Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 statt, in welcher beschlossen wurde, das Friedrichsheim in» Gailingen zu erbauen. Die Baukommission besteht aus dem Asylvorstand (§ 16 des Statuts): den Herren Gemeinderath Jacob Bernheimer, Vorsteher Harburger und Synagogenrath Wilh. Moos (sämmtlich in Gailingen), den Vorstandsmitgliedern Herren B. Dukas-Freiburg und Dr. Rothschild-Randegg sowie den Beiräthen Herren Josef Guggenheim und Ludwig Rothschild - Gailingen. Dieselbe hat ein günstig gelegenes Areal von 128,20 Ar zu einem Kaufpreise von 6443,85 Mark erworben. Als Bausumme, ist ein Höchstbetrag von 71000 Mark in Aussicht genommen. Der Bau wird nach dem Plane des Herrn Professors Bischoff-Karlsruhe ausgeführt und von diesem selbst geleitet. Am 11. Juyi 1895 wurden die ersten Spenden für das Friedrichsheim im Betrage von 27 Mark bei der Sparkasse Freiburg angelegt. Am 31. Dezember 1896 betrug das Vermögen unter Einrechnung der Moos'schen Stiftung 66 457,84 Mark, am 1. Juli 1897 war es auf 77 673,65 Mark gestiegen, am 31. Dezember d. I. wird es nach Eingang der gezeichneten Jahresbeiträge sich auf 82 500 Mark beziffern. Der Gesammt-Vorstand besteht aus den Herren: Rabbiner Dr. Lewin, Vorsitzender, Freiburg, B. Dukas, Schriftführer, Freiburg, Heinr. S. Epstein, Kasstrer, Eichstetten, Simon Bensheim-Mannheim, Jsaac Bernheimer-Gailingen, Julius Ettlinger- Mannheim, Anwalt Dr. Friedberg-Karlsruhe, B. Harburger-Gailingen, Bened. Herzberger-Breiten, Fritz Homburger-Karlsruhe, Jsaac Lang- Altdorf, Rabbiner Dr. Löwenstein-Mosbach, Louis Marx-Bruchsal, Rabbiner Dr. Mayer-Bühl, Wilhelm Moos-Gailingen, Siegmund Retter-Heidelberg, Dr. Rothschild-Randegg, Anwalt Dr. Staadecker- Mannheim, Emanuel Strauß-Merchingen, Moritz Strauß-Tauberbischöfsheim. Nürnberg, 18. September. Der vor einigen Wochen in Wildbad verstorbene, auch zu Lebzeiten als Wohlthäter bekannte Privatier Lazarus Schwarz hat in seinem nunmehr veröffentlichten Testamente den weitaus größten Theil seines Vermögens für wohlthätige und gemeinnützige, konfessionelle und interkonfessionelle Zwecke bestimmt. Insbesondere hat er in Anbetracht des Umstandes, daß dürftige'Israeliten in derartige allgemeine Anstalten nicht ausgenommen werden, mit 400 000 Mark eine Altersversorgungsanstalt gegründet und weitere 124 000 Mark der israelitischen Kultusgemeindeverwaltung Nürnberg für bestimmt vorgesehene Wohlthätigkeitszwecke vermacht. Weiter hat er zugewendet: 2000 Mark der religiösen Vereinigung, deren Vorstand er war, 1000 Mark dem hiesigen israelitischen Armen-, unterstützungsverein, je 1000M. den Lehrerbildungsanstalten Würzburg und Burgpreppach, 1000 Mark der Ullianes Isruelile Universell«, 500 Mark der Lehrerbildungsanstalt Schwabach, 600 Mark dem Verein Merkur, 500 Mark dem Jugendhort, 600 Mark dem Komitee für Ferienkolonien für arme, kranke Schulkinder, 500 Mark für Wärmstuben, 500 Mark dem Verein Frauenwohl, 500 Mark dem Verein für Krankenpflege (Hallerwiese), 500 Mark dem Verein für Krankenpflege durch Nieder-. bronner Schwestern, 500 Mark dem Kinderspital, 600 Mark der Maximilians-Augenheilanstalt, 500 Mark der Blindenerziehungsanstalt. Die Sammlung von Gold- und Silbermünzen, die er befaß, soll nach der Anordnung des Verstorbenen durch den Testamentsvollstrecker, Herrn Justizrath Josephthal, dem Germanischen Museum ausgeantwortet werden. Oesterreich-Ungarn. LH Wien, 20. September. Die Maßregelung der fünf Unterlehrer, die von Dr. Lueger ihrer fortschrittlichen Gesinnung halber, der sie offenkundig Ausdruck gegeben, entlassen wurden, hat in allen Kreisen begreifliches Aufsehen erregt, und während alle Gebildeten einstimmig ein solches Vorgehen tadeln, ergehen sich die antisemitischen Blättchen, in Bertheidigung und Rechtfertigung dieses Schrittes. — Dagegen hatte sich ihr verehrter Bürgermeister in Znaim keines sonderlich erhebenden Empfanges zu erfreuen, als er jüngst dort erschien, um der Trauung eines christlich-sozialen Agitators beizuwohnen, des Buchdruckers Navratil. Bor der Abfahrt Luegers fanden sich die Christlich-Sozialen auf dem Bahnhofe ein, um ihm eine Ovation zu bereiten. Beim