Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Der Graf.von Cu sti n e wollte noch weiter gehen und wünschte, daß die Nationalversammlung die Freiheit der öffentlichen Ausübung' sämmtlicher Kulte beschließe. Da erhob sich der Pfarrer an der heiligen Kreuzkirähe zu Metz, Thiebault und protestirte im Namen der „allein wahren" Religion gegen diesen Antrag. — Darauf wurde die Angelegenheit von der Tagesordnung abgesetzt. Allein der Geist der Zeit läßt sich nicht unterdrücken; mit Parteimanövern vermag man ihm nicht beizukommen. Schon zwei Tage später lag die Frage wieder der Nationalversammlung zur Entscheidung vor. Der Graf von Clermont-Tonnerre eröffnete die Debatte mit dem unwiderleglichen Beweise aus der Erklärung der Menschenrechte, daß niemand wegen seines religiösen Bekeuntniffes angefochten werden dürfe, wenn dadurch die öffentliche Ordnung nicht gestört wird. Giebt es also, so fragte der wackere Abgeordnete, noch Gesetze, welche die Protestanten von den öffentlichen Funktionen ausschließen? Giebt es noch solche, welche den Juden selbst die Qualität von Bürgern versagen? Die Abschaffung dieser Gesetze verlange ich, gegen diese Vorurtheile bitte ich Sie die Ehrfurcht gebietende Stimme des Gesetzes zu erheben. Der Abbe Maury und der Bischof von, Nancy, Lafarre, bekämpften diese Schlußfolgerungen; der erste, indem er das Schreckgespenst der gewaltsamen Wegnahme des öffentlichen Vermögens durch „die Söhne Abrahams" an die Wand malte, der andere, weil er den Verpflichtungen, die er von seinen Wählern übernommen hatte, gerecht werden wollte. Adrien Duport schlug eine dem Antrag Clermont-Tonnerre's konforme Gesetzesfaffuug vor. Endlich las Brunet de Latuque seine Motion nochmals vor und verlangte für sie die Priorität, die mit 408 Stimmen gegen 403 bewilligt .wurde. Am 24. Dezember wurde die Diskussion fortgesetzt. Hell, der Abgeordnete für Hagenau und Weißenburg, verlangte die Assimilation der Juden, jedoch unter sehr wichtigen Beschränkungen. Der Prinz von Broglie, der Deputirte von Colmcw machte diesbezüglich noch viel weitgehendere Vorbehalte. Rewbel unterstützte diese Forderung mit vieler Entschiedenheit und verlangte noch größere Garantien. Barn ave jedoch vertheidigte die Proposition Brunet de Latuques, indem er ste als eine'Folge der Erklärung der Menschenrechte und der Gleichheit und als eine Forderung der Humanität bezeichnete. Robespierre pflichtete ihm im Sinne der angenommenen Prinzipien bei. Ueber Mirabeaus Vorschlag, der diesmal seine Vergangenheit verleugnete und einem Interesse der parlamentarischen Taktik die Sache der Juden opferte, beschloß die Nationalversammlung, den Antrag de Latuques zu Gunsten der Nichtkatholiken anzunehmen, ohne jedoch dadurch eine Präjudiz bezüglich der Juden zu schaffen, über deren Angelegenheit die Versammlung ein anderes Mal schlüssig werden sollte. Es war dies nicht etwa eine geschickte Ablehnung der Gleichberechtigungsfrage, die dadurch nicht wieder 'auf die Tagesordnung gesetzt werden sollte; das war nicht Mirabeans Absicht, noch wäre es ihm gelungen, wenn er sie auch gehegt hätte, sie durchzusetzen Der Stadtrath und der Maire von Paris drängten die Nationalversammlung zur endgiltigen Entscheidung dieser Angelegenheit, mit der sie sich schon seit dem August 1789 ernstlich beschäftigt hatten, um welche Zeit auch die Nationalversammlung von den Juden um die Gleichberechtigung angegangen worden war. Damals, am 1. September 1789, beschloß die Nationalversammlung, in einer besondern Sitzung dieses Anliegen der Juden in Berathung zu ziehen. Am 3. September geschah es dann, und es wurde eine Kommission zur Vorberathung ernannt. Am 14. Oktober erschien