Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Non welcher Seite auch immer betrachtet, erweist sich das Judenthum als der Adler, der in jeder neuen Zeit eine neue Schwinge ansetzt und darum durch alle Zeiten hineilt, ohne zu ermüden und zu ermatten. Wenn irgend eine Religion, kann das Judenthum bezeichnet werden als „Prinzip des Fortschritts". FEUILLETON . ... H .,!■ IM. .■*!■!L.,l■ . ... .l:l,;„|l-|ll,.ll)n.- SiMS irnri,jiii'iiii!!Miil:,in!ii;rii;illi'‘in. ,ili‘rn JiH'llli. jllVlinnl'llir/iMl.ll %i;iuv!uaiaiiiii1:iiiiiTiiijiMaii^ Uathanasa. Eine altjüdische Novelle von Carl Weil. (AV^l^nter der Regierung des Königs Hiskijahu wohnte zu Engedi .«Meine Wittwe mit ihrer Tochter. Ihr Mann hatte ihr bei seinem Tode nur einen kleinen Acker Hinterlasten, von dessen Ertrag sie nur kümmerlich hätten leben können, wäre er nicht durch den Fleiß ihrer Hände bedeutend vermehrt worden. Vor der Sonne noch stand sie auf, zündete die Lampe, weckte die Sklavin, ermunterte die Tochter. Dann giebt sie den Knechten Speise mit aufs Feld, nimmt Nathanaja, ihre Tochter, an der Hand, geht hinaus mit ihr.in den Garten, und nun wenden sie beide ihr Angesicht nach Mitternacht, dahin, wo Gottes Tempel stand, beten in inbrünstigem Flehen ein Lied Davids oder einen Gesang der Söhne Cohras oder was das eigene^Herz ihnen eingab. Waren sie zurückgekehrt ins Haus, "da schnurrte der Spinnrocken im eisernen Ringe, und die Linke des Mädchens war beschäftigt, den Faden des wolligen Flachses zu ziehen, die Rechte, ihn zu winden auf das spitzige Stäbchen vom Holze der Ceder; die Mutter aber stand vor dem hohen Webestuhl, warf mit geschäftigen Händen das fliegende Schifflein durch die gedrängten Fäden der Kameelhaare, vermischt mit der Wolle der Schafe; denn das Gewebe war bestimmt zum Verkauf an sidonische Handelsleute. Dabei würzten sie die Arbeit mit lieblichen Gesprächen. Die Mutter sprach von den Thaten Jehovas, wie er sich Israel, sein Volk, ausersehen habe aus allen Heiden, wie er es behüte, gleich wie der Adler seine Jungen bewacht; daß er königlich throne in Israel, zu Jerusalem, seiner, heiligen Stadt, erzählte dann und wiederholte es gar oft. von der herrlichen Pracht im Tempel Gottes; denn ihr Mann hatte sie einstmals mitgenommen, als er zum Pasiahfeste hingegangen gen Jerusalem. „Denn dreimal im Jahre, so. wie es geboten ist durch Moses, den göttlichen Mann." sagte sie, „ging er hin zur heiligen Stadt, am Passah-, am Wochen- und am Hüttenfeste, und brachte Opfer dar dem Herrn; nie ging er leer dahin. Wohlgeneigt waren ihm auch die Priester, die da dienen im Tempel; denn Du weißt wohl, mein Töchterchen, daß der köstliche Balsam, der gebraucht wird zum Salböl der heiligen Priester, nur bei uns wächst, hier zu Engedi und in der Gegend, wo Jericho stand, das aber daniederliegt, belegt mit dem Fluche Josuas. Den Balsambaum aber, den brachte die Königin von Saba mit zum Geschenk dem weisen König Salomo, der alle Dinge der Erde kannte, von der Ceder bis zum Jsop. Er aber schenkte die Bäume den Einwohnern zu Engedi, die er vor anderen liebte, und pflanzte sie auch dort auf seinen Gütern bei Jericho; sonst aber wird der köstliche Baum nirgends gefunden, weder in Israel noch in Juda. Und das Köstlichste, das von selbst träufelt von den Aesten des-Baumes, das sammelte mein Herr sorgfältig, verkaufte es nicht beit Sidoniern, wie den Saft, der aus den Einschnitten quillt, sondern er