Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61. Iahrsartg. Nr. 42. Berlins 15. Oktober 189^. emenre Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nakkiner 8*. Ludwig Phttippson-Bonn. Verlags-Crpedition: (Bexlttt, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin .SW., Jerusalemer Straße 48/49 zn richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint w o ch e ntli ck>. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikelr Zum Schlutzfeste. — Die Woche. — Die Berufsstellung der Juden im Deutschen Reich. Bon Willy Bambus. — Ein Angriff auf den Antisemitismus mit alten und neuen Waffen. Von R. Land s - berg.— Lehret sie Eure Kinder. Von Dr. Heinrich Lewh. — Ein autobiographisches Glaubensbekenntnis — Ein jüdisches Symbol. Von S. Blumenau. — Feuilleton: Nathanaja. Novelle von Carl Weil. (Forts.) — Litterarische Mittheilnngen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Gleiwitz, Luckenwalde, Hannover, Düsseldorf, Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Zum SchtuMste. Berlin, 13. Oktober, ohl in der Brust eines jeden Menschen waltet ein mächtiges Sehnen, über die Grenzen hinauszuschreiten, die ihm vom Schicksal gesetzt sind; nur ist dieses Sehnen verschiedenartig, je nach dem Charakter und dem Berufe, die uns eignen. Wer am Golde hängt,, der drängt auch nach dem Golde, wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht sott, und dieses lebhafte Begehren ist nicht etwa immer ein ganz unedles und verwerfliches; wenn der große Kaufherr seinen Besitz an bedeutende Unternehmungen wagt, so lockt ihn unmittelbar die Aussicht auf Gewinn, aber er wird doch' oft durch diesen kühnen, unternehmenden Geist ein Bannerträger der Kultur, eiw Förderer der nationalen Wohlfahrt, und der Welt nutzen wieder zweifellos Diejenigen weit mehr, die, um viel zu gewinnen, viel aufs Spiel setzen, als die Anderen, die von einem großen Vermögen einen kleinen, aber sicheren Vortheil erheischen. Selbstverständlich ist dabei die Voraussetzung, daß die so vieles Wagenden vor dem Wagniß. die Schranken des Rechtes und der Gesetze zu durchbrechen, sich scheuen und zuruckschrecken. Jedenfalls lehrt die Erfahrung, daß, wer den Erwerb zum Mittelpunkt seines Strebens macht, sich selten selbst Halt gebietet, daß, . mindestens nach ihrem eigenen Urtheil, die Reichen fast immer zu wenig haben. Auch wen der Ehrgeiz treibt, der sagt wohl nie : jetzt habe ich genug. Oft genug begünstigt das Glück ihn über all sein Erwarten, und Ehren, die er nie erhofft hatte,-werden ihm zutheil; hätte man ihn vor Jahren gefragt, wirst Du, wenn Du diese Ehren erlangst, Dich zufrieden geben, es wäre ihm lächerlich erschienen, damit nicht zufrieden zu sein; nun aber scheint ihm das Erlangte gering, nur als Staffel von Werth, um höher'zu steigen. Der Ehr-, Heiz entsagt nur, wenn er muß. > I Vollends ist ein unendliches Begehren das Loos. Derer, die, den rGenuß als Lebensziel betrachten. Jeder Genuß erweckt, einenneueu f Wunsch, jede Erfüllung ist die. Ursache eines Verlangens, nur daß die Wünsche, je mehr sie befriedigt werden^ immer fremdartiger und unnatürlicher werden. Keiner, dem der Lebensgenuß'das Höchste ist, begnügt sich heute mit den Genüffen, die ihn gestern entzückt'habend Und wie ergeht es Denen, denen Macht und Einfluß die höchsten Preise dünken, auf dieser hastigen Jagd. Wann hat der Mächtige und nach Macht Lüsterne das Gebiet seiner Herrschaft weit genug ausgedehnt? Wie wohl der am Fuß des Berges Weilende schaudert, wenn ein Anderer auf steiler Höhe steht, so erfaßt uns oft ein Zagen, wenn wir an Diejenigen denken, die auf der Höhe der Macht sich befinden; wir sagen uns, wie ist es, nur möglich, daß diese Machthaber auf diesen gefahrvollen Firnen es aushalten, daß sie die Verantwortlichkeit ertragen, die auf ihren Schultern ruht. Aber die Menschheit hat nur selten das Schauspiel erlebt, daß Einer freiwillig von 'den Höhen der Macht herabgestiegen ist, daß er aus eigenem Antrieb die Bürde des Herrschers abgewälzt hätte. Aber auf jedem Blatte kiindet uns die Geschichte, und an jedem Tage lehrt uns das Leben, daß, wer hoch gestiegen ist, nur noch höher sich erheben will, daß keine Last so gern getragen und so gern vermehrt wird als die, über Andere zu gebieten, ja daß die Gewaltigen, ob auch oft gewarnt, dennoch zu Grunde gehen an der Unersättlichkeit ihrer Herrschbegier. Auch auf den Gebieten, wo der Menschengeist seine schönsten und reinsten Erfolge feiert, auf den Gefilden der Menschenliebe und der Wiffenschaft, zeigt sich dies unendliche Sehnen. Die Alten reden mit Recht von den Schmerzen der Guten,, von dem Weh der Edlen, die allen Anderen genügen, ja, die die Bewunderung ihrer Nebenmenschen erregen, aber sich selbst nie genug thun können. Der Eine ist unersättlich nach Gütern, der Andere nach dem Guten. Gott sei Dank, es giebt Menschen, die das Gold nicht lockt, die der Genuß nicht reizt, die der Ehrgeiz nicht spornt, die nur Werken der Nächstenliebe leben, und die angesichts der ungeheuren menschlichen Noth ihre Kraft ins Unendliche vermehren möchten; auch,Denen giebt die edelste Arbeit nicht die unbedingte Zufriedenheit, sondern läßt die Unruhe- und das Sehnen zurück, jenen Schmerz der Frommen , der. allerdings himmelweit verschieden ist von der verzehrenden Gier des Geizigen oder des Genußsüchtigen. Und der Mann der Wiffenschaft, wann hätte der genug, wann hielte der das Ziel für erreicht? Der kleinste Erfolg ist ihm nicht werthlos,, der geringste Baustein wird nicht verachtet, aber gerade Diejenigen, die am meisten ihren Geist genährt haben, Haben den heftigsten Hunger nach Erkenntniß, und aus dem Munde der Wiffeusmächtigsten kommt am ehesten die übertreibende Klage, daß sie nichts wissen. Besonders diejenigen Fragen locken den Forscher, deren Beantwortung schon vor Jahrtausenden, von den tiefsten Denkern ohne Erfolg versucht worden ist. Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns eine merkwürdige Erscheinung;, so .viele Wiflensgebiete giebt es, wo von Tag zu Tag die Kenntniß fortschreitet, wo der eine Forscher gleichsam auf den Schultern des andern steht, und'ein Geschlecht das Werk des vor-