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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-01 · Heft 40 (1.10.1897) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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WM 473 Die Mehrzahl der Gemeinden hat also unter 25 steuerpflichtige Mitglieder. Als Großgemeinden können neben Königsberg nur noch fünf, nämlich Tilsit, -Memel, Allenstein, Insterburg und Ortelsburg, gelten. Nach der Höhe ihres Jahresetats bemessen, finden'.sich nächst Königsberg; 2 Gemeinden mit 10 000 — 12 000 Mark jährl.-Steuer 2 « 6 000 — 10 000 1 „ . l 4 000 - 5 000 4 * „ „ 3 000 - 4 000 2 „ „ 2 500 — ' 3 000 3 >; „ 2 000- 2 500 -12 „ „ 1 500 - 2 000 13 1000 — 1 500 8 * ' „ 700- 1000 „ „ Hiernach erheben zwei Drittel der Gemeinden weniger als 2000 Mark jährlicher Steuer. In der Reihe der sechs größten Gemeinden zählt dem Jahresetat nach statt Ortelsburg hier Osterode. Fünf Gemeinden vermögen ihren Etat nicht aus eigener Kraft aufzubringen und erhalten vom ostpreußischen Synagogenverbande Zuschüsse von 75 bis 200 Mark pro Jahr. Der Prozentuale Steuersatz wird in den ostpreußischen Gemeinden allgemein nach der Staatssteuer festgestellt und variirte zwischen 60' und 400 pCt. - Im Speziellen finden sich: 4 Gemeinden mit 60 - 75 pCt. der Staatssteuer 6 „ „ 7^- 100 „ „ ' 8 „ 100 - 126 „ „ „ 8 „ „ 125 — 150 „ „ 2 „ „ 150 — 200 „ „ „ 8 - „ 200 — 300 „ „ 4 „ „ 300 -400 „ Erschreckend ist die große Zahl (12) der in ihren Steueransprüchen überangestrengten Gemeinden. Hält man dazu, daß nur fünf davon einen Zuschuß von anderer Seite (Synagogenlierband) erhalten, so bietet sich uns hier ein bewunderungswürdiges Bild jüdischer Opferwilligkeit kleiner Gemeinden. Wir nennen ihre Namen: Darkehmen, Mehlsack, Mohrungen, Neidenburg, Nikoleiken, Ruß und Saalfeld. Dem gegenüber verrathen gerade die größeren Gemeinden durch ihr zu Gunsten der Wohlhabenden abweichendes Steuersystem nur wenig Vertrauen zu dem Opfersinn ihrer Mitglieder, - soweit es sich um reine Kultuszwecke handelt. Vier derselben erheben, entgegen der allgemeinen Regel, die Gemeindesteuern nach dem Einkommen, und zwar Königsberg 0/^ pCt., Stallnpönen IVs PCt., Tilsit und Memel je 2 PCt. Suchen wir die am niedrigsten besteuerten, also die ver- Hältnißmäßig wohlhabendsten Gemeinden, so finden wir sie zum größeren .Theil unter den eigentlichen Mittelgemeinden (mit 25 bis 50 steuerpflichtigen Mitgliedern): Bartenstein, Guttstadt, Labiau, Neidenburg, Soldau. Stallupönen. Allen voran aber marschirt unsere Provinzial-Metropole Königsberg als größte und reichste Gemeinde. So ist das Gesammtbild der Gemeinde-Verhältnisse unserer Provinz trotz mancher tiefer Schatten doch noch ein recht befriedigendes. Ein gut situirter Mittelstand, opferfreudige Kleingemeinden und eine mächtige und reiche Centrale, das sind Grundlagen, auf denen das religiöse Leben unserer Provinz kräftige Wurzeln schlagen kann und wird, und das um so besser, je enger die Bande sich gestalten, welche das heimatliche Gefühl uyd die Liebe zur gemeinsamen Religion um die Glieder dieser örtlichen Gemeinschaft seit lange flicht.;; D e r ostpreußische Synagogen-Verband, der diesen Zielen unausgesetzt zustrebt, verdient darum mit Recht die Unterstützung aller Glaubensbrüder ostpreußischen Landes, welche dem Judenthum mit Treue anhangen und zu dessen Förderung auf heimatlichem Boden g'ern etwas beitragen möchten. , Wir wenden uns nun den Verhältnissen der ostpreußischen Kultusbeamten und Religionslehrer zu. Ostpreußen zählt deren 58 neben den 5 Rabbinern. (Die Letzteren sind in die Statistik nicht ausgenommen.) Ihrer Amtsbeschäftigung nach sind sie fast alle gleichzeitig Prediger (zum mindesten Kasualredner), Lehrer, Kantor, Thoravorleser und Schächter, Einzelne auch Mohrlim.