Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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.-' 477 - die-Jdee. des Schönen, die als Kmistprodukt in die Erscheinung komntt. - Wie der Einzelne Über eine gewisse Grenze hinaus sich nicht entwickeln kann — der Uebermensch ist thatsächlich ein Unmensch — so die Gesammtheit, sie kann aus ihrer Naturbestimmtheit nicht heraus. Darum können wir wohl von. ewigen. Wahrheiten sprechen, die nicht untergehen -können im fortschreitenden Strom der Zeiten. Eine solche ist die Religion. Der Mensch ist von Natur ein religiöses Wesen. Erst mit dem letzten Menschen wird die Religion aussterberft). Das gilt von der Religion an sich. Anders verhält es sich mit b e stim m t e n Religionen, z. B. dem Judenthum. Als Objektivirüng dessen, was in der Menschenbrust als unsterbliches Sehnen, Ahnen und Hoffen lebt, hat jede bestimmte Religion einen bestimmten Lehrinhalt, der zwar kein Ergebnis der Reflexion ist, sondern im letzten Grunde eine Offenbarung des Herzens oder eine Forderung ' der praktischen Vernunft, aber auf der Grundlage einer eigenthümlich gearteten Volksseele und unter der Einwirkung zeitlicher und geschichtlicher Einflüsse modifizirt und schließlich in eine greifbare. Formel gefaßt worden ist. Von diesem, bestimmbaren Lehrinhalt der positiven Religionen ist der Nachweis zu erbringen, daß er, wenn auch nicht gerade das Prinzip des Fortschritts, dem gesunden Menschenverstände nicht ins Angesicht schlägt und mit der Wissenschaft als der Tochter des Verstandes sich zu allen Zeiten gut vertragen hat und verträgt. Daß die Religion im Allgemeinen eine verträgliche Schwester der Wissenschaft sei, das nachzuweisen ist nicht unsere Aufgabe, es ist die Aufgabe aller Religionen, freilich vor allem die Aufgabe des Judenthums, nicht aus Selbsterhaltungstrieb, sondern weil es das seiner Vergangenheit schuldig ist. Daß aber das Jnden.thum, wenn irgend eine Religion, eine Fortschrittsreligion genannt-zu werden verdient, das nachzuweisen ist unsere Aufgabe, und diese Aufgabe läßt'sich lösen, indem wir dabei ausgehen Einerseits vom dogmatischen Lehrinhalt, andererseits von der Geschichte des Judenthums. U Mendelssohn, jn der eigenthümlichen Lage, in welcher er sich infolge der unverschämten Zumuthung Lavaters befand, sich entscheiden zu müffen zwischen Glaübenszwang und Gesetzeszwang, gelangt bekanntlich bei dem Nachweis, daß das Judenthum seinem Denken und Forschen die größte Freiheit der Bewegung gestatte, zu der Ansicht, Has Judenthum sei keine Dogmenreligion, eine Ansicht, in welcher der Schlüssel enthalten ist zur Erklärung für die paradoxe Aeußerung des Weisen von Königsberg, das Judenthum sei überhaupt keine Religion?) Die Ansicht Mendelssohns gilt heutzutage allgemein für veraltet?) Auch das Judenthum hat seine Dogmen, oder bester, das Judenthum ist ein einziges Dogma, das es als die monotheistische Weltanschauung qualifizirt. Und wer zur monotheistischen Weltanschauung sich bekennt, der bekennt sich zu. den Konsequenzen derselben, der bekennt sich zum Judenthum, was Herder in seinen theologischen Briefen treffend mit den Worten ausdrückt: „Mit der Erkenntniß des einzigen geistigen Gottes ist die Quelle aller großen Wahrheiten und jedes sittlichen - Ssrebens gefunden." Noch weiter geht der Talmud, wenn er einmal die unsere n Vgl. Joel: Zertsragen S. 24 ff.. 2) Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 3. Stück 2. Abtheilüyg. Damit vergl. Kayserlings Biographie Mendelssohns S. 364 ff., Winter und Wünsche III, 832 und Aub: Grundlage zum Unterrichte in der mosaischen Religion § 39. 