Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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465 Fesefrüchte. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. J II. in recht seltenes Buch, „Schummels Breslauer Almanach" für den Anfang des 19. Jahrhunderts, Breslau, 1801. 1. Theil (ein zweiter ist jedoch, wie es scheint, nicht veröffentlicht worden), bringt auch ein paar Biographien von Juden. Das Merkwürdige bei diesen ist, daß diese Lebensbeschreibungen, trotzdem sie während einer sehr antijüdischen Zeit erschienen sind, durchaus nichts Judenfeindliches enthalten. Die eine behandelt Moses Hirschel, Gelehrter und 1801 Directeur einer Kommissions-Expedition. Er ist in Breslau 1754 geboren, war zum Rabbiner bestimmt, erlangte durch Maimonides, „Führer der Verirrten", die Lust zum selbständigen philosophischen Forschen, wurde nach manchen Reisen Antiquar, Schachspieler und bereicherte die Litteratur über das Schachspiel durch manche Werke. Er gerieth in Streitigkeiten mit der jüdischen Gemeinde und veröffentlichte gegen sie die Schrift: „Der Kampf der jüdischen Hierarchie mit der Vernunft", während er für sie eine Apologie der Menschenrechte verfaßte. Er. schrieb Biographien des Dichters Kuh und des Philosophen Mendelssohn. Er richtete im Jahre 1795 an die königliche Kammer ein Gesuch des Inhalts, aus dem Judenthum austreten zu dürfen, ohne zum Christenthum überzugehen. Das Gesuch wurde ihm abgeschlagen. Er hat später seinen väterlichen Glauben doch verlassen. Die zweite Biographie eines Juden ist die des Elias Henschel, der 1758 geboren, und 1843 als Arzt am jüdischen Krankenhause starb. Eine Notiz Meusels, daß Henschel im Jahre 1822 Professor wurde, ist insofern falsch, als er hier Elias Henschel mit seinem Sohne August Henschel verwechselt. Dieser wurde allerdings, wie mir Herr Dr. Brann mittheilt, nachdem er zum Christenthum übergetreten, im Jahre 3821 außerordentlicher und 1832 ordentlicher Professor. Auf seine medizinische Thätigkeit und die zahlreichen kleinen Schriften ist nicht weiter einzugehen, weil sie in ein gar zu spezielles Gebiet führen. Nur auf zwei Vorgänge seines Lebens mag aufmerksam gemacht werden. Der eine ist, daß Henschel in Berührung mit jenem Christoph Kaufmann kam, dem Lavater- Zögling, der von Goethe als Gottes Spürhund so derb verspottet wurde. Kaufmann, der im Anfang der dreißiger Jahre in Herrnhut lebte, suchte, darin dem Vorbilde seines Meisters Lavater treu, Henschel zum Christenthum zu bekehren. Henschel aber widerstand solchen Bemühungen. „Dieser Briefwechsel ist leider mit Kaufmanns Tode verloren gegangen, und was ebenso schade ist, auch eine Biographie, die Kaufmann von Henschel entworfen hatte, und woraus wenigstens erhellt, daß Henschels Lebensgeschichte schon früher als merkwürdig aufgefallen ist, ehe noch der Verfasser des Almanachs daran dachte." Der andere Vorgang aus Henschels Leben fällt in die Jugendjahre. Er war zur Handlung bestimmt, lange Zeit Diener und mußte sich in den dürftigsten Verhältnissen quälen. Aber nicht nur mit der Außenwelt, sondern auch mit sich selbst gerieth er in Kampf. Ilm seine dürftigen Verhältniffe zu verbessern, griff er zum Spiel, iinfc da er natürlich verlor, statt zu gewinnen, wagte er sich an die Kasse