Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Ar. 39. «erltn, 24. Sqjttmh« 1897. Weitage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. e/s Berlin, 21. September. Der Vorstand hat den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, gemäß den Bestimmungen in den §§ 59 und 60 des revidirten Statuts für die jüdische Gemeinde zu Berlin vom 11. November 1895, bestätigt am 11. Januar 1896, bekannt gemacht, daß für das laufende Verwaltungsjahr (1. April 1897 bis 31. März 1898) von demjenigen Einkommen der Gemeindemitglieder, welches der Veranlagung zur staatlichen Einkommensteuer zu Grunde liegt, 7a pCt. als Gemeindebeitrag zur Erhebung gelangen wird. Die hiernach aufgestellte Heberolle wird während der Zeit vom 7. bis einschließlich 27. Oktober d. I. täglich — mit Ausschluß der Sabbathe und Festtage — in dem Büreau der Veranlagungs-Kommission, Oranienburgerstr. 29, 1 Treppe, während der Dienststunden offen liegen. Innerhalb dieser Zeit ist jedem Betheiligten gestattet, von dem für ihn festgesetzten Beitrage Kenntniß zu nehmen. Etwaige Reklamationen sind spätestens den 7. Januar 1898 bei dem Vorstande anzubringen. LL Berlin, 21. September. Die „Stat. Korr." untersucht, wie sich die Blinden, Taubstummen und Geisteskranken in.Preußen auf die einzelnen Glaubensbekenntnisse vertheilen, und kommt dabei zu her Feststellung, daß Blindheit, Taubstummheit, namentlich aber Geisteskrankheit bei den Juden sehr viel häufiger vorkommt als bei den Christen und bei den männlichen Personen jedes Religionsbekenntnisses häufiger als bei den weiblichen. Während bei den Evangelischen unter 100 000 Ortsanwesenden nur 67 und bei den Katholiken 66 Blinde entfallen, beträgt die Verhältnißzahl bei den Juden 8 3. Taubstumme entfallen auf 100 000 Personen bei den Evangelischen 87, bei den Katholiken 94, bei den Juden aber 13 6. Bei den Geisteskranken haben die Evangelischen die Verhältnißzahl von 261, die Katholiken die von 250, während bei den Juden die Zahl auf 4 98 steigt. Es finden sich also bei den Juden fast noch einmal soviel Geisteskranke als bei den christlichen Konfessionen. Für das männliche Geschlecht lauten die Verhältnißzahlen der Blinden bei den Evangelischen 72, bei den Katholiken 70, bei den Juden 10 0, der Taubstummen 97, 107 und 148 der Geisteskranken 278, 270 und 5 3 4; für das weibliche bei den Blinden 63, 63 und 66, bei den Taubstummen 78, 81 und 12 4, bei den Geisteskranken 246, 231 und 4 6 2. Das sind sehr bedenkliche Zahlen, die lauter sprechen als alle Tiraden und Angriffe der Antisemiten. S£2 Berlin, 19. September. Auch das Berzeichniß der Vorlesungen für das Wintersemester 1897/98 an der hiesigen Universität bringtuns mancherlei Interessantes und Beachtenswerthes. Wir entnehmen demselben folgende Vorlesungen: Strack: Hebräische Grammatik, Einleitung in das Alte Testament, Erklärung der Genesis, Biblische Theologie des Alten Testaments, Erklärung des Mischnahnaktats Sabbath, Gunkel: Erklärung des Jesaia und der Psalmen, Plath: Ueber die Beziehungen zwischen der christlichen Kirche und den Juden, Pfleiderer: Geschichte der Ethik, Pagel: Geschichte und Litteraturgeschichte der Medizin, Lasson: Beweise für das Dasein Gottes, Simmel: Ethik, Er man: Aegyptische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Kultur und Religion, Winckler: Geschichte des alten Orients und Israels, Assyrisch für Anfänger, Sabäische Inschriften, Dessau: Chronologie der Völker des Alterthums, Oppert: Ueber die Ureinwohner Indiens, Steinthal: Klassifikation der Sprachen, Geiger: Litteraturgeschichte der Romantik in Deutschland, Barth: Arabische Syntax und Erklärung des Korans, Biblisches Aramäisch, Schräder: Biblisch-Aramäisch nebst Erklärung der aramäischen Abschnitte der Bücher Daniel und Esra, Sachau: Syrische Grammatik. ££» Berlin, 20. September. Am 15.d. ist hier Ludwig Bleuer, der bekannte langjährige Konzertmeister der Philharmonie, nach einer an sich geglückten