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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-01 · Heft 40 (1.10.1897) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 tistik näher ergründen, wie nothwendig und segenbringend zugleich ein'derartiges Institut für unsere Mische Bevölkerung wäre. Es ist erst vor ganz kurzer Zeit von dem königlich preußischen statistischen Bureau eine Statistik der Blinden, Taubstummen und Geisteskranken in Preußen vom Jahre 1895 veröffentlicht worden, leider aber diesmal ohne Trennung der einzelnen Konfessionen. Wir sind daher genöthigt, bei der Betrachtung gerade des letzten Gegenstandes auf frühereAeröffentlichungen, uttb zwar aus dem Jahre 1880, zurück zü greifen. — Im Allgemeinen kann man wohl annehmen, daß, da die Zahl der Blinden bei uns in Preußen überhaupt-in den letzten Jahren eine erhebliche Abnahme erfahren, dies auch wohl für die jüdische Bevölkerung zutrifft. Während noch im Jahre 1871 — wir reden nur von Preußen — die Zahl der Blinden 22 978, im Jahre 1880 22 677 betrug, ist dieselbe bei stetig wachsender Bevölkerung im Jahre 1895 auf 2144-2 herabgegangen. Von den 22677 Blinden im Jahre 1880 waren: Evangelische Katholische Jüdische blind geboren . . . . .... 1142 514 33 spater geworden . . . .... 8870 4629 243 ohne besondere Angabe .... 4366 2688 124 Summa 14378 7731 400 Davon entfielen auf Berlin: Evangelische Katholische Jüdische blind geboren . . . 2 7 später geworden . . .584 32 26 ohne besondere Angabe .16 1 - Summa 657 35 33 Trotzdem wir also in Berlin im Jahre 1880 doppelt so viel katholische wie jüdische Einwohner hatten, blieb die Zahl der Blinden in beiden Konfessionen doch annähernd die gleiche, d. h. mit anderen Worten, es gab doppelt so viel jüdische wie katholische Blinde. Noch deutlicher wird das Ergebniß, wenn man diese Zahlen auf je 10 000 Ortsanwesende gleicher Konfession berechnet. Dann entfallen auf Evangelische Katholische Jüdische blind geboren ... . . . . .. 0,6 0,6 0,9 später geworden . . .5,0 5,0 6,7 ohne besondere Angabe . . . . , 2,6 2,8 3,4 Summa 8,2 8,4 11,0 Diese Statistik spricht eine beredte Sprache. Man geht wohl nicht fehl, die stetige Abnahme der Blinden überhaupt, abgesehen von dem enormen Aufschwung, den unsere Augenheilkunde in den letzten Jahren genommen, der - modernen öffentlichen wie privaten Gesundheitspflege und der Fürsorge in den Anstalten zuzuschreiben. Umsomehr ist es daher ein dringendes Bedürfnis;, daß auch unseren jüdischen Blinden Institute zur Verfügung stehen, wo sie in ritueller Weise beköstigt, auch sonst ihren religiösen Gepflogenheiten und jüdischen Empfindungen Rechnung tragen können. In Blindenanstalten befanden sich im Jahre 1880 552 Evangelische, 233 Katholiken, 15 Juden, dagegen im Jahre 1891 bei 463 Evangelischen, 161 Katholiken nur 7 Inden, davon 3 in der königlichen Blindenanstalt zu Steglitz. Wir haben also hier die eigenthümliche Thatsache zu verzeichnen, daß die Zahl der in Anstalten sich befindenden jüdischen Blinden in den Jahren 1880 bis 1891 unter die Hälfte zurückgegangen ist.