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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-08 · Heft 41 (8.10.1897) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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.Tiefen der Seele quellen. Ja, selbst bei wirklichen Wohlthaten wird uns der Dank zur Last, wenn wir merken, daß das gute Werk nicht aus reinen Trieben entsprosten ist. Darum ist es so schwer, gerade Denen Dank abzustatten. Hier gilt die Erfahrung: Die ihn nicht suchen, finden ihn. und die ihn verlangen, verlieren ihn. Die reinste Genugtuung über ein gutes Werk besteht in dem Guten, das wir schaffen; der wahrhaft Brave, der in seiner Jugend durch gute Menschen gefördert worden ist, dankt am liebsten und besten dadurch, daß er später gleiche Liebesthaten ausübt; wie jede andere Empfindung, so ist auch der Dank ein um, so innigerer, je mehr er das Gepränge der Worte meidet. Aber wenn der Dank gegesi die Menschen oft genug als ein Drück empfunden wird, so ist der Dank gegen Gott nur eine Erlösung. Israel feiert heute solch ein Dankfest Mr die Ernte, die in die Scheuer gebracht ist. Das schwere Werk eines Jahres ist für den Landmann zu Ende; aus der Aussaat, die wir in den Acker streuten, ist der- Ertrag geworden, der uns; jetzt vor dem bittersten Feinde des Menschengeschlechts, vor bem Hunger, schützt. Aber wenn der Landmann auf all den Segen blickt, dann löst sich aus seiner Brust der Jubelruf: Gott sei Dank, daß.die Naturgewalten meiner Arbeit nicht Feinde, sondern Freunde gewesen sind! Mitten in der Arbeit, da drängt ein Geschäft das ändere, da fehlt die Sammlung zum Gebete; aber wenn das Werk vollendet ist, da tritt vielleicht dem Landmann mehr als jedem anderen Menschen der Gedanke vor die Seele: Dein Mühen wäre umsonst gewesen ohne Gottes Schutz, . und die Religion kommt uns nur zu Hilfe, indem sie ein Dankfest anordnet, indem sie unserem heißen Empfinden zum rechten Ausdruck verhilft. „Weil Du der Allgütlge bist, darum ist es schön, Dir zü danken", heißt es im Gebete. Was die fadenscheinige Tugend der Menschen spendet, ist oft des Dankes nicht werth, ist oft gespendet^ um zu prunken, um Preis und Ehre zu gewinnen, um sich einen Genossen zu verpflichten, daß er zu jedem Dienste bereit sei. Nur den: Gütigen zu danken erfreut, und darum ist es schön, Gott zu danken, weil er die ewige Güte ist. Natürlich geht das Erntefest nicht nur den Ackersmann, sondern uns Alle an. Wenn Dürre oder Regen die Saaten vernichtet, und die Scheuer bleibt leer, hungert da nur der Landmann? Wenn das Brod wohlfeil ist, und jedes Verlangen nach Sättigung gestillt werden kann, ist es nicht ein Segen für Alle? Es ist die engherzigste und blödeste Anschauung, das Fest der Ernte auf Diejenigen zu beschränken, die sie einfahren. Aber würden die schönsten Dankespsalmen Gott erfreuen, wenn Der, der eine reiche Ernte sein Eigen nennt, herrisch und hochfahrend würde, wenn der Besitz ihn übermüthig machte! Wie Viele, die die Prüfung der Armuth gut bestanden haben, sind bei der Prüfung des Reichthums unterlegen; Hoffahrt ist in ihre Seelen eingezogen, und das Gold ist ihr Götze geworden. Unsere Alten sagen: Wer sich größer dünkt als seine Genossen, der ist schon ein Unterthan böser Triebe geworden. Darum, willst du Gott danken für den Segen, den du erfahren hast, so nimm die Bach weide in die Hand, so zeige dich im Glück demüthig und bescheiden. Und wer Besitz hat, der hat die Pflicht, nicht nur seinem Körper, sondern auch seinem Geiste zu leben, daß gebildete und anmuthige Rede seinem Munde entströme, daß wie ein lieblicher Duft sein liebliches Wort die Genoffen erfrische; danke Gott mit der Myrthe, dieser duftigen, anmuthigen Pflanze, dem holden Sinnbild geistiger Frische, die weithin erquickt und labt. Und vergiß