer und eifriger Mitarbeiter der „Kreuzzeitung", eine Rede, worin er u. A. auch über das Berhältniß von Christenthum und Staat sprach. Er sagte da: „Die innere Mission hilft; sie hilft, wo sie kann, aber sie darf nicht vergessen, daß es nicht ihr Zweck ist, dem Staat zu helfen. So wenig wie das Evangelium, das Christenthum selbst, verkauft sich die innere Mission für politische, für staatserhaltende Zwecke. Der Staatser- . Haltung dienen nur Diejenigen, die dazu berufen sind; zur Staatsleitung und Regierung gehören Gaben, die man ganz gut haben kann, auch ohne ein Christ-zu sein." „Man vergißt, daß ein Christ blos deshalb, weil er ein . Christist, noch nicht tüchtig zu sein braucht zu einem Berufe. . . Das Christenthum erkennt keine Gesellschaftsordnung, weder die gewesene noch die gegenwärtige noch die zukünftige als Glaubensnorm an." Mit dieser Auffassung deckt sich sehr schlecht die sonst in den konservativ-antisemitischen Blättern vertretene Legende vom „christlichen Staat". Sonst soll nur eine „christliche" Obrigkeit vom Premierminister herab bis'zum Nachtwächter befähigt sein, das Regiment zu führen, Nun erklärt der Konservativsten Einer selbst, daß auch Nicht-Ehristen zum Regieren befähigt sind. Wir sind neugierig, was die Konservativen/zu der Ansicht eines ihrer Führer sagen werden. ■■ Eine prinzipiell sehr wichtige Entscheidung ist jüngst von einer preußischen Regierungsbehörde in jüdischen Gemeindeangelegenheiten getroffen worden, die aufs Neue den Beweis liefert, wie sehr das Gesetz von 1847 einer gründlichen Revision bedarf. Es handeltsich nämlich um einen Kompetenzstreit zwischen dem Vorstand und den