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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-08 · Heft 41 (8.10.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 8. Oktober 1897. 61. Iahr-ail-t Nr. 41. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expeditionen Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. .. : .Begründ^ von; Rabbiner M Ludwig PHUippson-üonn. Verlags-Expedition: Gerliii, Terusalemerkr. 48/49. Alle , Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adrefse/'Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^./ Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhakk. Leitartikel: Das Dankfest. — Die Woche. — Frauenfrage' und Frauenberuf im. Judeythum. - Vön'D.' B-rth old. - t- Eine/ Heimstätte' der . Humanität. — Die Judenfrage in der französischen Nationalversammlung und vor dem Pariser Gemeinderathe. Von Prof. Dr. Heinrich Bloch. — „Wo Menschen schweigen." — FeuMetonr Nathanaja. Novelle von Carl Werl. (Forts.) — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzm und Nachrichten: Berlin, Ans der Provinz Posen, Breslau, Hannover, Wien, New-Uork. — Don Näh rmd Fern. Aas Aankfelt. / .Berlin, 7. Oktober. OLz strenger mid schroffer irgend eine Leistung gefordert wird, desto lästiger und mißmuthiger wird sie gewährt. Wir folgen (dem äußeren Zwange, aber wir sind aufs Tiefste empört, unser ganzes Innere bäumt und sträubt sich dagegen, daß wir es müssen; das kann natürlich nur ungünstig zurückwirken' auf den Werth dessen, was wir thun. Darum sehen wir in der Geschichte wie . in der gegenwärtigen Weltordnung jeben Freistaat einer Despotien unendlich überlegen. Wären die Menschen Maschinen, so müßte der D.espot, der über Millionen menschlicher Kräfte unbedingt verfügt, unüberwindlich sein; aber die Menschen sind freie Wesen, sie. verlieren die Blüthe ihrer Kraft, wenn, sie Zwecken dienen sollen, die nicht die ihren sind. Aber auch der Dank für eine Wohlthat, die wir empfangen haben, der Beifall für eine. schöne Geistesarbeit, die unsere Seele erhoben hat, darf nicht gefordert werden, sonst erstirbt uns im Munde das Wort, mit dem wir unseren Beifall äußern wollten. Irgend eine schöne geistige Schöpfung hat unseren Sinn erregt; wir sind froh bereit, unserer Empfindung Worte zu leihen; da hören wir, daß unser Beifall als'ein schuldiger Tribut gefordert wird, und^wir werden wortkarg und halten zurück, weil sich der Mensch nun einmal auch zu dem, was er will, ungern zwingen läßt. Die Anerkennung, die ihm als freie Huldigung einBedürfniß gewesen wäre, widerstrebt ihm, sobald sie abgefordert wird. So ist auch die Dankbarkeit eine Tugend, deren Uebung uns oft genug erschwert wird. Alle Menschen stehen in gegenseitiger Beziehung zu einander; das ist der schönste Zugin dem vielverschlungenen Getriebe der Civilisation, daß > Einer immer für den Andere n. arbeitet; wenn Einer am Morgen in sein Zimmer tritt und nun erwägen wollte, wie vieler Menschen Arbeiten der ersten Viertelstunde des Tages ihm unmittelbar und mittelbar zu gute kommt, er würde .mit diesen Erwägungen kaum bis zum Abend fertig werden, er -würde rasch merken. - wie .er mit. seinem Dasein gleichsam nur ein Faden ist in dem großen. Gewebe und gar-nicht getrennt von demselben gedacht werden kann. - Aber so nützlich auch immer dem Einzelnen die Leistungeni seiner s Mitbürger sein mögen, so ist er dadurch noch nicht zur Dankbarkeit -gegen sie verpflichtet. Das Dankgefühl wendet sich vielmehr > in - diesem Falle gegen die Gottheit, die uns in einem ' Lande/ in ' einer Zeit, in einem Orte leben läßt, wo die Segnungen einer entwickelten ' Kultur uns zutheil werden. Auch im Verhältniß des Lehrers zum Schüler wird^ zuweilen t die Dankbarkeit'allzu stark betont. - Im Alterthum wurden Wissen . und Bildung nicht für Geld seilgeboten j es war die freie Gabe eiiüs . . edlen Geistes, der begierig war, sich mitzutheilen, wenn er einen tüchtigen Jünger an sich heranzog und ihn lehrte und bildete. Selten wurde ein Jüngling dem Unterricht Vieler anvertraüt, -sondern - er-schloß sich einem Meister an, und es entwickelte sich die' tiefste Seelengemeinschaft zwischem dem Lehrer und dem Schüler; von-Sold >^ünd Bezahlung war dabei nicht im Entferntesten, die Rede^ -iDleses^ . . -^Verhältniß hat sich in Bezug auf den höheren Unterricht-in jüdischer ' Wissenschaft bis auf den heutigen Tag fortgesetzt,' niemals'. ist-es-.'än - den Lehrstätten jüdischer Gelehrsamkeit, wo sich oft Hünderte?iuNd -/ü '"Tausende um einen berühmten Talmudlehrer schaarten, .Sitte, geweseU, den Unterricht zu bezahlen. Und sodann war es vorwiegend ein Meister, dem der Schüler alles verdankte; da war es natürlich,- daß der Jünger mit dankbarer Verehrung zu ihm aufblickte, daßerc.ihm mit ganzer Seele ergeben war. Auf einem solchen/Boden.' konnte der Spruch erwachsen: Die Scheu vor deinem Lehrer sei so: .groß ' wie die Scheu vor Gott. Heute ist dies vielfach anders geworden; heute lehrt,., uns nicht nur der Lehrer, sondern die große und stattliche Schaar der .Bücher,; : aus denen fern wohnende Meister, aus denen die großen Geister der < Vorzeit uns grüßen, heute ist im Allgemeinen der. unpersönliche Unterricht fast so wichtig-geworden als der persönliche Sodann , istdie s Lehrkraft nicht in Einem konzentrirt, sondern sie vertheilt: sich-auf Viele; und wenn nun Einer, mit den Belegstellen aus .alten- Schrift- ' / stellern bewaffnet, dieselbe-Dankbarkeit für die Lehrer von deoGegenwart fordert, den die Vorzeit ihnen gezollt hat, so verkennt er den i Unterschied der Zeiten. 0 Wer von den Bildnern der Jugend es versteht, auf die-ganze : Charakterbildung, auf die ganze Verflandesrichtung seiner Zöglinge Einfluß zu gewinnen , wer Persönlichkeit auf Persönlichkeitwirken . - lassen kann, den wird .die Jugend nicht vergessen,. und Neffen freundliches, selbst, durch Sonderbarkeiten nicht entstelltes,- sondern uns nur um so lieberes Bild.wird .noch im späten- Alter.. uns in der Erinnerung haften'. -Die Dankbarkeit, kann nicht-kommandirt werden; , wo wir .fühlen, daß . wir gleichsam .nur eine Waare gekauft haben, .die' uns.ganz -gut zu. Statten kommt',, .aber - so aller. Orten zu haben ist,. da. kann.der Dank'nicht .aus den

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