seines Herrn. Dieser Fehl wurde nun gerade sein Heil. Seitdem verändertesich sein Sinn; der ursprünglich etwas leichtsinnig veranlagte Jüngling, der nach erlisten Dingen kein Verlangen hatte, wurde ein strenger, eifrig den Studien ergebener Mann, der unter den größten Entbehrungen sich einen Platz in der Wissenschaft und eine Stellung im Leben erwarb. —n—II-— - -----. —ii—ii- MiiMMmIll | MMMUWk s * IL gvz.tumwnuäii! WMMnM FEUILLETON 1 J Jl MMMW wnuEMIwZS ^^nTHiffliiniilllHWTniümTOinWlBlJirailinimllMnmniimnilJP^il'llInlltJCl^nililwTnjBIunlllUlWltiiüiiWli CtkI 7-11-II ---- -H-»-- Der Milchmann. Novelle von R. Brainin. II. er Morgen war regnerisch und neblig. Der Milchmann nahnl seinen Tallisbeutel und ging in das Bethaus. Er hatte sich erst einige Schritte von seinem Hause entfernt, als seine Tochter Mirjam auf der Schwelle erschien und mit ängstlicher Stimme rief: „Vater, Vater!" „Was schreist Du so?" rief er zornig. „Was geht es Dich an, wenn ich früh morgens ins Beihaus gehe?" „Vater, Vater, die Kuh . . ." „Was ist mit der Kuh?" fragte der Milchmann erschrocken. „Komm schnell zurück, die Kuh ist krank. Sie steht nicht auf und rührt sich nicht. Sie liegt da wie ein Stein. Ich Hab' sie gestoßen, ich Hab' sie geschlagen, und sie bewegt kein Glied. Sie ist sicherlich krank." „Wehe!" rief der Milchmann, „ich ahne Böses, ich habe auch heute geträumt. . „Mögen sich Deine Träume für uns lind das.Vieh zum Guten erfüllen." sagte die Tochter, die kreidebleich geworden war. Der Milchmann legte Tallis und Tefillin uitb die anderen gottesdienstlichen Gegenstände weg und ging leise auf den Fußspitzen, um Hinde nicht zu wecken, hinter seiner Tochter in den Flur, den er Stall nannte. Die Luft war dort wartn und feucht wie in einem Badehause, und es roch scharf von dem Dünger. Die Kuh lag auf einer Streu von welken und faulen Gräsern. Ihre großen, weißen Seiten hoben und senkten sich wie ein Blasebalg, ihr Athem klang wie das Geräusch einer Säge. Der Milchmann beugte sich über die Kuh und betrachtete sie mit bariuherzigen, liebevollen Blicken. Dann betastete er mit großer Sorgfalt die dicken Glieder und hob ihre Lieder, unter denen die fiebernden Augen, ohne sich zu bewegen, hinstarrten wie die eines Wahnsinnigen. „Du liebe, rothe Kuh!" rief der Milchmann in zärtlichem Tone, „bist Du krank, Du armes Vieh? Was fehlt Dir? Wehe!.." Er nahm von der Ofenbank gebratenen Kürbis, den. seine Tochter für den Sabbath vorbereitet hatte, und legte ihn der ächzenden Kuh vor. Die rührte aber den Leckerbissen, nach dem sich selbst ihr Besitzer die Finger abzulecken pflegte, nicht an. „Was ist Dir nur, Arme! So krank bist Du!" Und dann gab ec ihr wieder frisches Gras, welches er aus einem kleinen Sacke nahm. Aber das kranke Thier rührte auch daran nicht. Der Milchmann roch an den Kräutern mit seiner buckligen Nase und prüfte sie so eingehend, als wollte er ihre Zusammensetzung erkunden. „Das Gras ist schlecht, verdorben, es taugt nichts!" schrie er seine erschrockene Tochter an. „Es ist Gras wie jedes andere," antwortete Mirjam. „Gras, Gras! Der Teufel hole Dich! Ich sehe doch and; ohne Dich, daß . ich Gras und nicht Unkraut in den Händen habe." „Ja, Gras. Was soll es denn sein? Soll ich sie mit Gold oder Edelsteinen füttern?"