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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-01 · Heft 40 (1.10.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 .W Memel, 22. September. 'Im Namen des Komitees für die landesverwiesenen Juden schreibt' uns- Herr Rabbiner Dr:. Rülf:? Ueber die bisherige Thätigkeit der von dem Borstande der Synagogengemeinde berufenen Kommission zur Fürsorge für die landesverwiefenen Juden am hiesigen Orte ist Nachfolgendes zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.. Das hierorts verbreitete, auch in einigen jüdischen Blättern als Thatsache mitgetheilte Gerücht, die Ausweisungen seien zurückgenommen, ist nach unseren Informationen unbegründet. Es sind nur neue'Erhebungen in dieser Angelegenheit höheren Orts angeordnet, deren Resultat noch aussteht; daß aber die meisten der bis jetzt Ausgewiesenen den Ort. verlassen müssen, ist ganz außer Zweifel. Mittlerweile ist aber bei vielen der völlig - erwerbslosen, mit Geld- und Haftstrafen belegten Ausgewiesenen, davon der größte Theil an und für sichschon blutarme Menschen sind, die Noth aufs Höchste gestiegen, besonders bei den meist'sehr zahlreichen Familien, von welchen die Männer,' umeine neue Heimath zu suchen, den Ort vor kürzerer oder längerer Zeit bereits verlassen haben. Alle diese mußten unterstützt werden. Es sind in den verschiedenen Sitzungen zur Abhilfe augenblicklicher Noth sowie zu Reiseunterstützungen von den bisher eingelaufenen Spenden 2210 Mark bewilligt und beschlossen worden, die noch vorhandene Summe mit allen weiteren Eingängen je nach Bedarf zur Vertheilung zu bringen sowie nach Abschluß der traurigen Angelegenheit - über den Gesammtverlauf des Hilfswerkes einen detaillirten Rechenschaftsbericht zu veröffentlichen. X. Wattdsbeck, 24. September. Unsere Synagoge wurde gestern Abend, nachdem sie auf das Prächtigste neu dekorirt, durch einen öffentlichen Festgottesdienst von dem Rabbiner Herrn Dr. Hannover wieder eröffnet. Das Innere des Gotteshauses ist, wie bereits mitgetheilt, vollkommen renovirt worden. Die Initiative gab die schadhafte Gasleitung. Durch das Entfernen derselben und durch die Neuanlage wurde der Putz aufgerissen, und dadurch war die Erneuerung der Malerarbeit noch ungleich nothwendiger geworden als früher. Auf Wunsch der Gemeindemajorität wurde die Ausstattung im maurischen Stil gewählt. Es ist erstaunlich, wie sich der kleine, unscheinbare Raum verändert und wie des Künstlers Hand es verstanden hat, den Mangel jeglicher architektonischer Zierrathe zu überwinden. Die gewölbte Decke ist mit reicher Ornamentik in üppiger Farbenpracht' ausgestattet und bildet in ihrer Zeichnung eine gelungene Nachahmung der typischen Bogenarchitektur des maurischen Geschmacks. In gleich plastisch wirkender Weise sind die Fensterumrahmungen ausgeführt. Ein bunter, intarsienähnlicher Fries schmückt die Seitenwände, während die Altarwand durch Teppichmuster besonders reich geziert ist. Die gesummten Malerarbeiten, ein Werk des jungen hiesigen Malers Albert Selig mann, zeugen von dessen gutem Geschmack und großem Können und werden allgemein gerühmt. Die israelitische Gemeinde besitzt nunmehr in ihrem Gotteshause ein wahrhaft zur Andacht stimmendes Gebäude. o. Marburg, 26. September. Die Einweihung unserer neuen Synagoge fand am Io. und 16. cr. statt und wurde im Anschluß an das Morgengebet in der alten Synagoge durch eine Ansprache des Herrn Provinzialrabbiners Dr. Munk eingeleitet, in welcher derselbe auf die Bedeutung der geweihten Stätte bei freudigen wie traurigen Ereignissen-hinwies. Sodann versammelten sich die Festtheilnehmer auf dem geräumigen Hofe der neuen Synagoge, darunter die Spitzen der Marburger Behörden und der Universität. Ein Mädchen brachte auf sammetnen Kissen den Schlüssel der Synagoge dem Vorsteher, der ihn mit einigen begleitenden Worten dem Landrath weitergab, dieser wiederum überreichte ihn ebenfalls mit einer kurzen Ansprache dem Rabbiner, der seinerseits die zur Synagoge führenden Stufen erstieg und ein kurzes Gebet sprach. Bei dem Eintritt in die Synagoge wurde der Zug durch ein von der Kapelle der in Marburg garnisonirendeN Jäger vorgetragenes Präludium begrüßt. Dann trug der zu diesem Zweck-von Herrn Lehrer- Strauß gebildete Synagogenchor in wirkungsvoller' Weise das Matobu vor. Darauf wurden unter Musik und Gesang die-Thorarollen ausgehoben, ein Rundgang mit ihnen gemachte und dann in die heilige Lade znrückgebracht. Nun bestieg der Rabbiner die Kanzel und hielt die Weiherede, die alle Zuhörer tief ergriffen hat.