*) Das ist selbstverständlich nicht dem Umstande zuzuschreiben, daß nun erfreulicherweise die Zahl der jüdischen Blinden an sich sich um die Hälfte verringert, sondern wahrscheinlich sind rein konfessionelle Erwägungen die Hauptursache *) Siehe dagegen die Korrespondenz Berlin in der vorigen Nummer. Die Redaktion. dieses Rückganges, der sicher nicht für die Betroffenen selbst von Nutzen ist. Diese eine Betrachtung allein müßte genügen, die geeigneten Organe zu einer schleunigen Abhilfe dieses Mißstandes zu veranlaffen. Wir sind überzeugt, daß es bei dem sprichwörtlich gewordenen Humanitätssinn unserer Glaubensgenossen nur dieser kleinen Anregung bedarf. Ä Mas ist uns nsthigd Köln, im September. enn irgend etwas die erschreckende Zunahme des Jndifferentismus und das gänzliche Darniederliegen des Gemeindelebens in der Gemeinde Köln in die Erscheinung gerückt hat, so ist es die jetzt endlich , abgeschlossene Wahl des zweiten Rabbiners gewesen. Monate lang haben wir das für die Gemeinde und die Kandidaten gleichmäßig unerbauliche Schauspiel der Probepredigten erlebt, nicht angemessen für die Gemeinde, die doch nach dem Eindruck einer gut memorirten Predigt nicht die Wirkungs-, fähigkeit eines Kandidaten beurtheilen kann, niederdrückend für den Kandidaten, weil er seine Persönlichkeit und seinen Charakter nach dem zufälligen Ausfall seiner Probepredigt bewerthet sieht. Die Wahl eines geeigneten Rabbiners ist für eine Gemeinde von solcher Bedeutung, daß eine gewissenhafte und von Amtseifer beseelte Vertretung es sich wohl angelegen sein lasten dürfte, sich nach den Institutionen, nach den Einrichtungen für moralische und soziale Erziehung, nach dem Einflüsse, den ein Rabbiner bisher in seiner Gemeinde auf die Jugend und die Erwachsenen ausgeübt hat, genau umzusehen. Denn darüber dürfte heutigen Tages Jeder im Klaren sein, daß die religiöse Gleichgiltigkeit und Passivität den Gemeindeangelegenheiten gegenüber einen derartigen Umfang angenommen hat, daß nur noch u von einer Wiedergewinnung der Jugend eine Besserung der Zustände und eine Rückkehr von dem alle Ideale zerstörenden Materialismus zu erhoffen ist. ES kommt wahrlich heute picht mehr darauf an, und es sollte unter einsichtigen Juden auch darüber nicht mehr diskutirt werden, ob die eine oder die andere Abweichung in der Gottesdienftordnung oder von talmudischen Vorschriften vorgenommen werden soll. Heutzutage kann es sich nur noch darum handeln, wenn wir dem fortschreitenden Verfall und Abfall Vorbeugen wollen, der auch in den Augen Andersgläubiger die gesammte Judenheit mit Recht so schwer belastet, der Jugend wieder die Achtung vor dem sittlichen Inhalt der jüdischen Religion, ein wahrhaft religiöses Empfinden wieder einzupflanzen. Das kann aber nicht mehr geschehen durch Wiederbelebung und strengen Hinweis auf überlebte Formen und Einrichtungen, sondern durch immerwährende Betonung und Lehre der wahrhaft sittlichen Grundlage der von unzeitgemäßem Beiwerk gereinigten Religion des prophetischen Judenthums. Es ist undenkbar, die uns bereits entfremdeten Masten und insbesondere die Jugend, die dem gottesdienstlichen Leben und den Interessen des Judenthums entwöhnt sind, wieder zu gewinnen, wenn wir ihnen die zahllosen Formeln und talmudischen Satzungen als Lehrinhalt der jüdischen Religion darstellen, und wir sie vor die Alternative stellen, entweder durch Beobachtung solcher Satzungen sich in fortgesetzten Widerspruch mit den Ansprüchen des kulturellen und wirthschaftlichen Lebens zu setzen oder durch Zurückweisung solcher, dem wahren Judenthum fremder Beimengung sich der äußeren Bethätigung religiöser Gesinnung enthalten zu müssen.

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