Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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491 am Rande des Kleides, himmelblau und hochroth. In Falten fielen die weiten Aermel, verziert mit purpurnen Fäden herab, und verbargen den schönen Arm der Jungfrau. Sie schnürte sodann die Sohlen an die Füße; zierlich umgab die Schnur den fein geformten Fuß, aber sie verschmähete es, ihn zu schmücken mit Spangen und Glöckchen, denn sie dachte: man möchte Böses von mir denken. Jetzt flocht sie das lange Haar in Zöpfe, wand sie vielmals künstlich um den Scheitel, denn lang und dicht waren die schwarzen Haare, barg den reizenden Schmuck des Hauptes unter die netzförmig gewebte Haube aus schimmernder Leinwand, denn auch diese verstand sie zu weben, befestigte daran den Schleier in der Mitte der Stirn und an den Schläfen, sodaß er dem Auge den Blick gestattete, warf das Oberkleid über, das sie gänzlich verhüllte, und nun war sie fertig. Da bleibt sie plötzlich sinnend stehen, zieht den Fuß zurück, legt den Finger an den Mund, als ob sie über etwas nachdächte. Jetzt schiebt sie behend den Riegel zurück, eilt hinab in den Hof, lockt mit der Stimme, und vom platten Dache des Hauses fliegen ihr zwei Tauben auf die Hand. Sie seufzt erst, lächelt dann, bindet sie fest, und verbirgt sie unter den Mantel. Nun öffnet sie leise das Pförtchen des Gartens, denn sie wollte der zärtlichen Mutter den Kummer des nochmaligen Abschieds ersparen. Aber die Mutter hätte sie belauscht; eben als Nathanja sich umwandte, um durch das Thürchen zu schlüpfen, ergriff sie die Tochter am Saume des Oberkleides. „Böse Tochter," schalt sie mit gutmüthigem Tone, „willst Du mir so entlaufen? Willst Du die alte Mutter verlaßen ohne den Abschiedskuß d Ach gewiß steht Dir der Sinn mehr nach den feingelockten Jünglingen Jerusalems, als nach der alten besorgten Mutter!" Nathanaja sah die Mutter wehmuthsvoll mit ihren großen, blauen Augen an und schwieg. Der Mutter aber that das Wort wehe, das sie gesagt hatte; sie umschlang den Hals des Mädchens und drückte sie an ihre Brust. „Meine gute Tochter, laß dich nicht bekümmern, was meine Lippen sprachen; mein Herz war nicht dabei." Die Tochter warf den Schleier zurück, umfaßte die Mutter, drückte ihr einen heißen Kuß auf die Lippen, streichelte ihr die Wangen und sprach: „Mutter, Du kannst mir nicht wehe thun; theuerste Mutter, weiß ich doch, wie Du mich liebst!" Sie sinken einander in die Arme; fest drückt die Wittwe die geliebte Tochter an das Herz, fest umschlingt die Tochter der Mutter Hals. Jetzt reißt sich die Letztere los, noch einen Kuß drückt sie, wieder zurückkehrend. der Mutter auf die Hand, läßt den Schleier fallen, schließt das Pförtchen und verschwindet im Schatten der hohen Palmen. Die Wittwe aber wendet das thränende Auge nach der Stelle hin, - wo die Tochter ihren Blicken entschwand, sinkt dann nieder aufs Knie, hebt das Antlitz gen Himmel und spricht schluchzend die Worte Davids : „Ich schau empor nach jenen Bergen, Wo kommt mir Hilfe her? Vom Ewigen kommt meine Hilfe, Der Himmel schuf und Erde!" „Er läßt nicht gleiten deinen Fuß, Dein Hüter schlummert nicht. D nein, er schläft, er schlummert nicht Der Hüter Israels!" „Er fei dein Hüter, er beschatte dich Zu deiner rechten Hand! Dir schadet nicht des Tags die Sonne, Der Mond dir nicht des Nachts!" „Der Herr behüte dich vor Uebel, Hüte deine Seele! Behüte dich, du gehst, du kommst. Wie jetzt, so alle Zeit!" Die Sonne stand schon hoch am Himmel, da kam Nathanaja in die Gegend von Bethlehem, und als sie bei einem einsam stehenden Häuschen vorbei kam, nahete sich ihr ein ehrwürdiger