Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Du hast jetzt noch Lust, zu spotten. Wenn die Kuh verendet,' wer wird Dich zum Weib'nehmen? Nicht einmal der Aermstewird Dich wollen. Denn was-sollte ich Dir mitgeben, etwa meine vertrocknete Seele oder meine Leiden, die großen? — Dumme!" - Dann wandte er sich wieder zur Kuh. »Iß doch, erbarm. Dich doch! Alle meine Hoffnungen knüpfen sich an Dich. Du bist meine Hilfe im Leben, mein Trost im Elend!" Die Kuh antwortete mit einem. Stöhnen-, das wie eine Bitte ums Leben klang. Das Gesicht des Milchmannes verdüsterte sich immer mehr, seine Runzeln vertieften sich, und er kratzte sich sorgenvoll und rathlos hinter den Ohren. Bleischwerer Kummer legte sich ihm aufs Herz. Seine älteste Tochter stand verstört in einem Winkel des Stalles und blickte weinend auf ihre zu Grunde gehende Mitgift. Der Milchmann sank auf die Knie und horchte an der Brust der Kuh mit geschlossenen Augen, um den Klang ihres Athems besser zu hören. „Wehe mir! Wie es da innen pfeift!" schrie er geängstigt, indem er aufstand, „Es tobt in-ihrer Brust wie in einem Schornstein. Sie ist krank, unsere Versorgerin ist krank, wirklich krank. . . Mirjam, wo bist Du?" ' Mas willst Du, Vater?" antwortete das Mädchen, das still für ihre Kuh gebetet hatte. „Bring die Säcke, die auf dem Ofen liegen; auch die Matte nimm! Weißt Du, wo sie liegt? In meinem Bette unter dem Strohsack." Mirjam wankte davon, um das Verlangte zu bringen. Der Milchmann aber umkreiste bekümmert die Kuh. deren Seiten sich immer mehr hoben. Der furchtbare Gedanke, sie könnte verenden, quälte ihn. Diese beste und schönste Kuh, deren Euter immer, von Milch strotzten, die alljährlich ein so zartes und schönes Kalb warf, die Ernährerin seines Hauses und die Mitgift seiner nicht mehr jungen ältesten Tochter, sie sollte vor der Zeit sterben! Es war nicht auszudenken. Mirjam brachte die Säcke und die Matte. Dann deckten sie das Vieh zu und hüllten es ein mit besonderer Sorgfalt wie ein krankes Wickelkind. Mirjam senkte nun das Haupt und rang die Hände, ohne etwas zu sagen, denn der Quell ihrer Gedanken, der auch in gewöhnlichen Zeiten nicht besonders reichlich floß, war gänzlich versiegt. Ihr Vater aber stand neben der Sterbenskranken mit trauernder Miene, ohne das Auge von ihr zu wenden, und wiederholte verzweifelt immer dasselbe Wort: „Armes Thier, armes Thier!" „Armes Thier!" wiederholte Mirjam und schüttelte den Kopf. In diesem Augenblicke vergaß die Tochter ihre Mitgift, der Vater die Quelle seines Lebensunterhaltes. Beide litten mit dem Vieh, das mit den Füßen zappelte. Dem Juden ist die Freude an allerlei Gethier und Geflügel fremd, es fehlt ihm die Gabe, zu ihnen zu sprechen, sich zu ihnen zu gesellen und an ihren Freuden sich zu ergötzen. Aber es giebt feine Saiten in seinem Innern, die ihn ihr Elend fühlen lassen. III. „Wirst Du Dein Maul halten, nichtsnutziges Kind?" schrie Hinde ihren einzigen Sohn an, als sie Kleie und Waffer für das Vieh richtete, „ich werde Dir zeigen, Du Wicht, daß ich lauter schreien kann als Du." Das Kind, das in der Wiege lag, heulte noch entsetzlicher, als hätte die Schelte her Mutter gar nicht ihm gegolten. Bald aber wgndelte sich sein Geheul in ein seltsames heiseres Aechzen, es klang, als wäre ihm die Kehle