Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
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.. Was uns Juden zunächst heute noth thüt, ist, die Anforderung des religiösen Lebens• mit den Ansprüchen des -wirthschaftlichen und . kulturellen Lebens zu versöhnen,, unsere-Jugend mit wahrhaft religiössittlichen Grundsätzen, wie sie die-Propheten gepredigt haben, izu durchtränken -und gottesdienstliche Einrichtungen zu -schafsen,- an denen sich auch Die beiheiligen können, die von der/für die große Mehrzahl, unverständlichen, fremdsprachlichen Liturgie nichts verstehen und nichts verstehen können. Denn wie sollte es Einer möglich machen können/ die Jugend soweit in der hebräischen Sprache zu fördern, daß sie sich in unserem bisherigen Gottesdienste wirklich erbauen können, selbst wenn der Inhalt eines großen Theiles unserer Gebete weniger unzeitgemäß und weniger das Ergebniß der talmudischen und späteren Verfolgungszeit-wäre.:. Daß aberaußerdem die moralische Erziehung unserer armen- Glaubensgenoffen zu einem arbeitsamen wirthschaftlichen Leben die - Beobachtung hindernder Satzungen wesentlich beeinträchtigt oder gär unmöglich macht. wollen wir. hier - nur. andeuten. .; ' Es gilt also, zur Belebung des religiösen und'Gemeindelebens vor - allem entsprechende. Einrichtungen und : insbesondere : gottesdienstliche zu schaffen,. an denen Jugend und Alter gern theilnimmt und theilnehmen kann, zu diesem Zwecke aber auch solche Führer und Verkündex der-Religion zu gewinnen, die dieses große Ziel im Sinn und : Herzen trägem Wahrlich , in der heutigen Zeit des ' Verfalles muß es Jedermann komisch anmuthen, wenn die Orgelfrage noch bei der Wahl eines Rabbiners ausschlaggebend ist, ja noch, komischer, wenn in einer Gemeinde wie Köln, die mit geringen Ausnahmen allem religiösen Leben indifferent gegenüber steht, sogar ein streng orthodoxer Rabbiner und prinzipieller Gegner jeder Neuerung, , damit auch der Orgel, gewählt wird, und das von einer Gemeindevertretung, die im Vorstande sowohl wie in der Repräsentanz in der weit überwiegenden Mehrheit aus fortgeschrittenen freisinnigen Elementen besteht. Sollten diese Herren wirklich ihx - Gewissen damit beruhigen können, wenn sie erklärend-'ausführen, man wollte den Frieden („der eine wahre Kirchhofsruhe ist") nicht , stören und.in erster Reihe Denen gerecht werden,- die. mehr als sie und ihre Wähler an den religiösen und gottesdienstlichen Institutionen Interesse hätten. Ist. ein solcher Friede, der die Entfremdung immer größerer Massen herbeiführt und nur einem kleinen Theil meist alter Gemeindemitglieder sein Recht giebt, ein Heil für das Judenthum? \ : Haben die Gemeindeleiter keine höhere Aufgabe, als diese augenblickliche' Ruhe zu/bewahren und jede Regeneration des 'jüdischreligiösen Lebens zu hindern? Verräth es nicht höheren Sinn und höheren Ernst, dem kleinen Häufchen orthodox Gesinnter sein Recht auf volle Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse zu gewähren/ dafür aber auch die große Aufgabe, die große Menge für jüdische Jntereffen zurückzugewinnen, zu erfüllen? Es ist hohe. Zeit, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, daß hier und in anderen Gemeinden mit" aller Energie gearbeitet wird nicht nur an einer zeitgemäßen Reform des Gottesdienstes, sondern auch an einer Beschränkung des Lehrinhaltes.in den Schulen auf die Glaubenssätze/ die der-wahrhaften Lehre des alten Judenthums entsprechen und -für. alle Zeiten als-Moralkodex der Welt galten. , ' Hoffen wir) daß sich im Judenthum bald die Geister erheben mögen, die in Freiheit mit Hingabe und Feuereifer unsere Glaubens-' genossen aus dem Banne des Jndifferentismüs