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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-24 · Heft 39 (24.9.1897) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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467 (Psalmen) zur Hand und sah mit starren Blicken hinein. Seine Lippen aber bewegten sich nicht. Hinde war so erschrocken, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Ihre Kuh, die Versorgerin der ganzen Faniilie, die Mitgift ihrer ältesten Tochter, plötzlich krank! Hindes Herz brach schier vor Kummer und Sorge. Sie stand da, niedergeschmettert, geistesabwesend, mit ausgestreckten Armen, geöffnetem Munde, irren Blicken. Aber sie kam bald zu sich, und als sie ihren Mann mit entsetzensvollen Blicken dastehen sah, schrie sie ihn an: „Schlemihl, die Kuh ist krank, ist geschwollen, und Du Faulpelz stehst ruhig da wie ein Lehmklumpen, als wenn es Dich gar nicht anginge. Warum hast Du bis jetzt geschwiegen und nicht einmal den kleinen Finger gerührt? Unser Vieh will verenden, und Du schläfst. Hast Du ihr frische Streu untergelegt? Weh', Herr der Welt! Geh', lauf' zu Puoh, der Hexe, zum alten Zigeuner, zum tauben „Melammed" (Lehrer) und wer sonst Thiere zu behandeln versteht, und bring' sie her! Vielleicht helfen sie ihr, vielleicht retten sie sie. — Eile, was stehst Du noch?" „Ich habe selbst alles Mögliche versucht," stammelte der Milchmann. Jetzt krachte die Wiege. . Das kleine, elende Geschöpf warf sich hin und her, als wollte es in Stücke gehen. Es kämpfte gegen seine Schmerzen mit dem ganzen Rest, seiner schwachen Kräfte. Bald waren es leise Schmerzenslaute, bald schreckliche Todesschreie, die von seinen Lippen kamen; dann senkte es wieder die Stimme zu flehender Klage, wie ein Gefolterter, den seine Kräfte verlassen. Vater, und Mutter bereiteten Mixturen und andere Heilmittel für die kranke Kuh, aber auf das Weinen und Wehegeschrei und dann das leise Stöhnen ihres einzigen, so viele Jahre ersehnten Sohnes, der sie um Hilfe anrief, achteten sie nicht. Und sie hörten nicht auf, sich zu zanken, als gäbe es nicht genug Geschrei im Hause. „Du meinst," rief Hinde zu ihrem Manne, „daß das Vieh gesund werden wird ohne die Hexe. Nein, das wird es nicht!" Dann wandte sie sich zu Mirjam und schrie sie an: „Du allein hast die Schuld, Du Garstige. Du hättest über sie wachen und alles Schlechte von ihr abwehren sollen. Da sitzt Du nun, Du nichtsnutziges Ding, mit verschränkten Armen, und mit der Kuh. unserer Versorgerin, Deiner Mitgift, kann geschehen, was da will. Nimm einen Bettelsack und geh' von Thür zu Thür!" Hinde setzte sich auf die Schwelle, bedeckte das Gesicht mit der Schürze und weinte. „Das böse Auge hat meine „Rothe" getödtet. Die verfluchte Jente hat es gethan.Weh! Ich war so glücklich, ich habe gehofft, Mirjam mit einem anständigen Menschen verheirathen zu können, und jetzt wird nichts daraus; oh, Unglück! . . . Das Leben meiner Kuh, die ich pflegte und hätschelte, hängt an einem Haare! Wer wird uns jetzt ernähren? Wir sind verloren! Wir sind verloren!" „Gott im Himmel, unser Vater, lebt noch!" warf der Milchmann mit fester Stimme ein. Der Husten würgte das Kind. Seine letzten Augenblicke nahten, der Todeskampf begann. Sein hageres Körperchen zappelte. Der Milchmann sah auf die Wiege, aus der sich zwei kleine, magere Arme emporstreckten. „Warum schreit das Kind?" fragte er angsterfüllt. „Es ist nichts," antwortete die Frau. „Es zahnt. . . . Weh, weh!"' „Warum jammerst Du so, Sünderin? Hat