Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Nr. 41. Der Gemelndebote. Gerün, 8^ Oktober 1897. Weikage zur „Attgemeinen JeiLung öes ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. / 6. 8. Berlin,. 3. Oktober. Die Baruch-Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten begingen heute Mittag 12 Uhr die Einweihung ihres in der Schönhauser Allee 162 errichteten Neubaus. Die Anstalten hatten Flaggenschmuck angelegt, und das in der Mitte des Vorgartens stehende Erzbild Kaiser Friedrichs erhob sich aus einem Arrangement von Bäumen und Kranzgewinden. Die hohe Protektorin Kaiserin Friedrich hatte den Anstalten zu diesem Tage ein huldvolles Glückwunschtelegramm aus Schloß Kronberg übersandt, woselbst; auch der Hofstaat der Kaiserin weilt. Kurz nach halb 12 Uhr füllte sich die Aula mit den geladenen Gästen. Von dichtem Grün umgeben, 1 zu beiden Seiten und hinter der Rednerbühne, waren Büsten des Kaisers wie des Kaisers Friedrich und der Kaiserin Friedrich aufgestellt,' während unmittelbar am Fuß der Rednerbühne ein herrlicher, vom Reichenheim'schen Waisenhause „der älteren Schwester - Anstalt" gewidmeter Blumenkorb prangte. Kultusminister Dr. Bosse, der sein Er-' scheinen zur Feier zugesagt, indessen am Tage vor der Feier auf Allerhöchsten Befehl eine Dienstreise nach Kiel und Holtenau antreten mußte, hatte sein Ausbleiben in Ausdrücken lebhaften Bedauerns entschuldigt. In Vertretung der Stadt waren neben dem Herrn Bürgermeister Dr. Kirschner und dem Herrn Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langerhans ' mehrere Stadtverordnete, einige mit ihren Damen, erschienen. Die Geheimen Regierungsräthe Prof. Dr. Bertram und Dr. Fürstenau, Geheimer! Sanitätsrath Dr. Abraham vertraten die Aufsichtsbehörde. Auch Direktoren der höheren Schulen, die von den Zöglingen besucht werden,^ sowie die Leiter der beiden Schulen der Mischen Gemeinde waren erschienen. Seitens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde überbrachten die Herren - Justizrath Meyer, Dr. Edmund Lechmann und Louis? Bamberger den Anstalten ihren Glückwunsch. Die Repräsentanten waren durch ihren Vorsteher, Herrn Hermann Landsberger, wie durch die Herren Moritz Manheimer, Josef Fränkel, Louis Sachs,' Geh. Sanitätsrath . Dr. I. Blumenthal und Andere vertreten. Das Rabbinat 'war fast vollzählig erschienen. Bon Seiten der Reformgemeinde waren Herr ..Leopold Friedmann wie Herr Dr. Oppenheimer, ehemaliger Erzieher an den Anstalten, anwesend. Die Aerzte der Anstalten sowie Vertreter des aus ehemaligen Zöglingen der Anstalten gebildeten „Baruch-Auerbach- Bereins" in beschränkter Zahl waren gleichfalls erschienen. Der Raum reichte nicht im Entferntesten hin, neben den Vertretern von Behörden und Korporationen noch eine größere Zahl von Wohlthätern an der Feier theilnehmen zu lassen, doch waren viele Donatoren, die zudem Neubau beigetragen, in der vornehmen Versammlung. Nachdem mit Orgelbegleitung unter Leitung des Herrn Kapellmeisters Albert Kellermann durch den Waisenchor, unter Verstärkung von Damenstimmen aus dem Chor der „Neuen Synagoge", vorgetragenen 121. Psalm: „Ich hebe meine Äugen auf zu den Bergen" rc., nach der Komposition von K. I. Bischoff, hielt der Direktor der Anstalten, Herr Dr. A. Strelitz, die Festrede, in der er einen Ueberblick über die aus sehr unscheinbaren Anfängen aufsteigende Entwickelung der Erziehungsanstalten gab und deren Wesen und Ziele darzulegen suchte. Ein schicksalsreicher Werdegang ist es wahrlich, den die Anstalten seit: ihrer vor nunmehr 64 Jahren durch. Baruch Auerbach erfolgten Gründung erfahren haben. Diesem edlen Menschenfreunde schwebte im Geiste das Beispiel August Hermann Frankes vor, der, ohne Mittel Anfangs, aber in feiner Glaubenstreue und Willensenergie durch Gönner und Wohlthäter unterstützt, die aus einer Armenschule entstandenen Halleschen Stiftungen zu stets wachsender Höhe zu führen verstanden hat. Festes Gottvertrauen, ein mildes, barmherziges Mitgefühl. mit den Verwaistendazu ein unbeugsamer Wille und ein klarer, kluger Kopf, der sich Freunde für die gute Sache zu werben wußte, das sind die Mächte, die in Baruch Auerbach lebten und ihn