befreien. ' Amiti.i: Aas Iudenthum als Fortschritts-prinjip. ' Bon Dr. A. Eckstein. dürfte auch die Leser dieser Zeitschrift interessiren, daß ünlängst von dem Professor der katholischen Dogmatikund Apologetik und derzeitigen Rektor der Universität Würzburg, /Herrn Dr. H. Schell, ein' vom rechtgläubigen, aber antiklerikalen und deutschnationalen Standpunkt ausgehendes Schriftchen erschienen ist, das den stolzen Titel trägt: „Der Katholizismus als Fortschrittsprinzip". Die Abhandlung, die durch scharfe Dialektik und pikante Darstellung den Leser ungemein interessirt, hat vor allem durch den ziemlich rücksichtslosen Freimuth der Üeberzeugung, mit welchem der Verfasser gegen die Schäden der herrschenden Kirchentheologie in die Schranken tritt, wenigstens innerhalb der blauweißen Grenzpfähle berechtigtes Aufsehen erregt und zahlreiche Entgegnungen, besonders . von Seiten der ultramontanen Parteipreffe, hervorgerufen*). . Wir Israeliten stehen auf dem Standpunkt, den der Prophet gekennzeichnet hat mit den Worten: ,Mögen alle Völker wandeln'im Namen ihres Gottes, wir wollen wandeln im Namen unseres Gottes." Wir stehen aus. dem Standpunkt, den auch unsere Alten angedeutet, wenn sie das Psalmwort: „Stimme des Herrn in Kraft" dahin ausgelegt haben, daß die Gottesstimme in jeder Kraft sich äußert und kundgiebt, in jeder Einzelkraftin anderer Art Und Weise, nichtsdestoweniger aber in jeder Manifestation dieselbe Gottesstimme. Jeder nach feiner Kraft, Jeder nach seiner Fa<ron. Der alte Bund nach Maßgabe der ihm eigenthümlichen Kraft, der neue Bund nach Maßgabe der ihm gewordenen Kraft?). Wie das Sonnenlicht von jedem Gegenstand in anderer Farbennüance zurückgestrahlt wird, so spiegelt sich der Gottesgeist in jedem Volksgeiste, wie auch in jedem Einzelgeiste, mit anderer Nüance. Die Verschiedenheit auch der religiösen Auffassung und Anschauung ist das Gottgewollte, nicht das Uniforme. In allen Verschiedenheiten ist doch Dasselbe. Aber der Grundsatz der Nichteinmischung iw fremde Angelegenheiten, so korrekt er ist, darf uns nicht hindern, mehr als es bisher geschehen ist, wachsam auf dem Posten zu stehen, um. aufmerksam zu lauschen auf das was im Hause unserer Nachbarn vorgehtb), damit wir jederzeit in der Lage sind, das Judenthum nicht blos gegen unberechtigte oder unbegründete Angriffe nach außen zu vertheidigen, sondern auch es im Lichte aller neu auftauchenden Gesichtspunkte als mit jeder Zeitströmung schritthaltend - und mit jedem Zeitgeiste vereinbar nachzuweisen. Ob die Religion ein Prinzip d"tzs Fortschritts oder des Rückschritts ist? Wir meinen, man könnte mit demselben. Rechte fragen, ob die Kunst-ein Prinzip des Fortschritts oder des Rückschritts sei? Die Religion an sich ist weder ein Prinzip des Fortschritts noch des Rückschritts, sondern eine Naturerscheinung öder^ um mit einem Schulausdruck zu reden, eine „angeborene Idee", die vom Fortschritt oder Rückschritt der Zeiten so viel oder so wenig berührt wird wie *) Außer zahlreichen Zeitungsartikeln sind erschienen: Oistinguo von Dornpfarrer Dr. Braun in Würzburg, und vom freireligiösen Standpunkt: Katholizismus als Fortschrittsprinzip? von Dr. Wahrendorp (Handelsdruckerei in Bamberg). . ') bPnnaim ttö OMN (vgl. Rabboth JL M. Kap. 29). : - . : i / . Daß z. B. erst in der jüngsten. Vergangenheit unter dem Banne der Mystistkationen des famosen Erzschwindlers Leo Taxil die obligatorische. Verachtung der Juden als Mittel benutzt wurde zur Verächtlichmachung der mit ihnen identifizirten Freimaurer und Protestanten, das wurde^von unseren jüdischen Blättern ganz übersehen. (Bgb Der neueste Teufelsfchwindel von Pfarrer Bräunlich S. 36).