Greis. Als das Mägdlein ihn gewahrte, verbeugte sie sich tief; denn es steht geschrieben: „Vor dem greisen Haupte sollst du auf-/ stehen und das Angesicht der Alten ehren." Des Mädchens be scheidene Weise gefiel dem Alten, und er lud sie freundlich ein zum Mittagsmahl in seinem Hanse. Nathanaja folgte dem Greis, ohne erst in sich dringen zu lassen; denn es ist ein allgemeiner Brauch in den Ländern gen Sonnenaufgang, den «lüden Wanderer zu laben und gastfreundlich das Haus zu öffnen jedem, der vorüberzieht. Nachdem ihr die Sklavin die Füße gewaschen hatte, setzten sie sich zu Tische, und als Nathanaja nach.dt'm Esten gedankt hatte für das gute Land, das Gott Israel gegeben, entschuldigte sie sich bei dem Alten und setzte ihre Reise fort. Er aber entließ sie und segnete sie, ehe sie ging, und sprach: „Der Gott unserer Voreltern lasse deinen Weg gelingen." Die Sonne neigt^sich schon gegen Abend, da stand Nathanaja auf dem' Berge, der zwischen Bethlehem, Jehuda und Jerusalem, liegt. Weit konnte das Auge umherstreifen. Dort im fernen Osten funkelte das Salzmeer, von hier aus schöner anzusehen als in der Nähe. Prachtvoll, spiegelglatt erblickte man die runde Wasserfläche, majestätisch umgeben mit hohen Gebirgen, die kühn die Stirn gen Himmel hoben; der Himmel über ihm glänzt rein, in durchsichtiger, lieblicher Bläue. Weiter hinauf sah man den Jordan schimmern zwischen undurchdringlichen Felsen; nur hier und da verweilte das Auge bei den fernen lieblichen Pflanzungen Jerichos, die unterbrochen waren von kahlen, nackten Gebirgen; zur Mittagsseite lag das Gebirge Juda, das kühn sich erhob über die anderen alle, so wie auch Juda hervorragte unter seinen Brüdern. Als aber Nathanaja den Blick wandte gegen die Mitternachtsseite, da leuchteten ihr von Moriahs Höhen majestätisch entgegen die goldbelegten Zinnen des Tempels, wo Jehova thronte in Pracht und Majestät. Nieder sank sie aufs Knie, tiefe Ehrfurcht im Herzen, von heiligem Schauer durchdrungen, fühlte sie demüthig das Nichts des Menschen, die unendliche Größe Jehovas. Dort, dort thronte er also, dort lag das Haus, das er erwählt hatte, hier im Thale die gottgeliebte Friedensstadt. „Heilige Stätte, du Stadt, über die das Auge Gottes wacht, Fürstin der Völker, Königin der Städte, du Haus des Hochgebenedeiten, du Sitz des Friedens und des Rechts, sei hochgesegnet, sei mir willkommen! Nie kann sich Unglück deinen Mauern nahen, nie kann ein^Unheil dir begegnen, dein Helfer ist dir nah!" Und als sie die Zinnen des Heiligthums erblickte, da sprach sie: „Hochgepriesen seiest du, Gott Zebaoth, Schöpfer des Alls, Herrscher in Israel. Gnädig hast du diesen Berg erwählt vor allen Bergen deiner großen Welt, zum Lohn der Kiudestreue der heil'gen Väter in der alten Zeit. Ich kam hierher, Gerechtigkeit Bedrängten zu erflehen, und nun, o Herr! nun fleh' ich auch für mich! Du hast doch selbst in unser Herz gelegt den reinen Trieb, das liebende Gemüttz, ach, Ewiger, erfülle meinen Wunsch!" Und sie blickte abermals hin nach Moriahs Zinnen, da ertönte von den Thürmen des Tempels der schall der Posaunen, zum Zeichen des Vesperopfers. Als aber verklungen war der Posaunenschall, da vernahm sie liebliche Töne der Harfe hinter sich, begleitet von dem Chore einer größeren Menge. Wunderbar stimmte der Gesang zu den'Gefühlen der Jungfrau. Jetzt näherte sich der Zug allmälig, und da gewahrte Nathanaja, daß es ihre Brüder waren aus Juda, welche die Erstlinge ihres Erdreichs nach Jerusalem dem Ewigen als Dankopfer brachten. Es war eine lange Reihe von Wagen, jeder zierlich geschmückt. Vor den Wagen gingen die jungen Stiere, die als Erstgeborene geweiht