denn Gott keine Barmherzigkeit mehr?" „Weh, meine Kuh, meine Einzige, unsere Ernährerin!" fuhr Hinde zu klagen fort, „wer wird uns Ersatz für Dich geben? Werde stumm, Du Höllenkind!" rief sie ihrem Kinde zu, „ich komme über Dich, Du Vielfraß." Mirjam nahm den „Vielfraß" auf ihre Arme und versuchte, ihm mit einem großen Holzlöffel Brei in den Mund zu stopfen. Das Kind nahm seine letzten Kräfte zusammen, um sich ihren Armen zu entwinden, und versuchte zu erbrechen. Der Milchmann machte sich im Flur bei dem Vieh zu schaffen. Er konnte nicht glauben, daß ihn Gott verlaßen wolle. IV. „Mutter, Mutter!" rief Mirjam. „Komm und sieh, wie Hirschele glotzt und wie er die Beine streckt. Wehe, was ist ihm?!" „Weh' mir!" rief Hinde verzweifelt und lief von den Mixturen weg, die sie für die Kuh bereitete. „Mein Kind, mein Kind!" schrie sie voll Schmerz mit bitter weinender Stimme, beugte sich über ihn und reichte ihm die welken Brüste. Das Kind wandte das Gesicht widerwillig ab. „Mirjam, Mirjam!" schrie die Mutter, „lauf um den Doktor, bitte ihn, daß er um Gotteswillen schnell komme zu meiltem schwerkranken Kinde. Zögere nicht! Eile! Weh', mein Hirschele, mein Einziger, reine Seele, mein Leben! Wie habe ich Dich vergessen, verlassen, nicht auf Dich achten können, Armer? Ich war grausam gegen Dich. Gott im Himmel ist mein Zellge, daß nur mein Elend mir den Verstand geraubt hat. Ich war mit Blindheit geschlagen, daß ich Deine Leiden und 'Schmerzen nicht gesehen habe, daß ich nicht gemerkt habe, wie Du dahingewelkt und zusammengeschrumpft bist. Deine Kräfte sind geschwunden, und kein Leben ist mehr in Dir. Oh, ich Unglückliche! . . . Hirschele, mein Kind — er röchelt... Wozu lebe ich noch? ... Ich bin schuld! . . . Ich Hab' ihn umgebracht." „Ich habe Puoh, die Hexe, gebracht," sagte der Milchmann zu seiner Frau, indem er mit einem alten häßlichen Weibe eintrat. „Was geht mich das Vieh an? Wozu brauch' ich noch leben?.. Hirschele unser Kind ist sehr krank, Gott soll sich erbarmen. . . Wie haben wir gesündigt! Für unser Vieh haben wir uns gesorgt und haben nicht gesehen, daß unser einziger Sohn, unser Leben, krank ist." „Wehe, was sagst Du?" brüllte der Vater wie ein Löwe, den der Todespfeil getroffen. „Unser Kind ist gefährlich krank, und Du stehst hier und rufst nicht nach - Doktoren und Tehillimsagern. Holen wir schnell den Doktor! Mein Leben und alles, was mir gehört, alles, was sich in meinem Hause findet, will ich für Hirschele geben, daß er leben bleibt; Hirschele, mein Lebenslicht, mein Augapfel. Hirschele, mein Kind, mach doch die Augen auf, gieb mir Deine schöne weiße Hand! Erbarme Dich Deines Vaters! Erbarme Dich. . . Wehe. . . Oh, Gott, mein Gott, strafe mich, nimm das Leben meines Viehs, nimm mein Leben, nur Hirschele, unser Kind, laß leben, laß es nicht sterben! . . Das Kind wand sich in Krämpfen und ächzte furchtbar. „Wo ist der Kranke?" fragte der Arzt, der in Begleitung Mirjams ins Haus kam. „Retten Sie unser Kind," flehte Hinde, „er erstickt, er hat keine Luft, er stirbt, helfen Sie!" „Ich sehe das alles, ohne daß Sie mir das sagen," antwortete der Arzt kalt und fühlte den Puls des Kindes. Der Milchmann und Hinde forschten im Gesicht des Arztes und gaben sich Mühe, darin das Urtheil ihres Kindes zu lesen. Aber dieses Gesicht blieb glatt und gleichmütig, als hätte er ein Stück Holz in den Händen gehabt und nicht ein lebendes Wesen, das zwischen Leben und Tod schwebte.

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