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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-08 · Heft 41 (8.10.1897) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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Sie übersehen vollständig, daß ihnen ihre jüdische Abstimmung von den vornehmen Mitstreblingen ja doch nie vergeben wird, und daß gerade ste sich doppelt und dreifach lächerlich machen, wenn sie ihre gesellschaftlichen Talente darin erschöpfen, es den „feudalen" Herren glücklich abzugucken, wie sie sich räuspern und wie sie spucken. Das Neueste auf diesem Gebiete ist eine merkwürdige Art der Armverrenkung, die ein Handreichen nach berühmten Mustern darstellen soll. Es ist eine Kleinigkeit, aber es ist überaus bezeichnend. Wenn da der eine oder andere Jüngling von unverkennbarer Echtheit orientalischer Eigenschaften aus.Nützlichkeitsgründen sich der Taufe unterzogen. hat und nun glaubt, den antisemitischen Urdeutschen in serviler Gesinnung womöglich noch um einige Pferdelängen vorauseilen zu sollen, so wird damit doch weiter nichts erreicht, als die Bestätigung der Nothwendigkeit, Ueberläufer mit einem geringen Maße der Achtung zu behandeln, und dieses Mindermaß der Achtung, das von der vollsten Nichtachtung, nicht gar weit entfernt ist, ckreffen diese Ueberläufer zuerst auf Seiten ihrer neuen Bundesbrüder an, für die der neu evangelisirte Herr Reservelieutenant oder Referendar, dessen Vater ein ehrsamer jüdischer Kaufmann ist oder war, doch „der Jude" bleibt, trotz alledem und alledem. Diese faden, eitlen Gecken, die gerade das jüdische Ueberläuferthum in reicher Zahl vorweist, sie bilden eine Spielart der Streblinge, die der Kulturgeschichtsschreiber um so weniger übersehen wird, da wir hier erst in den Anfängen einer Zeiterscheinung stehen, die bei einer längeren Dauer des gegenwärtigen!^ Zustandes unseres öffentlichen Lebens uns noch mancherlei des Interessanten darbieten dürfte." * lieber die Lage der Juden in Finnland liefen in den letzten Wochen sehr verschiedenartige Mittheilungen durch die Blätter. Thatsächlich haben die russischen Juden erst im Jahre 1859 das Aufenthaltsrecht in Finnland erhalten; in jenem Jahre gewährte das Parlament von Helsingfors den jüdischen Soldaten (welche in den finnischen Regimentern ihren Dienst absolvirten), das Recht, auch nach ihrem Austritt aus der Armee ihren Aufenthalt im Großherzogthum zu behalten. Die Nachkommen dieser Soldaten haben dort Fuß gefaßt; sie sprechen die Landessprache und führen das Leben ehrbarer Handwerker. Jndeffen hat man seitdem Maßnahmen getroffen gegen die aus Rußland kommenden Juden; einige dieser Maßnahmen zielten auf die Nachkommen jüdischer Soldaten. Bei verschiedenen Gelegenheiten, namentlich in den Jahren 1872, 1887, 1889 und 1895, versuchten es die liberalen Mitglieder des Senats, diese Einschränkungen aufzuheben und die' jüdischen Einwohner (ihre Zahl beträgt nur 742) als freie Bürger erklären zu lassen, mit vollem Genuß aller politischen und bürgerlichen Rechte. Die Liberalen begegneten immer der Vereinigung der Bauern und geistlichen Abgeordneten. Diese waren dem Vorschlag entgegen unter dem Vorwand, daß, sobald diese Freiheit den finnländischen Juden gewährt sein würde, eine große Menge russischer Juden das Großherzogthum überschwemmen würde. Während der letzten Senatssitzung wurde diese nämliche Frage ventilirt. und der Erfolg war annähernd derselbe; die Bauern und namentlich die geistlichen Abgeordneten blieben bei der Opposition. Die Debatten waren stürmisch, schließlich beschränkten die Liberalen ihre Ansprüche zu Gunsten der Juden auf folgende zwei Forderungen: 1. Freies Recht für die Juden, Ehen einzugehen. 