den Verwaisten zum zweiten Vater schufen. Varnhagen von Ense spricht in seinen Denkwürdigkeiten einmal darüber, das späte Auftauchen von Waisenerziehungsanstalten innerhalb der Berliner jüdischen Bevölkerung habe wohl in dem kaum empfundenen Bedürfniß nach solchen Instituten seinen Grund, und doch machte sich schon früh in unserem Jahrhundert das Bedürfniß in Berlin bemerkbar, freilich war der stets sich mehrenden Noth, und namentlich der sich vordrängenden, weniger der verschämtsich zurückhaltenden, nur wenig Abhilfe zu bieten. Die Waisen der Gemeinde wurden als Haltekinder für drei Thaler monatlich in Pflege gegeben, ohne daß für ihre Erziehung ausgiebig gesorgt, wurde. Da begann Baruch Auerbach, der Leiter der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, sein im Geiste Pestalozzis geführtes Liebeswerk. Den Keim zu den heutigen Erziehungsanstalten legte er im Jahre 1833, wo er vier Waisenknaben in zwei Hinterstübchen der Gemeindeschule in der Rosenstraße eine nothdürftige Unterkunft gewahrte und für ihre Erziehung sorgte. Doch 'sein Gottvertrauen und die Unterstützung edler Gönners trotz des sich wider ihn erhebenden Spottes, Zweifels, der Anfeindung und mancher Hemmung, ließen .sein Werk wachsen, und nachdem der Schöpfung die Korporationsrechte durch landesherrliche Genehmigung gegeben worden, setzte Baruch Auerbach dem Knaben-Waisenhause nach dessen zehnjährigem Bestände ein Mädchen-Waisenhaus an die Seite, in dem seine edle Gattin den weiblichen Zöglingen eine zweite Mutter ward. Edle Gönner, Männer wie Bendemann, Borchardt, Major Burg, Frauen wie Sara Levy, Amalie Beer, Bertha Hellborn förderten das Waisenhaus, das zu einem „Elternhaus für Waisen" gestaltet .ward. Hochherzige Stifter wie Lasser Joras, der nachmals den Anstalten sein gesammtes Vermögen letziwillig vermachte, ermöglichten, den meist den gebildeten Ständen ungehörigen Waisen eine bessere Erziehung zu geben, so namentlich den Besuch höherer Lehranstalten. Vor 43 Jahren ward das eigene Heim der Waisenanstalten in der Oranienburgerstraße erworben, das bald gänzlich den alleinigen Zwecken der Anstalten dienstbar gemacht werden konnte, und in dem Baruch Auerbach bis in ein Alter von 70 Jahren der Fürsorge seiner Pfleglinge treu und sorgsam lebte.' 30 Knaben und 14 Mädchen umstanden bei seinem Tode die Bahre ihres Wohlthäters und Vaters, und die dreifache Zahl war schon aus den Anstalten ins Leben hinausgesandt worden. 76 Zöglingen konnten die Anstalten nach SOjährigem Bestehen dauernd ihre Fürsorge in leiblicher Pflege, geistiger Unterweisung und in sittlicher Erziehung sowie' in Fürsorge für sie nach ihrer Entlassung widmen, aber schon machte sich das Bedürfniß fühlbar, einen größeren Raum für die Erfüllung der erziehlichen Bedürfnisse zu schaffen, und durch hochherzige Donatoren, an deren Spitze der langjährige Vorsteher Jacob Israel genannt werden muß, ward ein Fonds zu einem Erweiterungsbau der Anstalten angesammelt, der mit Genehmigung der hohen Protektorin „Kaiser Friedrich- Baufonds" genannt würde. Es gelang nach erfolgter Zustimmung der Vorgesetzten staatlichen Aufsichtsbehörden ein viermal größeres Grundstück als das in der Oranienburgerstraße belegene für den Kaufpreis von 300000 Mark zu erwerben und mit 400 000 Mark einen Neubau aufzuführen, der allen erziehlichen und gesundheitlichen Ansprüchen nach dem Zeugnisse eines hervorragenden Experten genügt und von den Architekten Höniger und Sedelmeyr vom April 1896 bis April 1897 vollendet ward. Zahlreiche Spenden sind den Anstalten für die Ausführung ihres Neubaues zugeflossen, doch ist die Vermehrung der Zöglinge, die fast auf das Doppelte nunmehr ermöglicht werden kann, bisher noch nicht ins Werk zu setzen, da noch eine beträchtliche Summe der Einnahmen der Anstalten zur Deckung der Baukosten verwendet werden muß. Es wird jedoch, wie bisher, den Anstalten auch in Zukunft nicht an Gönnern fehlen, so daß diese ihre Ausgabe, die Erziehung der Zöglinge nach der Individualität des Einzelnen und deren Zuführung, zu den für sie geeigneten Berufsthätigkeiten, zu erfüllen auch für eine erhöhte Zahl in den Stand gesetzt sein wird. Auf religiöser