^ Nur 9 versehen die Schechita nicht. ,Einer ist im Elementarlehramt an der jüdischen Privatschule zu Memel. Es sind rm Ganzen zumeist ältere Leute: 2 über 70 Jahr, 4 zwischen 60 bis 70 Jahr; 9 zwischen 50 und 60 Jahr; 18 von 4L) bis 50 Jahr, 9 von 30 bis 40 Jahr und 6 zwischen 22 und 30 Jahr. Ihr Familienstand ist. entgegen der allgemeinen Annahme über Kultusbeamten, ein nur normaler. 5 Beamte sind unverheirathet, oder verwittwet, 6 sind kinderlos, 7 haben 1 Kind, 8 haben 2 Kinder, 5 haben 3, 4 haben 4, 7 haben 5, 5 haben 6 und 3 Beamte haben 7-Kinder. Der Nationalität nach sind 18 geborene Deutsche, 31 geborene Russen (später naturalisirt), einer ist Oesterreicher, einer stammt aus Palästina. Die geborenen Ausländer herrschen also vor. Wohl der fast gänzliche Mangel öffentlicher jüdischer Schulen in Ostpreußen bringt es mit sich, daß hier bei der Anstellung neuer Beamten eine geregelte Vorbildung für das Lehramt noch so wenig zur Bedingung gestellt wird. Leider fehlt es uns in Deutschländ noch an einer öffentlichen Bildungsanstalt für Kultusbeamte, und darum überw'iegen für kleine Verhältnisse die praktischen und vielseitigen Fertigkeiten und Kenntnisse der alten Schule vielfach die einseitigen Vorzüge der modernen Seminare für Volksschullehrer. Ostpreußen ist derHauPtsitz der ausschließlichen Kultusb^amten. Rur 14 von 58 haben eine, Vorbildung auf einem Lehrerseminar erhalten. Zwei besitzen Rabbinatszengnisse. Die U'ebrigen sinh' mehr oder weniger von Rabbinern oder älteren Kultusbeamten ausgebildet. Die Vortheile, welche solche, von jedem staatlichen Zwange freien Stellen den reinen Kultusbeamten bieten, sie werden bei Weitem ausgewogen durch die mit solchen Verhältnissen, wie zumeist stauch hier, verbundenen Nachtheile. Besonders zeigen sich diese in d^'Unsicherheit und der vielfach unzureichenden Dotirung der Stellen. In ersterer Hinsicht sind schon die Daten über die Kontraktsdauer und über die Kündigungsfristen bezeichnend. 8Beamte sind auf 1 Jahr, 4 auf 2 Jahr, 26 auf 3 Jahr, 9 auf 5 Jahr, 1 aus 6 Jahr und nur 4 definitiv angestellt. Die Kündigungsfrist ist bei 11 Beamten gar nicht vorgesehen, bei 12 beträgt sie y4 Jahr, bei 19 ist sie aich Vs Jahr festgesetzt. ' ' Eine SteigerWg der Kontraktsdauer bei Verlängerung des Kontraktverhältnisses findet' nur in vereinzelten Ausnahmen statt. So lebt ein Fünftel der Beamten jährlich in Gefahr, daß ihnen gekündigt wird. Noch trauriger erscheint die Thatsache, daß die Hälfte derselben innerhalb dreier Monate (11 sogar zu jeder Stunde) stellen- und brodlos werden karnü Und wenn sich die Praxis auch nicht so schlecht stellt, wie die Möglichkeit es ergiebt, so bleibt das folgende Bild iijber den Beamtenwechsel in den letzten zehn Jahren doch noch betrübend genug. \ In den letzten zehn Jahren hatten : 3,. Gemeind. 7 Beamte I 3 Gemeind. 5 Beamte i 10 Gemeind. 3 Beamte 3" „ 6 ' „ I 5 „ 4 „ I 10 „ 2 ' „ 14 Gemeinden 1 Beamten. ' ,° J

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