Magenkrebsoperation infolge Schwäche gestorben. In Budapest 1663 geboren, studirte er in Wien, wo er auch in die Kapelle der Hofoper eintrat. Nach zwei Jahren ging er jedoch nach Berlin, um bei Joachim seine Studien zu vollenden. Im Jahre 1863 kam er als Konzertmeister an die Philharmonie. Seine Leistungen hier als bedeutender Violinvirtuose im Solo- und Ensemblespiel sind bekannt. Er unternahm im Jahre 1894 eine zweijährige Quartetttournee nach Amerika. Nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde er ein vielgesuchter Lehrer, der schöne Erfolge erzielte. Eine Reise nach Budapest war sein letzter Ausflug. Er hat nur ein Alter von 34 Jahren erreicht. Bei der Beerdigung, die unter allgemeiner Theilnahme am 17. d. stattfand, schilderte Prediger Dr. Levin in ergreifenden Zügen das Leben und künstlerische Ringen des Frühverblichenen, der in dem Kreise seiner Knnstgenossen so hohe Achtung, bei all seinen Freunden innige Liebe genossen. Die Berliner musikalischen Kreise werden dem reichbegabten Geiger, der sein Talent auch gern in den Dienst der Wohlthätigkeit stellte, ein ehrendes Andenken bewahren. L2 Berlin, 20. September. Der hier seit einigen Jahren bestehende Israelitische Fortbildungsverein Montefiore hat am 13. d. M. sein neues/ihm vom Vorstande der jüdischen Gemeinde im Hause Rosenstr. 2, Erdgeschoß rechts, zur Verfügung gestelltes Vereinslokal bezogen und gleichzeitig seine Lehrkurse wieder ausgenommen, und zwar Montags 9-10 Uhr Abends: Liturgie, Dozent Herr Kand. phil. Jonas Simon. Dienstags 9—10 Uhr Abends: Jüdische Geschichte und Litteratur, von Mitgliedern vorgetragen. Mittwochs 9—1072 Uhr Abends (jedoch erst vom 13. 10. a. cr. ab): Hebräische Sprache mit praktischen Uebungen, Dozent Herr Dr. S. Bernfeld. Sonnabends 372 bis 472 Uhr Nachmittags: Pentateuch, Dozent Herr Jonas Simon. Ferner trägt Montags und Donnerstags 9-10 Uhr Abends Herr? Dr Ed. Biberfeld privatiffime für Mitglieder und Freunde des Vereins Talmud vor. Am Dienstag 10-107« Uhr Abends leitet Herr Goldschmidt einen privaten Kursus in hebräischer Kursivschrift. Gäste sind zu allen diesen Vorträgen willkommen. An den hohen Festtagen veranstaltet der Verein auch in diesem Jahre wieder, und zwar in seinem Vereinslokale, einen Gottesdienst nur für Herren, zu dem Einlaßkarten (für Nichtmitglieder zum Preise von M. 2 und 1,50) werktäglich 9 bis 10 Uhr Abends im Büreau, Rosenstr. 2, oder von 2—6 Nachmittags bei Herrn I. Goldschmidt, Linienstr. 112, oder auf schriftliche Bestellung erhältlich sind. F. Breslau, 19. September. Welch gefährliche Brutstätte des Antisemitismus die studentischen Korps und Burschenschaften bilden, zeigt ein Blick hinter die Kulissen immer von Neuem. Der Beschluß des Burschentages 1896, jüdische Mitglieder in die Burschenschaften nicht mehr aufzunehmen, ist s. Z. in diesem Blatte besprochen worden, auch die Kundgebung „Alter Burschenschafter" gegen diesen Beschluß. Auf diese Umfrage hin liefen bei den Unterzeichneten des Cirkulars 790 zustimmende Erklärungen der Alten Herren ein. Trotz dieses Protestes wurde auch auf dem diesjährigen Burschentage der famose antisemitische Beschluß aufrecht erhalten. So erklärte die Breslauer Burschenschaft der Raczecks: „In Anbetracht der großen Anzahl unserer Alten Herren, welche sich in der Judenfrage für die Aufnahme von Juden ausgesprochen haben, erklärt die a. B. B. der Raczecks, daß sie jetzt prinzipiell keine Juden mehr aufnimmt." (?) Eine ähnliche Stellungnahme bekundete auch die hiesige Burschenschaft „Germania" trotz ihrer kurz vorher erfolgten Erklärung, sich durch den antisemitischen Beschluß des A. D. C. nicht für gebunden zu halten. Nun, über die Thatsache selbst brauchte man sich wohl nicht übermäßig zu grämen. Der jüdische und auch nichtjüdische Student, der den Pflanzstätten des Hochmuthes und engherzigen Kastengeistes fernbleibt, als welche sich die Burschenschaften in ihrer heutigen Verfassung — bedauerlicherweise — darstellen.