- Hieraus trug der Chor die Kaduscha vor, und zwar die von der Gemeinde zu sagenden Verse hebräisch, das Uebrige in gebundener Rede deutsch. Die Solls sang Lehrer Strauß. Dieser Theil war besonders wirkungsvoll. Wie wir hören, hat ein Verwandter Lewandowskis die Gesangsstücke für diese Gelegenheit besonders bearbeitet. Rach abermaligem kurzen Gebete des Rabbiners wuroe die ewige Lampe angezündet, dann das Gebet für den Landesvater gesprochen und zum Schluß nochmals ein hebräischer Gesang vorgetragen. Um 5 Uhr versammelten sich 200-300 Festtheilnehmer zu' einem vom Restaurateur Jsenberg gestellten solennen Festessen. Wie üblich, wurde dasselbe gewürzt durch eine bunte Reihe von Toasten, unter denen wir den des Geheimen Regierungsraths Professor Dr. Cohen besonders hervorheben müssen. Am folgenden Tage wurde in einem dicht am Walde bei Marburg gelegenen Gasthause ein Kinderfest und Abends ein Ball abgehalten: cPo Karlsruhe, 24. September. Die offiziellen „Nachrichten der Vereinigung badischer Israeliten" bringen eine Erklärung gegen den Zionismus, der wir Folgendes entnehmen: „In der Zeit seit der Ausgabe der letzten und der heute vorliegenden Nummer der „Nachrichten" hat in Basel ein Zionistenkongreß getagt. Wir hätten kaum Anlaß, uns mit den höchst seltsamen Ergebnissen des Kongresses zu beschäftigen, wenn dessen Wortführer sich darauf beschränkt hätten, ihre persönlichen Anschauungen und die der Anhänger der Zionisten-„Bewegung" zum Ausdruck zu bringen. Die. in Basel versammelt gewesenen Herren sind aber über die ihren Berechtigungen naturgemäß gezogenen Grenzen hinaus« gegangen, indem sie ihre Bestrebungen nicht als Sonderziele der Zionisten, vielmehr als den Ausdruck der innersten Herzenswünsche der gesammten Judenschast und ihrer Hoffnungen darzustellen gewagt haben. Im Einklang mit vielfachen, aus der Mitte unserer Vereinigung wie auch aus den ihr zur Zeit noch fernstehenden Kreisen unserer Glaubensgenossen uns zugegangenen Meinungsäußerungen fühlen wir uns berufen und verpflichtet, den auf dem Zionisten-Kongreß wiederholt hervorgetretenen Versuchen, auch den Deutschen israelitischen Glaubens die nationale Gemeinschaft mit ihren christlichen Mitbürgern abzuerkennen, in aller Entschiedenheit entgegenzutreten. CSj Stuttgart, 15. September. Die Versammlung der israelitischen Lehrer und Vorsänger Württembergs war gut besucht; auch die Herren Rabbiner Kahn - Heilbronn, Dr. Stößel-Stuttgart und Straßburger-Göppingen waren erschienen. Der Ausschuß des Vereins bewilligte schon am Vorabend an 17 Bedürftige 2800 Mark Gaben aus der Unterstützungskasse; das Vereinsvermögen ist auf 50 000 Mark' angewachsen. Der erste Gegenstand der Verhandlungen war ein von Lehrer Preßburger vorgetragenes Referat über „Den israelitischen Religionsunterricht in der Volksschule", da der Verfasser des Referats, L. Straßburger-Buchau, verhindert war, der Versammlung anzuwohnen. Das Referat behandelte hauptsächlich die Frage über die Verbindung des systematischen Religionsunterichts mit dem Uebersetzen des Gebetbuchs. Der Korreferent Metzger - Cannstatt behandelte den Religionsunterricht in der Religionsschule. Die Versammlung beschloß eine Eingabe an die Behörde, in welcher gefordert wird, den Religionsunterricht obligatorisch zu machen. Den zweiten Gegenstand bildete der Religionsunterricht in der Fortbildungsschule, worüber die Herren Forchheim -Buttenhausen und Frank - Weikersheim Referate vortrugen. Da diese Schulen erst vor einigen Jahren eröffnet wurden, so entschied sich die Versammlung, vor einer Beschlußfassung noch weitere Erfahrungen zu sammeln. In Betreff des Anschlusses unseres Vereins an den Verband der jüdischen Lehrervereine Deutschlands wurde, obschon Referent Stern denselben befürwortete, noch weiteres Abwarten beschlossen. Die Lesebuchfrage, die schon seit einem Jahrzehnt unsere Versammlungen beschäftigt, bildete wieder einen Gegenstand der Berathung, und wurde die schon mehrmals an die israelitische Oberkirchenbehörde gerichtete Bitte um Abhilfe von diesem sehr fühlbaren Mißstande wiederholt. Ein gemeinschaftliches Mittagsmahl vereinigte die Theilnehmer, wobei es an schönen Toasten nicht fehlte. Oesterreich-Ungarn. LI Wien, 25. September. Bei uns geht jetzt alles drunter und drüber im öffentlichen Leben, so daß . man fast, glauben möchte, der Antisemitismus sei ganz vergessen. Das wäre aber ein verhängnißvoller Jrrthum. Selbst in ihren größten Obstruktionsnöthen haben die Deutsch-Nationalen und Christlich-Sozialen der Juden nicht vergessen. Schon in der ersten Reichsrathssitzung überreichten die Abgeordneten Lueger und Genossen einen Dringlichkeitsantrag, die berüchtigten

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