Verlassen des Wartesaales brachten sie laute Hochrufe auf Dr. Lueger aus. In demselben Momente jedoch erscholl ein hundertfaches „Pfui Lueger!" „Pfui Geßmann!" „Nieder mit Lueger!" „Pfui Vergani!" Diese Rufe durchbrausten ohrenbetäubend, untermischt mit gellenden Pfiffen, die Luft. Die Katzenmusik dauerte fort, bis sich der Schnellzug, in welchen Dr. Lueger eingestiegen war, in Bewegung setzt. D ie Polizei war der mehrere Hundert Köpfe zählenden Menge gegenüber machtlos und beschränkte sich darauf, den Ausbruch von Thätlichkeiten hintanzuhalten. — Dem Advokaten Dr. Ferdinand Kaufmann in Znaim ist das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen worden. — Bei dem großen Avancement im Richterstande wurden auch zahlreiche jüdische Gerichtsbeamte befördert; wir nennen.unter den hervorragenden die Ernennung des Landesgerichtsrathes Fei gl zum Vizepräsidenten des Wiener Strafgerichtes, des Bezirksvorstehers Dr. Victor Feigl zum Landesgerichtsrath, des Dr. Michael: Spitzkopf in Wiener Neustadt, der auch dort Mitglied des Kultusvorstandes ist, zum..Landesgerichtsrath, des Dr. Moriz Kornfeld zum Staatsanwalts - Substituten für Jglau, ferner der Gerichtssekretäre Aspis, Goldmann, Löwner, Rittermann, Sachs, Tschiassny, Wall enstein zu Landesgerichtsräthen im Sprengel des Wiener Oberlandesgerichts. Auch in Czarnowitz wurde Dr. Grabscheid zum Landesgerichtsrath ernannt. „. Budapest- 16. September. Wie seinerzeit berichtet wurde) forscht die hiesige Polizei seit mehreren Wochen nach einem insgeheim getauften jüdischen Mädchen Namens Ilona Schönhauser. Die Nachforschungen erstreckten sich bis-nach Belgien, ohne daß die Schönhauser, die in einem Kloster sein sollte, ausfindig gemacht werden konnte. Gestern Abend wurde der Aufenthalt des Mädchens durch einen Brief an seine Mutter bekannt. Ilona Schönhauser theilt darin mit, daß sie sich im Kloster der Barmherzigen Schwestern in Wien, Gumpendorferstraße, befindet, wo sie sehr gut aufgehoben sei. Sie bittet ihre Mutter, ihrer Einkleidung als Nonne — jetzt sei sie Novize. — sich nicht zu widersetzen, da „alles vergebens sei, und Herr Jesus Christus dies beschlossen habe". Gleichzeitig bittet das Mädchen die Mutter um eine Ausstattung. Die Mutter hat den Brief der hiesigen Polizei übergeben, die sich mit der Wiener Polizeibehörde in Verbindung gesetzt hat, um das Mädchen, das minderjährig ist, wieder zu seiner Mutter zurückzuführen. Rußland. m. Petersburg, im September. Unsere Gegner in Rußland sind gewöhnt^ diejenigen Provinzen, wo der Aufenthalt den Juden gestattet istals Verbrecher-Plätze, wo die Menschen nur durch Lug und Trug ihr kümmerliches Dasein fristen, zu bezeichnen. Wie weit, diese Behauptung der Wahrheit entspricht, soll uns eine Veröffentlichung des Finanzministeriums im. Journal für Handel und Industrie lehren,. Demnach ist das Fabriken wesen gerade in den jüdischen Provinzen in Rußland bedeutend besser entwickelt und Handel und Industrie machen bei Weitem größere Fortschritte als in den übrigen Provinzen, wo der Aufenthalt den Juden verboten ist. So war irn Jahr 1893: Zahl der Fabriken Summe der Fabrikate in 1000 Rubel Gouvernement Beffarabien . . 184 . 4847 Wilna . . . . 226 5984 Witebsk. , . . 167 3 316 Wolin . '. . . 557 18351 Grodno. . . . 471 11 954 Jekaterinoslaw . 382 54 956 Kowno . .. . . 138 3 920 Kiew. . . . . 646 69 373 Minsk . . . . 284 3 4*29 „ Mohilew . . . 275 4 144 Podolien < . . 475 37 371 Taurien . . . 263 6465 Cherson. . . . 497 40936 „ Tschernigow . . 274 ' 18 954 Davon sind nur in. den Provinzen, wo Juden wohnen,- insgesammt 5055 Fabriken, die im Jahr 1893 Waare für rund 29 411600 Rubel verarbeiteten. Wenn wir Petersburg und Moskau außer Acht lassen, die infolge ihrer günstigen Lage an der Eisenbahn ein sehr entwickeltes Fabrikationswesen zeigen, so macht in den 15 anderen Provinzen die Zahl der Fabriken 31,1 pCt. in der gesammten russisch-europäischen i Fabrikation aus. Und nicht umsonst sagt das betreffende Journal, daß - in diesen Provinzen die Fabrikation sich mit amerikanischer Schnelligkeit i entwickelt. Man kann sich daher denken, wie wünschenswerth es für