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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-01 · Heft 40 (1.10.1897) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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- ^78 - / Daher können wir es begreifen, daß ein biblischer Schriftsteller wie Koheleth, der auf jeder Synode als Ketzer und-Häretiker behandelt worden wäre, weil er den Standpunkt, der Skepsis vertritt gegenüber dem offiziellen Glaubensdogma, zum Worte zngelassen wurde im Kanon der heiligen Schriften, -und die Versuche, ihn zu verdrängen und auszuschließen, keinen Erfolg hatten.*) Ein Wort wie-das berühmte Lertullians:'Credo quia abr surdum est, oder wie das des heiligen Augustin: Fides praeeedit intelleetuw, oder wie die ähnlichen Aeußerungen auch der deutschen Reformatoren von der Bestie Vernunft, der man das Haupt abschlagen müsse, womit man Gott das allerwohlgefälligste Opfer bringe, ist innerhalb der jüdischen Weltanschauung und vom Standpunkte derselben nie gesprochen worden und konnte nie gesprochen werden. Das Judenthum hat kein Credo und keine Kriegsartikel, auf die es seine jungen Rekruten einschwören würde, und selbst die Autorität eines Maimonides vermochte nicht, den! von ihm nach , dem Beispiel der umgebenden Bekenntnisse und zu apologetischen Zwecken aufgestellten Kanon, von 13 Glaubeilsartikeln die allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Das Judenthum thut der Menschlichen Vernunft keinen Zwang an und legt ihr leine Fesseln ouf,^) es lehrt nichts, was nicht das schlichte Gemüth empfinden und der gesunde Menschenverstand einsehen würde. Das wird auch von unbefangener christlicher Seite zugestanden, daß „unter allen positiven Religionen keine der denkenden Vernunft so wenig Zwang auferlegt —.wenigstens von dogmatischer Seite — als das Judenthum."3) Was aus der Dogmatik theoretisch sich ergiebt, was hier als Grundsatz und als treibende Kraft der Idee vorhanden ist, das muß in der Geschichte seine Bethätigung und Verwirklichung finden. Denn an seinen Früchten sollt ihr das Prinzip erkennen. Und in der That erweist sich die Geschichte des Judeilthums als eine Geschichte des Fortschritts der religiösen Idee. Der Mosaismus ist ein so gewaltiger Fortschritt der religiösen Idee gegenüber dem Heidenthum, daß sich noch heute die Forscher vergebens abmühen, die verborgenen Wurzeln aufzudecken, aus Denen dieser Baum des Lebens wie eine Neuschöpfung herausgewachsen, und mit ihren mehr oder weniger unglücklichen Kombinationen die Lücke auszusüllen, die aus dem Abstand des Mosaismus vom Heidenthum ihnen.entgegenklafft. Auch er selbst, der Mosaismus, ist sich dessen deutlich bewußt, daß er nicht blos einen Fortschritt bedeute, sondern einen unheilbaren Bruch mit der Vergangenheit, indem er immerfort.seilten Trägern zuruft: Ihr sollt nicht wie die Völker fein, die vor euch waren oder die rings um euch sind, und ihr dürfet nicht zurückfallen in das Heidenthum, denn das wäre ein unverantwortlicher Rückschritt der Erkenntniß und des Lebens. Der Prophetismns stellt dann den Fortschritt dar gegenüber dem Mosaismus durch sein energisches Jndenvordergrundstellen der religiösen Idee im Vergleiche zum blos gesetzestreuen Verhalten und durch sein Betonen, daß die Beobachtung der rituellen und kultischen Vorschriften allein das Wohlgefallen Gottes keineswegs befriedige, wenll sich nicht damit verbindet die Erkelintniß Gottes und seine Verehrung in derjenigen Gesinnung, die sich im Verhalten gegen den Nebenmenschen als Nächstenliebe bethätigt. *) Sabbath 30 b. 2) Es ist interessant, wenn auch vielleicht unbegründet, daß Denker wie Mendelssohn und Joöl in der Lage zu sein erklären, selbst einen Spinoza noch innerhalb des Jndenthums zu placiren. S. Kayserling, bei Winter u. Wünsche, III, 833, ferner JoLl: Zeitfragen S. 55, und Zur Genesis der Lehre Spinozas, S. 12 ff. ») Gericke in der „Bauhütte" (Organ der Freimaurer) vom 26. Juni 1897. /. Auch der Pharisäismus, bedeutet keineswegs, die starre Reaktion,' in der Religionsgeschichte, als. welche.