verstopft. „Verdammter Junge, Du! Wirst Du endlich aufhören!" wüthete die Mutter. Eine der Töchter lag auf dem Fußboden, starrte auf die' rauchende Holzkohle im Ofen und summte in wohlklingendem Singsang ihr Frühgebet: „Moses gab uns die Thora. . ." Offenbar war das Mädchen an solche mütterliche Unwetter, die sich mehr als einmal auch über sie entladen haben mochten, gewöhnt. Auch die schwarze Katze, die auf der Bank kauerte, ließ sich aus ihrem sanften Schlummer nicht stören. Im Gegentheil, das Geschrei der Hausfrau lullte sie prächtig ein. Hinde schüttelte die Kleie von ihren Händen und trat an die Wiege ihres schreienden Kindes. Sein bleiches, mageres Gesicht war runzlig, seine Augen waren entzündet. Seine Jammerrufe drangen aus der gepreßten Kehle und dem weit geöffneten Munde, sein dürftiges Körperchen wurde geschüttelt mit) wälzte sich unruhig auf dem schmutzigen, naffen Lager. „Du schlechtes Kind! Wann wirst-Du schon verstummen, Du Scheusal?" schrie Hinde, indem sie sich über die morsche, gebrochene Wiege neigte, voll Wuth das unglückselige kleine Geschöpf wie ein Stück Holz anfaßte und es heraus nahm. Sie rüttelte den Strohsack, ordnete das Fetzenzeug und legte das Kind wieder hin. Und, als ihre Blicke auf sein Gesicht fielen, schwand ihr Zorn, und zärtlich sagte sie zu ihm: „Schlaf doch gut, mein lieber Junge. Wir sind alle so elend und geplagt, daß wir uns gar nicht um Dich bekümmern können, armer Junge. Viele Mäuler — daß ich mich nicht versündige! — hat unsere Kuh, sie soll leben, zu stopfen. Und wenn wir sie nicht hüten wie unseren Augapfel, können wir alle verhungern, denn mein Handel geht immer schlechter, und auch Dein Vater verdient nichts in der letzten Zeit, nicht das Geringste bei allen seinen Geschäften, ach ja!" Mit diesen Worten, in denen sich ihr gequältes Herz Luft machte, verließ sie ihr einziges Söhnchen, das noch immer jammervoll und herzzerreißend schrie, und setzte sich au den Ofen, in dem das nasse Holz nicht recht brennen wollte. Die Leute aus dem Volke bei anderen Nationen schütten ihr Herz vor ihrem Rosse, ihrer Kuh, ihrem Hahne oder ihrem Hunde aus, — der Jude oder die Jüdin offenbart seine Herzenspein den Kindern, die noch in den Windeln liegen. Ein heiseres Pusten — Hinde hatte es mit ihrer trockenen Lunge nicht leicht, das Feuer im Ofen anzufachen. In diesem Augenblick kam der Milchmann mit seiner Tochter ins Zimmer. „Unser Vieh . . . weh' mir!" sagte er mit gesenktem Haupte. „Was ist mit unserem Vieh?" fragte Hinde, die noch in ihre traurigen Gedanken versunken war. „Krank ist es," antwortete er bekümmerten Tones, „und ich fürchte, sehr krank." Hinde wandte schnell den Kopf ihrem Manne zu. „Was sagst Du da? Was sprichst Du? Sprich doch deutlich!" „Die Kuh ist krank." ‘ „Wehe, wehe, was ist ihr?" rief Hinde. Sie zitterte, als ginge ein elektrischer Strom durch ihren Körper. „Ich weiß ja nicht, was sie hat, nichts weiß ich. Ich sehe ja blos, daß sie kein Futter anrührt und aufgeschwollen ist wie ein voller Schlauch. „In ihrem Innern arbeitet es, und sie'brüllt heiser," ergänzte Mirjam, die an diesem Morgen älter geworden zu fein schien, so wie ihr Vater kleiner und dürrer. „Ja, sie ist krank, sie hat Schmerzen. Ein armes Thier!" sagte der Milchmann kopfschüttelnd, nahm das Buch der „Tehillim"