eine Deputation der Juden des Elsaß und von Lothringen vor den Schranken der Nationalversammlung. Ihr Wortführer war der wackere Jsak Beer. „Meine Herren," so lautete seine Ansprache, „im Namen des Ewigen, des Urquells aller Gerechtigkeit und aller Wahrheit, im Namen Gottes, der einem Jeden die gleichen Pflichten auferlegt und dafür die gleichen Rechte zuertheilt hat, im Namen der seit so vielen Jahrhunderten durch die schmähliche Behandlung, welche beinahe in allen Weltgegenden die unglücklichen Nachkommen des ältesten aller Völker zu erdulden hatten, beschimpften Humanität kommen wir Sie heute beschwören, Sie mögen unserem bedauernswerthen Zustand Ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Ueberall verfolgt, überall 'erniedrigt, und gleichwohl überall gehorsam, niemals rebellisch, bei allen Völkern der Gegenstand der Verachtung und der Entrüstung, während sie vielmehr der des Mitleids und der Duldsamkeit sein sollten, haben die Juden, die wir vor Ihnen vertreten, es gewagt, zu hoffen, daß Sie inmitten der wichtigen Arbeiten, welche Sie beschäftigen, ihre Bitten nicht zurückweisen und ihre Klagen nicht verschmähen werden. Sie werden mit einer gewissen Theilyahme die schüchternen Einwendungen anhören, welche sie aus der tiefen Erniedrigung, in der sie begraben sind, zu erheben wagen. Wir werden^ meine Herren, Ihre Zeit nicht vergeuden, um Sie über die Natur und die Gerechtigkeit unserer Bitten zu unterhalten; denn sie sind enthalten in den Denkschriften, die wir die Ehre haben, Ihnen zu überreichen. Daß wir doch Ihnen eine weniger schmerzliche Existenz verdanken könnten, als es jene ist, zu der wir verurtheilt sind. Daß doch der Schleier der Schmach, der uns seit so langer Zeit bedeckt, über unseren Häuptern risse! Daß uns doch die Menschen als Brüder betrachteten! Daß diese götttliche Liebe, die Ihnen so besonders empfohlen wurde, sich auch auf uns erstrecktes Daß eine vollständige Reform der schmachvollen Institutionen, denen wir unterworfen sind, sich vollziehe und daß diese bislang vergeblich ersehnte, von uns mit thränenden Augen erbetene Reform Ihre Wohlthat Ihr Werk sei!" Der Präsident erwiederte: „Die schwerwiegenden Motive, welche Sie zur Unterstützung Ihrer Bitten geltend machen, lassen die Nationalversammlung diese nicht ohne Theilnahme anhören. Sie wird Ihr Ansuchen in Betracht ziehen und sich glücklich fühlen, Ihre Brüder der Ruhe und dem Glücke zuzuführeu; vorläufig können Sie Ihre Sender darüber in Kenntniß setzen." Die Nationalversammlung beschloß, daß diese Angelegenheit noch im Laufe der Session verhandelt werden sollte. Wir wissen, daß das Ergebniß nicht gerade das zufriedenstellendste war. Da stellte Godard, einer der Vertreter der Pariser Kommune, dem Stadtrathe eine jüdische Deputation am 28. Dezember 1789 vor, welche um die Abschaffung der Ausnahmegesetze bat, unter denen die Juden so viel zu leiden hätten. Godard that dies in Begleitung einer sehr warmen Rede; der Präsident des Stadtrathes, der AbbeMulot, gab eine ebenso wohlgesinnte als geschickte Antwort. Einen Monat später, am 30. Januar 1790, erschien wieder eine Gesandtschaft der Juden vor der Kommunität der französischen Hauptstadt. Ihr Wortführer, Cahier de Gerville, unterstützte das Anliegen der Juden aufs Wärmste, indem er auf ihren Patriotismus hinwies, den sie seit dem Beginne der Revolution bethätigt hatten. Der Vorsitzende des Stadtrathes gab ihnen neuerdings die Versicherung seines und des Magistrates Wohlwollens und der günstigen Erledigung ihres Anliegens. Der Abbö Bertholio, einer der einflußreichsten Stadträthe, trat in einer sehr bemerkens- I werthen, wohldurchdachten Rede für die Zuerkennung der un-