Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
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490 Viel wichtiger noch ist der Beweis aus der Terminologie der Inschriften. Der griechische Ausdruck für „Anbeter des höchsten Gottes" bezeichnet bei den Juden solche Nichtjuden, „die sich 'zum jüdischen Gottesdienst hielten und die elementarsten'jüdischen Speiseuud Reinheitsgesetze beobachteten, ohne feste Abgrenzung und ohne durch die Befchneidung in den Verband der jüdischen Gemeinde eiuzutreten". Solcher Vereine und Gemeinden von „Gottesfürchtigen" gab es damals sehr viel. Die jüdische Diaspora hatte sich auf heidnischem Boden ansehnlich ausgebreitet. Philo erzählt: „An allen Orten trifft man sie; sie bewohnen die'meisten blühenden Städte auf dem Festlande und den Inseln Europas und Asiens. Sie halten zwar die heilige Stadt, da sich in ihr der Tempel des höchsten Gottes befindet, für die Metropole, aber das Land, wo sie feit der Väter und Urväter Zeiten wohnen, betrachten sie als ihr Vaterland, da sie dort geboren und erzogen wurden." Und Josephus erzählt: „Die jüdische Nation hat sich über die ganze Erde hin unter den Völkern zerstreut." Es war daher keine poetische Ueberschwenglichkeit, wenn die jüdische Sibylle schon um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts behauptet, daß „jedes Land und , Meer von diesem Volke erfüllt sei". Die Apostelgeschichte erhärtet diese Thatsache aus späterer Zeit. Sie erzählt von den „gottesfürchtigen Männern" aus allerlei Volk, das unter dem Hiinmel ist, und die die großen Thaten Gottes reden. Paulus fand fast überall, wohin er kam, diese „Gottesfürchtigen" und hatte unter ihnen mit seiner Propaganda besondern Erfolg. Gingen also die Kultvereine in Tanais auf jüdischen Einfluß zurück, so darf das griechische Wesen in ihnen doch auch nicht übersehen werden. Auf mehreren der Inschriften befindet sich das Bild eines ' Adlers, .was freilich auch noch kein ausreichender Beweis dafür ist, daß jener Kult den alten Zeus noch nicht-ganz verworfen hatte. Andere haben gar keinen bildnerischen Schmuck. In jedem Falle waren diese Institutionen eine Frucht jüdischer Propaganda in jenen fernen Ländern. „Die Männer, die diese Vereine gegründet haben, haben sich von ihren jüdischen Lehrmeistern auf einen „höchsten" Gott Hinweisen lassen, der mit keinem Namen genannt werden darf, und neben welchem es auch keine anderen Götter giebt. Sie haben. aber mit diesem jüdischen Monotheismus Elemente der griechischen Zeusvorstelluug verbunden, die auch ihrerseits dem Monotheismus zustrebten." Diese Erklärung findet Schürer, in ähnlichen Bildungen aus späterer Zeit bestätigt, nämlich in den bei den Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts erwähnten Hypsistariern und ihren Verwandten, den Eoelieolso, die in den Erlassen der Kaiser Honorius und Theodosius aus dem Jahre 408 n. Ehr. als judaisirende Sekte genannt werden. Die jüdische Propaganda hat also namentlich in Kleinasien und Syrien früher wie später zu jüdisch-hellenistischen oder jüdisch-parsistischen Mischbildungen geführt. „Die innere Kraft des Monotheismus, welchen die Juden vertraten, hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Andererseits wohnte auch der griechischen Religion in ihrer späteren Entwickelung ein gewisser Zug zum Monotheismus inne. Dazu kam der Einfluß anderer orientalischer Religionen, die ebenfalls einen monotheistischen Zug aufweisen." Die konvergirenden Linien hat Schürer zu einem feinen und getreuen Bilde jener Zeit vereinigt. Die Konstituirung der Kultvereine des unsichtbaren