2. Gründung von Synagogen. Unter dieser Form hofft man im Laufe der nächsten Tagung, die im Oktober stattfinden wird, einen günstigen Erfolg zu erringen. Es muß bemerkt werden, daß der jüdische Kultus in Finnland nicht anerkannt wird. Jeder finnländische Jude kann sich mit einer Christin verheirathen, ohne seinen Glauben aufzugeben, aber seine Kinder müssen dem Protestantismus angehören; unter diesen Bedingungen darf er seinen Aufenthalt in Finnland behalten. Sobald ein finnländischer Jude eine Jüdin ehelichen will, wird er alsbald ausgewiesen. Die Juden sehen sich daher vor die Wahl gestellt, entweder Junggesellen zu bleiben oder Christinnen zu ehelichen. Dieser schiefen Sachlage möchte die liberale Partei ein Ende machen. Uebrigens hat sogar die Polizei in Helsingfors auf eine nichtswürdige Denunziation hin jüngst folgenden Bescheid gegeben: „Was zunächst die Beschwerde anbetrifft, daß hier angesessene Israeliten Ehen eingßgangen sein sollen, so muß daraus aufmerksam gemacht werden, daß die Polizei gar keine Möglichkeit hat, in der erwähnten Hinsicht die hier weilenden Israeliten zu kontroliren (es giebt dort noch keine Standesämter. Red.); die hiesige israelitische Kolonie steht gewissermaßen außerhalb des Gesetzes; sie hat keine Organisation und ist auch gar nicht verpflichtet, der Obrigkeit über die Familienverhältnisse ihrer Mitglieder Mittheilungen zu machen. Der Polizei bliebe sonst nichts anderes übrig, als jedes Mal, sobald gerüchtweise verlautet, daß eine israelitische Ehe abgeschlossen wäre, durch ihre Geheimagenten nachzuforschen, inwiefern das Gerücht begründet ist oder nicht; es wird Jedem einleuchten, daß solche Nachforschungen etwas sehr Odiöses an sich haben. Die Polizei hat es auch unterlassen, gegen diese Ehepaare einzuschreiten, weil es ihr bekannt ist, daß an hohem Ort eine Abänderung der geltenden Bestimmungen beabsichtigt wird, und daß demnächst den sich hier aufhaltenden Israeliten gestattet werden dürfte, Ehen einzugehen, ohne dadurch ihr Aufenthaltsrecht in Finnland einzubüßen. Unter diesen Umständen wäre es, nach der Auffassung der Polizei, ganz unmenschlich gewesen, diese Personen zu zwingen, das Land und ihre Angehörigen zu verlassen." * Im „American Jsraelite" finden wir den Bericht über die Eröffnungsfeier des Hebrew Union College für das Schuljahr 1897/98 und die wahrhaft glänzende Rede, die der greise Rektor der Anstalt, Rev. Dr. I. M. Wise, auch bei dieser Gelegenheit wieder gehalten hat. Die Anstalt besteht seit 1875, ist also jünger als die Seminare zu Berlin, Budapest u. s. w. Gleichwohl besitzt das College ein schönes, geräumiges Gebäude auf einem 10000 Quadratfuß weiten Grundstück im Herzen der Stadt Cincinnati, eine ausgewählte Bibliothek von 14000 Bänden, ein Kollegium von-neun akademisch gebildeten, hervorragenden Lehrern; es hat bereits 52 Rabbiner ins Land geschickt, die in allen Theilen Amerikas verdienstvoll wirken," und eröffnet das neue Semester mit 70 Hörern. Das sind Erfolge, die keine Anstalt in Europa aufzuweisen hat. Das Hebrew Union College dankt dieselben fast ausschließlich der rastlosen, wahrhaft hingebenden und unermüdlichen Thätigkeit seines Leiters, deffen Arbeitskraft laicht weniger bewundernswert!) ist als sein Geist und sein Wissen, als seine Beredtsamkeit und sein Charakter. Mit Recht fragt man aber in Amerika bei diesem Anlässe, wie es möglich sei, daß eine Lehranstalt oder ein Seminar mit zwei oder drei Dozenten auskommen könne — aber die Antwort darauf gereicht der europäischen Judenheit wahrlich nicht zum Ruhmestitel, und wir können sie uns um so eher ersparen, als sie ja Jeder leicht selbst errathen kann.

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