3) S. Guttmann: Ueber Dogmenbildung im Judenthum. Wie aus Nr. 30, S. 360 dieses Blattes ersichtlich, bejaht auch Rev. Dr. Felsenthal die Frage: Giebt es Dogmen im Judenthum? Die „Erwählung Israels" ist jedoch kein Dogma, sondern religiönsgeschichtliche Selbsterkenntniß. Heutigen Eiferer tief beschämende Aeußerung thllt: „Wer den Götzendienst negirt, der wird ein Jude genannt", oder deutlicher , an einer anderen Stelle: „Wer den Götzendienst negirt, der bekennt sich damit -zur gesammten Thora:" ^) Die Rabbinen wollen damit sagen, Judenthum sei Negation dts Polytheismus mit seinen Konsequenzen. Judenthum ist also Einheitsgedanke. Die äußerste Konsequenz aber des Einheitsgedankens und die höchste-Spitze dieses Gedankens ist dir Lehre vom messianischen Zeitalter, im Gulnde genommen der Humamtätsgedanke, d. i. die Hoffnung und Ueberzeugung, daß dereinst an der Zeiten Ende alle Menschenkinder über alle bestehenden Unterschiede hinweg als Einheit sich erkennen und fühlen werden. -Und was ist diese messianische Lehre, die Blüthe am Baume der Orkenntniß, anderes als eben das Prinzip des Fortschritts, nach welchem die Weltgeschichte eine vorwärts und aufwärts gehende Linie der Entwickelung darstellt in der Erkenntniß des Wahren und in der Verwirklichung des Guten bis zur höchstmöglichen Vollendung und Vervollkommnung? Was Mendelssohn, der allerdings unter einem Dogma etwas ganz Anderes verstand, als was die allgemeine Vorstellung darunter persteht, zu der oben erwähnten -Ansicht von der Dogmenlosigkeit des Judenthums Veranlassung gegeben hat, das ist der Umstand, daß die Lehren des Judenthums wenigstens in den Quellenschriften Niemals in der Form eines Dogmas erscheinen, daß sie ferner nie zum Gegenstand des Glaubens gemacht werden, daß sie endlich nicht durch Konzilienbeschlüsse gebunden und in einer Bekenntnißformel ausgedrückt wurden. Darum durfte er konstatireu: „Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet keine .einzige: Du sollst glauben oder nicht glauben! sondern alle heißen: Du sollst thun oder nicht thun! Dem Glauben wird nicht befohlen, denn der nimmt keine anderen Befehle an, als die den Weg der Ueberzeugung zu ihm kommen." Und der Mann, welcher den Positiven Religionen den Boden unter den Füßen weggezogen, Kant, mußte einräumen : „Sie haben ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, den man ihr gar nicht zugetraut hätte, und dergleichen sich keine andere rühmen kann." Das Judenthum ist also nicht eine Religion des Glaubens, am allerwenigsten des blinden Glaubens. Das ist so wenig der Fall, daß die Sprache der Religion - nicht einmal einen adäquaten Ausdruck hat für dasjenige, was man bei anderen Bekenntniffen gemeinhin unter „Glauben" versteht?) Selbst dasjenige Wort, das, man gemeinhin als das Bekenntnißwort unserer Religion betrachtet, hat nicht die Form eines Glaubensbekenntnisses, indem es da nicht heißt: „ Glaube, Israel!" sondern: „Höre, Israel!" höre mit dem Organ des Geistes, daß der Ewige einig-einzig ist?) Nicht auf Glauben wird gedrungen, sondern auf Erkenntniß und Verständniß. 1) Megilla 13 a und Chullin 5 a. 2) Daß man unter dem seltenen biblischen nichts weiter als vertrauensvolle Hingabe des Endlichen an das Unendliche zu verstehen hat, das hat von christlicher Seite neuerdings Marti: Geschichte der israelitischen Religion, S. 171 ff., richtig verstanden und erkannt. Die Verfasser unserer Religionsbücher, die nach fremden Mustern immerfort von Glaubenslehren des Judenthums sprechen, sollten das mehr beachten. (Vergl. Hochmuth: Gotteserkenntniß und Gottesverehrung, S. 5 ff.) Auch die katechetische Behandlung des Religionsunterrichts, wie sie noch in den weit verbreiteten Lehrbüchern von Herxheimer und der württembergischen Schulbehörde beliebt ist, ist eine Nachahmung fremder Vorbilder, die nicht paßt für unsere Art und Zwecke, und endlich aus unseren Schulen verschwinden sollte, wie die protestantische Predigt von unseren Kanzeln verschwunden ist. ' 2) Vergl. 8. M 6, 4 (Sforno z. St.) mit 4, 39. Guttmann a. a. O. S. 2.