brachte es dar dem Herrn Jahr für Jahr, auf daß die Heiden sich nicht rühmen möchten mit dem Salböl, bestimmt für das Haupt des gottgeweihten Priesters." Gar oft kam sie auf diesen Gegenstand zurück, so daß dem Mädchen das Herz am Ende schwer ward, und es gar sehr sich sehnte, auch einmal zu schauen das Haus, wo Jehova thronte auf den Flügeln der Cherubim, und so tiefe Ehrfurcht vor dem heiligen Propheten Gottes sie im Herzen trug, so herzlich sie auch wünschte, das Antlitz eines gotterwählten Sehers zu schauen, so lauschte doch ihr Ohr noch aufmerksamer, freudiger schlug ihr das Herz, wenn sie hörte, daß der Herrscher in Israel, Jehova, der Herr des Weltalls, es nicht verschmäht hatte, mit seiner heiligen Prophetenweihe auch hier und da ein schwaches Weib zu begnadigen. Gar oft wiederholte sie bei der Arbeit den Siegesgesang der Prophetin Deborah, oder ergriff nach vollbrachtem Tagewerk die Adufe und sang dazu mit tönender Stimme. So wuchs Nathanaja heran, wohl unterrichtet in häuslichen Arbeiten, gestärkt durch die Lehre des Herrn, die das Herz erfreut, blühend wie die Rose auf Hermons Gipfel, wie die Ceder auf Libanons Höhen. Von ihr konnte man mit dem königlichen Sänger sagen: „Wie schön bist du, Schäferin, wie schön! Deine Augen, Täubchen zwischen deinen Locken; Dein Haar wie Gemsenhaare, dort auf Gileads Berge. Deine Zähnereihen, Lämmer aus der Schwemme, Zwei und zwei gepaart, auch nicht eines fehlet; Purpurn deine Lippen, lieblich deine Stimme; Wie am dunklen Felsen die Granaten schimmern, Schimmern deine Wangen durch der Locken Pracht; Wie schön in den Sandalen schreiten deine Füße, Es sind die schlanken Hüften dem Rehe zu vergleichen. Von Elfenbein ein Thürmchen, glänzt deines Halses Weiße; Es prangt darauf das Köpfchen, so wie Libanons Feste, Die gen Damaskus schaut!" Doch Nathanaja kannte ihre Schönheit :nichts würde sie auch nicht geachtet haben, wenn sie sie gekannt hätte, denn wohl wußte sie, was der Sänger gleichfalls sagt: „Anmuth ist trügerisch, Schönheit vergänglich, doch ein tugendhaft Weib rühmenswerth!" Es wohnte aber dicht neben der Wohnung der frommen Wittwe und ihrer schönen Tochter ein armer, schwer bedrängter Mann, Benoni genannt, der hatte fünf kleine Kinder, aber keine Mutter war da, sie zu versorgen, denn der Ewige, hatte sie zu sich genommen. Der Mann ward arm und immer ärmer, der Gram warf ihn aufs Krankenlager; er verpfändete seinen Acker, sein Haus; Fremde liehen ihm, und als er nicht zahlen konnte, kam der hartherzige Gläubiger und nahm ihn zum Knecht. Da kam nun herbei das große Jubeljahr, und Herolde durchzogen das Land und verkündeten in allen Straßen Freiheit des Ewigen dem Volke. Gelöst war nun das Band, das den Sklaven an den Herrn, die Magd an die Gebieterin knüpfte; nun gehörte wieder dem Armen der Acker, den er verkauft, die Wiese, die er verpfändet hatte. Da gab es weder Reich noch Arm, gleich war nun wieder das Land getheilt, Jeder jetzt ein freier Manu auf seinem eignen Erbe. Der Sklave, der gestern noch diente im Staube, heute sitzt er. in der Versammlung des Volkes dicht neben seinem Herrn; die Sklavin, die gestern den Riemen der Sandalen löste, heute ist sie wieder eine glückliche Mutter, glücklich durch Gottes Willen. Als nun diese Segenszeit der Bedrückten und Bedrängten herbeigekommen war. da weigerte sich der Herr des Benoni, ihn ziehen zu lasten, denn es war ihm mehr um den Acker als um die Person