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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-24 · Heft 39 (24.9.1897) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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468 „Ist Hoffnung vorhanden, daß er gesund wird?" fragten die Eltern zitternd. „Was wir im Hause haben und auf uns tragen, wollen wir Ihnen geben, Herr Doktor, nur retten Sie uns das Kind!" Der Arzt schüttelte den Kopf wie Jemand, der alles weiß und versteht, steckte den Silberrubel, den ihm Mirjam mit zitternden Händen gegeben hatte, ein, strich seinen Schnurrbart und ging hinaus. „Kinder, reißt die Gräber der Väter auf! Betet zu Gott, daß er uns seine Hilfe schicke!" riefen die Eltern verzweifelt „Hirschele stirbt. . Mirjam weinte und schrie. Es war ruhig im Hause. Aller Augen waren auf die Wiege des Kindes gerichtet. Sie krachte von den Bewegungen des in Todeskrämpfen sich windenden Kindes. „Die rothe Kuh ist hin!" verkündete die alte Hexe, die bisher im Stalle neben dem Vieh gestanden hatte, und murmelte irgend etwas. „Möge sie eine „Kaporoh" sein für den kranken Hirschele," riefen einstimmig die Eltern und Töchter. „Wehe . . . Hirschele streckt die Beinchen aus ... er schließt die Augen . . . der Athem steht still ... er ist kalt . . . todt!" Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! (flSyf’tfttten Sie mir, Ihre freundliche Aufmerksamkeit und die der geer schätzten Leser Ihres Blattes auf einen wichtigen Gegenstand zu lenken, den die meisten Rabbiner und die jüdische Philanthropie außer Acht gelassen haben — ich meine die Strafanstalten, in denen auch Juden detinirt sind. Die meisten unserer Glaubensgenossen wenden sich mit Abscheu ab von den sittlich Gefallenen, sie halten sie für die menschliche Gesellschaft vollständig verloren. Sie grollen ihnen, weil durch deren unsittliches Verhalten ein Chillul Haschern herbeigesührt wurde. Ob die Ursache im ästhetischen Gefühle der Juden oder in dem altbewährten Grundsatz sittlicher Bürgschaft liegt, dies wollen wir nicht untersuchen; die Wirkung der Ursache aber ist vorhanden, sie äußert sich darin, daß, während die Kirche dahin arbeitet, die Gefallenen aufzurichten, ihren sittlichen Defekt auszubessern und ihnen religiösen Zuspruch zu gewähren, sich in den meisten Fällen die Synagoge, richtiger gesagt, die Judenheit sich um die Strafgefangenen jüdischen Glaubens in den meisten Fällen gar nicht kümmert; man hält sie für verloren, und man kann und will es ihnen nicht verzeihen, daß sie dem Judenthum Schmach zugesügt haben. Wer aber, wie ich. als von der Regierung wohlbestallter, „unbesoldeter" Seelsorger einer königlichen Strafanstalt Gelegenheit hat, mit den Gefallenen in Verkehr zu stehen, wird mir beipflichten, daß diese für die menschliche Gesellschaft noch lange nicht verloren sind. Der größte Theil von ihnen ist besserungsfähig und wird voraussichtlich nach Verbüßung seiner Strafe nie wieder die dunklen Mauern des Kerkers Wiedersehen. Unleugbar der größte Theil dieser Armen bedarf der Glaubensstärkung und der Aufrichtung, damit der Rest des sittlichen Empsindens ihnen nicht schwinde durch das längere Verweilen unter so vielen Verbrechern. Es muß daher Pflicht eines jeden jüdischen Predigers, ja eines jeden Israeliten sein, diesen Unglücklichen sein Interesse zuzuwenden, überall, wo größere Strafanstalten sind, Erkundigungen einzuziehen, ob sich auch Juden unter den Gefangenen besinden, und ihnen den geistlichen Zuspruch angedeihen zu lassen. „Roth lehrt Beten." Die Unglücklichen sehnen sich fast alle mit verschwindender Ausnahme nach den Trostworten der Religion. Ich weiß es aus Erfahrung. Mit Sehnsucht erwarten sie die Stunde, selbst Die, die sonst dem Judenthum