in deinem Glücke nicht Derjenigen, die das Glück entbehren; die beste Form, sich für empfangene Wohlthat erkenntlich zu zeigen, ist selbst wohlthätig sein, und kein Mensch wird dies mit stolzem, unfreundlichen Sinne thun, der es weiß, daß er nicht seines Glückes Meister ist, sondern es auch nur wie eine . Gnade empfangen hat Danke Gott mit dem Etrog, dieser, süßen, schönen Frucht, mit einem fröhlichen, liebeerfüllten, liebespendenden Herzen. Vor allem aber werde nicht der Sklave deines Glückes; es giebt einen Reichthum, der der Feind seines Herrn ist, der' ihm Sorge bringt statt Freude, der sich wie ein Schwergewicht an seine Füße hängt und jeden Aufschwung lähmt. Da wird gerechnet, daß dieser Reichthum um keinen Deut sich mindere, sondern stets wachse und sich mehre. Alle Gedanken haften an diesem Mammon. Erhebe deinen Geist, denke an deinen höheren Beruf, werde nicht der Knecht, der dem Golde dient, über dasselbe wacht, sondern bleibe der Herr, der es mit Weisheit nutzt; nicht zur Erde herab, sondern zum Himmel hinauf richte sich dein Auge! Danke mit dem Palmzweige, dem Zweige jenes stolzen Baumes, der hoch hinausragt über seine Genossen. Wohl Dem, der alle diese Tugenden zu einem.Bunde vereinigt, der Gott dankt, indem er im Glücke demüthig bleibt, indem er die Gaben des Geistes pflegt und entfaltet, indem er fröhlich spendet und den eigenen Sinn nicht an das Irdische bindet. Dieses letztere ist das Wichtigste, darum wird über den Palmzweig der Segen gesprochen. O, wie süß ist es, Gott zu danken, der nicht Gefallen daran hat, uns zu beugen und zu demüthigen; wie schön ist es, das Wort des Sängers zu erfüllen: Danket dem Ewigen, denn er ist gut, und ewig währt seine Liebe. w Die Woche. ® Berlin, 4. Oktober, ei den Landtagswahlen in Sachsen, die in der vorigen Woche stattgefunden, ist die antisemitische Reformpartei in die Brüche gegangen. Ein einziger Antisemit wurde gewählt, und auch diese Säule der Partei ist schon „geborsten, kann stürzen über Nacht". Man betrachtet diese Niederlage als ein Vorspiel zu dem Schicksal, daß der Partei bei den nächsten Reichstagswahlen bevorstehen soll. Ob die politischen Wettermacher Recht haben, wissen wir nicht — aber ein bedenkliches Zeichen ist es immerhin, daß die Natten das Schiff verlassen und die guten Freunde bedenklich abzurücken beginnen. So konstatirt die „Kreuzzeitung", die ihrer Stammes- und Seelenverwandtschaft mit den Antisemiten völlig uneingedenk geworden ist, diese Niederlage mit bemerkenswerther Freude. Das Blatt läßt sich, indem es die Hoffnung auf eine Bekehrung und Rückkehr der Antisemiten zur konservativen Mutterpartei noch nicht ganz aufgeben will, wie folgt aus: „Ihr Ansturm gegen das indirekte Wahlrecht hat ihnen also gar nichts genutzt, und gleichzeitig ist jetzt klar geworden, daß sie nur in den unteren Gesellschaftsschichten, das heißt in der dritten Wählerklasse, einen gewissen Anhang besitzen. Dieser kann sich mit dem der Sozialdemokratie offenbar nicht im Entferntesten messen. Bei den nächsten Reichstagswahlen wird sich das wahrscheinlich noch viel klarer zeigen, und zu verwundern wäre es nicht; denn wie in Hessen, so scheint auch in Sachsen das radikal-agitatorische' Moment das antisemitisch-sozialreformerische mehr und mehr zurückzudrängen, so daß es vielen Leuten allerdings einfacher Vorkommen mag, sich der allerradikalsten Partei, das heißt der Sozialdemokratie, ohne Umwege anzuschließen. Was an den Zielen der Reformpartei bisher berechtigt war, braucht darunter nicht zu leiden; denn auch von anderer Seite wird es ja vertreten." Das heißt ins Deutsche übertragen, den Antisemitismus will die konservative Partei gern als Erbschaft aus dem Nachlaß der christlich-sozialen Reformer übernehmen. 4r

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