Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gelehrten Gesellschaften und ihre pekuniäre Beihilfe für dieses Projekt zu gewinnen suchen solll Goldziher wurde in seiner Eigenschaft als Generaldirektor dieser Arbeit bestätigt. Sehr interessant für die Bedeutung der Juden in Rußland und Polen ist ein Artikel des „Woschod" dom 1. v. Mts., der sich mit der außergewöhnlichen Entwickelung beschäftigt, die die Stadt Lodz seit einigen Jahren genommen, da er nachweist, daß. was die Stadt Lodz an industrieller Bedeutung gewonnen hat, von Moskau eingebüßt worden ist, und daß diese Veränderung den Ausweisungen von 1892 zuzuschreiben sei. Im Jahre 1885 zählte die Stadt Lodz eine Bevölkerung von 135-000 Seelen; im Jahre 1897 finden wir daselbst 322 OOO Bewohner. Diese Zunahme ist keine natürliche; sie entstand auch nicht aus Zuziehung fremder Elemente, da die Fremden seit 1887 bezüglich ihres Aufenthalts in Polen den strengsten Einschränkungs-Maßregeln unterworfen sind; ebenso wenig sind es die Bewohner anderer'polnischer Städte'oder des Territoriums, die nach Lodz verzogen wären, da sich in jenen Städten nahezu die nämliche Zunahme vollzieht. Diese Lage ist lediglich auf den Zufluß aus Moskau und anderen Städten des Centrums zurückzuführen. Lodz ist seit 1885 das „russische Manchester" geworden, und nicht allein Lodz hat diese Ausdehnung gewonnen, auch die benachbarten Städte, Tomaschof, Sgerz, Papianzi, sind zu großen Manufaktureentren angewachsen. Die Ehre dieser erstaunlichen und schnellen Metamorphose gebührt zum größten Theil den russischen Juden. Aus Moskau vertrieben, haben sich die Israeliten, welche die kaufmännischen Hilfsquellen und industriellen Bedürfnisse der moskowitischen Gegend kennen, instinktmäßig nach den Industrie- und Manufaktureentren des Territoriums begeben, wo sie das Recht genießen, von ihrer Arbeit zu leben. Augenblicklich verdoppelte sich der Werth der Grundstücke, der Immobilien. In Warschau sind ganze Stadtviertel niedergerissen worden, um neuen Bauten, bequemen neuen Wohnungen Raum zu schaffen; in den Fabriken und Werken ersetzen jetzt vervollkommnete Maschinen das primitive Werkzeug von ehedem. Von heute ab kann Lodz mit Moskau wetteifern, das ihm die Waffen zum Kampf geschaffen; es geht dies so weit, daß die moskowitischen Fabrikanten kürzlich die Regierung darum ersucht haben, eine Spezialsteuer auf die Lodzer Erzeugnisse zu legen oder die Stadt für „außerhalb des Territoriums zu erklären". Natürlich hat dieses extravagante Verlangen bei der obersten Behörde kein Gehör gefunden. $ Ueber die traurige Lage der Juden in Marokko entnehmen wir dem neuesten Bulletin der A. I. U. folgende entsetzliche Details ans einem Brief aus Fez vom 27. Juli: Die Lage unserer Glaubensgenossen in Seffrou wird täglich trauriger und schmerzlicher. Seit einem Jahr unter der Oberherrschaft von Omar Ben Mohamed Outaleb, werden sie von diesem Beamten so barbarisch behandelt, daß ihre Lage geradezu unerträglich wird. Trotz der scherifschen Firmans, die dem Caid anbefehlen, sie mit Wohlwollen und Gerechtigkeit zu behandeln, hört Omar nicht auf, sie wie eine Heerde zu betrachten, gegen die alles gestaltet ist. Am 19. Juli setzte er seinen Grausamkeiten die Krone auf; er hatte einen armen Israeliten Namens Joseph Serfaty sowie mehrere andere jüdische Lastträger gezwungen, große Getreidekörbe auf seinen Boden zu tragen, gegen eine Bezahlung von täglich 15 Centimes. Nach drei Tagen dieser Arbeit, von Müdigkeit erschöpft, hatte der arme Serfaty die Idee, seine Körbe nicht mehr ganz so hoch anzusüllen. Das bekam ihm schlecht. Omar, der es erfuhr, ließ ihn auf die Erde werfen und Stockschläge verabreichen; Serfaty verlor die Besinnung, man glaubte ihn todt. In der Nacht vom 19.