fern gestanden, die ich ihnen widme. Wie dankbar sind die Unglücklichen für das Gottes wort, das ich ihnen verkünde. Wie mancher von ihnen wünscht belehrt zu sein über dies und jenes, aber nicht im Sinne eines Esau, nach der Erklärung unseres Raschi. Ich habe ziemliche Erfahrungen gesammelt und weiß, daß mancher echte Jehudi, einer schwachen Stunde erliegend, sein Vergehen als gerechte Strafe büßt. Ja, ich kenne Leute, die Monate lang, ja ein Jahr und länger von trockenem Brode leben und sich weigern, unrituelle Kost zu genießen. Es haben, bevor ich mich der Armen angenommen, am Passahfeste Viele acht Tage von „Brod des Elends" gelebt. Welche Freude war daher bei den jüdischen Gefangenen hiesiger Anstalt, als ich höheren Orts die Genehmigung erlangt hatte, ihnen rituelle Kost verabfolgen zu dürfen. Bei dieser Gelegenheit sage ich dem Herrn Rabbiner Dr. Biberfeld-Berlin, der mir hierbei rathend zur Seite stand, sowie allen Denen, die mich s. Z. zufolge eines Aufrufes durch Geldspenden unterstützten, meinen verbindlichsten Dank. Wie groß war an diesem Passah die Freude der Gefangenen, da sie hinter den Kerkermauern wußten, daß ihre Brüder das Fest der Erlösung feierten. Wie dankten sie Gott und den edlen Spendern. In einer Audienz beim Herrn Regierungspräsidenten ist es mir zu erwirken gelungen, daß die jüdischen Strafgefangenen des hiesigen Centralgefängnisses an den hohen Feiertagen und den übrigen Festen sich behufs Abhaltung gemeinsamer Andacht in einem von der Verwaltung der Anstalt ihnen zugewiesenen Raume vereinigen dürfen. Eine Thorarolle und Gebetmäntel habe im vorigen Jahre von der hiesigen Synagogengemeinde geliehen; wo aber Machsorim hernehmen? Auf meine Veranlassung hat die Anstaltsverwaltung zwar eine hebräische Bibel und. 20 Gebetbücher angeschafft, zur Anschaffung von 20 Machsorim ist sie aber nicht zu bewegen. Ferner: An Sonn- und Feiertagen werden den Strafgefangenen Bücher aus der Anstaltsbibliothek zur Lektüre verabfolgt. Daß diese Bücher fast durchweg spezifisch christlichen Charakters sind, ist zweifelsohne. Es ist für evangelische und katholische, aber nicht für jüdische Lektüre gesorgt. Es würde sich empfehlen — meine Zeilen mögen hierzu beitragen —, mit Hilfe jüdischer' Wohlthätigkeit eine kleine Sammlung geeigneter Werke unserer Litteratur anzuschaffen und diese unter dem Titel: „Bücher für jüdische Strafgefangene" der hiesigen Strafanstalt zu überweisen. Dazu fehlt aber Geld. Ich bitte Sie daher, sehr verehrter Herr Redakteur, unterstützen Sie das von mir begonnene Werk und geben Sie einem diesbezüglichen Aufruf in Ihrem geschätzten Blatte Raum. Ueber eingehende Spenden und über Ausgaben werde ich mit dem Vorsitzenden der hiesigen Synagogengemeinde, Herrn Bankier W. Löwenstein, abrechnen und dann in ihrem Blatte veröffentlichen. Hochachtungsvoll und ergebenst Kottbus, im September. Leo Kamerase, Prediger. * Geehrter Herr Redakteur! Ich bitte Sie, in meinem Artikel, über das Delatorenwesen in Nr. 35, Seite 415, Note 2, die durch ein Druckversehen weggebliebene Quelle nachtragen zu wollen. Bei dieser Gelegenheit sei es mir auch gestattet, ein mittlerweile mit Sicherheit gelöstes kleines Räthsel aus dem angeführten Texte zu beseitigen. Das Fragezeichen nach: (?) mnp Tpn ist zu tilgen und das dunkle Wort einfach in: ttförp1? 8U verbessern, d. h. also: Gerona war bereits nahe daran, vom Feinde eingenommen zu werden. Ergebenst Budapest, 14. September. Professor Dr. D. Kaufmann. * Äln meinem Aufsatz: „Sonntagsgottesdienst", AnmerkungI, muß rPo es statt: Ich nehme: „ich rechne" und statt Ehrenmitglieder: „Chormitglieder" heißen. Prof. Breslaur. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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