Gottes auf der taurischen Halbinsel ist ein lehrreicher Vorgang für die vorchristliche jüdische Propaganda. Zwar hatte man schon vorher angenommen, daß die Bildung freier heidenchristlicher Gemeinden nicht ausschließlich das Werk des Paulus gewesen sein könne. Renan hatte bereits gesagt: „Die Gründung des Christenthums würde sich nicht erklären ohne' die Synagogen, von denen die Uferwelt des Mittelmeeres schon bedeckt war, als Paulus und die übrigen Apostel sich in Bewegung setzten, um ihre Reisen auszuführen." Und an einer andern Stelle: „Die Lehre Jesu ließ sich sichtbar den eigenthttmlichen Reiz zu Statten kommen, den das Judenthum bis dahin über die frommen Heiden ausgeübt hatte." Den fast unumstößlichen Nachweis aber für die vorapostolische Propaganda des einheitlichen Gottesgedankens, der von Judäa ausgegangen,- hat nunmehr ein deutscher Forscher gar aus kimmerischer Finsteruiß hervorgeholt. G. K. -1 IßmlUMl: 1-1 L:--::.:-—---1 MMWMiuttMMMMMMffMMMfftMMMWWjWitWMMWWWW 1-1!--9 Ukdiwnimnutttt j 1 | FEUILLETON | 1 :-1 I-1 I".....-5Ü- I 1—1 1—^ Nathanafa. Eine altjüdische Novelle von Carl Weil. (Fortsetzung.) ls nun das Jubeljahr verflossen war, und der harte Ammonite den armen Benoni doch nicht hatte ziehen lassen, da sprach Nathanaja zu ihrer Mutter: „Siehe, Mutter, ich habe ein Gelübde gethan dem Herrn. So laß mich nunhinaufziehen gen Jerusalem, daß ich dem Könige das Unrecht des Ammoniten klage und die Menschenscheu der Aeltesten unserer/Stadt." Die Mutter weigerte sich zwar erst, als aber das Mädchen darauf'bestand,, sagte sie: „Nun denn, in Gottes Namen/wenn Niemand sich der Bedrängten annimmt, so kann der Herr auch wohl Hilfe schaffen durch ein schwaches Mädchen. Ich bin zu alt, mit Dir zu gehen, wenn ich gleich vor meinem Tode gern noch einmal Gottes Tempel schauen niöchte. Der Herr, der Abraham führte aus Padan Aram, der unsere Voreltern in der Wüste vierzig Jahre lang speisete mit der Manna des Himmels, der gesprochen durch seinen Diener David : „Aus dem Munde der Säuglinge und der Lallenden vergrößert sich mein Reich", er schicke seinen Engel vor Dir her und führe Dich gebahnte Straße. Er mache Dir das Ohr des Königs geneigt, daß Du der Unschuld Recht verschaffen mögest, dann werden mich die Mütter selig Preisen, die Jünglinge Dein Lob verkünden!" Nathanaja kuieete nieder, und die Mutter legte die Hände auf ihr Haupt und segnete sie, dann hob sie sie auf und drückte sie an ihre Mutterbrust; Beide weinten laut, aber die Mutter am meisten. Die Tochter sprach besänftigend: „Seid ruhig, Mutter, der Gott meines Vaters wird Euch schützen!" Als aber die Mutter den geliebten verstorbenen Mann nennen hörte, da schluchzte sie noch heftiges und ihre Thränen rannen in Strömen. Endlich, da die Tochter sich losgerissen hatte und in ihr Kämmerlein eilte, sich anzukleiden, da suchte die'bekümmerte Mutter den einsamsten Winkel des Häuschens und weinte bitterlich. Nathanaja aber schob, als sie ihr Kämmerlein erreicht chatte, behutsam den hölzernen Riegel in die vorstehenden Reife, blickte besorgt durch das Gitter, ob Niemand lausche, und eilte dann,-sich zur Reise zu kleiden. Sie warf zuerst um das kurze. Ketoneth, am Busen verbrämt mit künstlichen Stickereien, ,ein Werk ihrer Hände. Noch war der Fuß entblößt bis über das Kniee, aber die Aermel des Kleides schlossen dicht am Gelenke der Hand. Nun ergriff sie schnell das andere Untergewand, das in zierlichen Falten herabfiel bis auf die Sohlen der Füße, weiß, von Wolle gewebt, eine. Arbeit des kunstverständigen Mädchens; zierlich waren auch Blumen eingewirkt