—20 Juli haben Israeliten aus Seffrou seinen mit Wunden bedeckten Körper auf einen Esel geladen und nach Fez gebracht. Es ist ein Entsetzen und ein Jammer zugleich. Am 21. begab ich mich zu den Herren Bellaire, Leiter des Vize-Konsulats von Frankreich, und Mac Jver Maclead, Vize-Konsul Englands, beschrieb ihnen die Lage unserer Glaubensgenossen in Seffrou und zeigte ihnen, welchen Ausschreitungen ihres Gouverneurs sie ausgesetzt seien. Sehr bewegt, versprachen sie mir Beide, unverzüglich an ihre resp. Minister schreiben zu wollen. Ein weiterer Brief desselben Korrespondenten aus Fez vom 1. August lautet: Heute muß ich Ihnen über das Verhalten des Caid Eliazid gegen die Juden berichten, eines einfachen Soldaten, der im vorigen Jahre plötzlich zum Gouverneur von Taza erhoben wurde. Jacob Wahmon und Jacob Bensoltan, Schuhflicker ihres Berufs, waren mit anderen Israeliten in Streit gerathen. Vom Caid zu mehreren Wochen Gefängniß verurtheilt, wurden sie später freigesprochen, worüber der Caid in Wuth gerieth und sich zu rächen beschloß wegen dieser Mißachtung seiner Autorität, wofür er dies erklärte. Am 8. Juli, während Wahmon und Bensoltan sich gerade zum Freitag Abend vorbereiteten, um nach dem Tempel zu gehen, wurden sie zum Caid gerufen. Dort wurden sie gepackt und ihnen mehr als 1000 Stockschläge verabreicht; 8 Soldaten mußten sich ablösen, um dem scheußlichen Gebot nachzukommen. Der Zustand des Wahmon war verzweifelt, als die Nachricht dieser barbarischen That zu mir gelangte; sein armer Gefährte dagegen hat sich etwas erholt. Sie sehen, wie ernst die Lage geworden. Obgleich die Sultane mehrfach durch geschriebene Erlasse die Stockschläge an den Israeliten verboten haben, so ist diese Strafe bei einigen Gouverneuren zur Gewohnheit geworden, und wenn nicht ein sehr bedeutender und mächtiger Einfluß diesen gewaltsamen Sitten ein Ende macht, weiß Gott allein, was den Juden noch bevorsteht. Alle diese Thatsachen sind nunmehr in Paris und London den Regierungen mitgetheilt, und diese sind gebeten worden, gegen ein solches Gebühren, das sogar von den Herrschern selbst verboten worden ist, einzuschreiten. Neo deutsch-israelitische Lehrerbund und seine Gegner. Von Dr. M. Spanier. f ereits vor 26 Jahren habe ich in dem „Israelitischen Lehrer" des seligen Klingenstein aus die dringliche Nothwendigkeit der Gründung eines allgemeinen deutsch-israelitischen Lehrerverbandes hingewiesen. Damals war die Zeit der Gründungen. Damals wurde es von Jedermann lebhaft empfunden, daß Einigkeit stark mache. Nachdem die Einheit Deutschlands 1871 zur Wahrheit geworden war, waren es die preußischen und deutschen Lehrer, die den preußischen Landeslehrerverein und den deutschen Lehrerverein ins Leben riesen, von der Ueberzeugung ausgehend, daß die zerstreuten Kräfte gesammelt werden müßten, um vereint dem Ziele zuzüstreben, das in der Parole: „Hebung der Schule und des Lehrerstandes" seinen Ausdruck findet. Aber auf die jüdischen Lehrer des Jahres 1871 konnte man das Schiller'sche Wort anwenden: „Der große Moment findet ein kleines Geschlecht". Die Anstrengungen Klingensteins waren vergebliche Liebesmühe; es fehlte an dem Korpsgeist der jüdischen Lehrer. Während die christlichen Lehrer unlängst auf das 25 jährige Bestehen der oben bezeichneten Vereine mit Befriedigung zurückblicken konnten, denn beide sind für die Entwickelung ' der Schule und des Lehrerstandes von nicht zu unterschätzender, wenn nicht maßgebender Bedeutung geworden, ist es einem Theil der jüdischen Lehrer nachgerade zum Bewußtsein gekommen, daß die Verbesserung der sozialen Verhältnisse des Lehrerstandes nur erreicht werden könne, wenn der Einzelne an ein Ganzes sich anschließt, wenn Einzelne in hingebungsvoller Liebe für das Wohl der Gesammtheit eintreten und jedes selbstsüchtige Interesse schwinden lasten. Leider begegnen wir zu oft dem unangenehmen Schauspiel, daß sowohl'stark wie schwach ausgeprägte Individualitäten den Geist der Unterordnung nicht in sich verspüren. Billigerweise konnte man bei Gründung des deutsch-israelitischen Lehrerverbandes vor zwei Jahren