-er. von der landläufigen unwiffeuschaftlichel! Meinung immer noch angesehen wird.- Im Gegentheil. Es ist.das große Verdienst. Geigers, •;das ihm selbst seipe. zahlreichen Gegner, nicht bestreiten .werde!!, das-durch Vorurtheile oder Absichtlichkeit: arg entstellte Bild an seiner - Originalität wieder hergestettt und wiederholt darauf-hingewiesen zu haben, daß der Pharisäismus eben , nichts, anderes ist als das Prinzip des Fortschritts und der Entwickelung/) dasjenige Prinzip, das,-die Rücksicht auf die Vergangenheit zurücktreten läßt hinter - die Rücksicht auf die lebendige .Gegenwart und ihre Anforderungen.; Haben-doch gerade, die Pharisäer trotz des biblischen: . „Ihr sollt nichts, hinzufügen und nichts davon nehmen", wo.es erforderlich war, -nicht nur vieles hinzugefügt,, sondern'.auch. vieles . hinweggenommen - von der mosaischen Gesetzgebung. Verordnungen, wie sie in Rücksicht auf die. Zeitverhältnisse von H i l l e l und I o ch a n a n b. Sakkai .ausgegangen, .sind .so kühne .Reformen der mosaischen Gesetzgebung, gestützt überdies auf eine, so kühne Exegese des biblischen Wortes, wie sie in .ähnlichem Verhältniß kein Reformer von heutzutage wagen würde, während die Vertreter des konservativen Prinzips, -welches das geschriebene Wort .für unantastbarhält, damals thatsächlich die Sadduzäer waren, über welche das.Judenthnm zur Tagesordnung übergegangen, wie später über die Karä.er. . Die ganze -jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters ging von derselben Ueberzcugung .aus wie Herr Professor Schell, „daß Vernunft und Offenbarung einander nicht widersprechen können, und folgte dem Weg der spekulirenden Vernunft in der Voraussetzung, daß [bie Reflexion an der Hand einer logischen Beweisführung dasselbe Ziel schließlich erreichenwerde, welches die Qffenbarungslehre vermöge der Inspiration vorweg genommen, hat."* 2) Wo die Richtungen dennoch auseinandergehen und sich-nicht vereinbaren lassen, da hat die Vernunft den Vorzug, und nach ihr wurde' sogar die Auffassung der Offenbarungswahrheiten modifizirt. -• Nach all dem Gesagten werden wir uns nicht wundern können, wenn die Juden aller Zeiten und Zonen Freunde der Bildung und Aufklärung/ Förderer des Fortschritts und des Freisinns gewesen mit einem Eifernder den Dunkelmännern als eine Gefahr erscheinen müßte, während Herr Professor Schell nicht umhin kann, auf Seite 88 der vierten Auflage seiner erwähnten Abhandlung auszurüfen: „Haben sichnicht die Juden trotz der ungünstigsten' Lage, trotz ihrer wirthschaftlichen Armuth, trotz ihrer gesellschaftliches Verwahrlosung,' ja trotz ihrer verschwindenden Zahl zu einer führenden geistigen Macht auf' fast allen Gebieten des geistigen Lebens emporgearbeitet?" Das ist aber eine nicht blos zufällige Erscheinung unserer Zeit, sondern hat seinen letzten Erklärungsgrund in der der denkenden Vernunft freien Spielraum gewährenden Dogmatik des Judenthums und in dem Erziehungseinfluß, den die jüdische Wissenschaft auch auf den Mann aus dem Volke geübt hat. Nie sind die Juden dem Kültnrfortschritt entgegen gewesen, sondern im Gegentheil, wo sie nicht gewaltsam von der Außenwelt abgeschlossen wurden, haben sie nicht blos an den Segnungen der Kultur geradezu mit Heißhunger theilgenommen, sondern sie auch — zumal in Alexandrien und auf der pyrenäischen Halbinsel — durch ihre unermüdliche Geistesthatigkeit befruchtet und auf ihre Entwickellliig fördernd eingewirkt.3) *) Vergl. besonders „Jüdische Zeitschrift" 1863, . S. 33 . ff. /?) Bloch: Die jüdische Religionsphilosophie (bei Winter u. Wünsche), II- S. 699 ff. . * B) Vergl. besonders „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter" von M. I. Schleiden.

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